"Ich glaube, man sieht es mir an, wie sehr ich mich freue: Das ist ein großer Tag für das Klima und für den Verkehr", sagte Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) zum Auftakt der Pressekonferenz zum Letztstand zum Klimaticket. Dieses, ihr "Herzensprojekt", wie Gewessler es nennt, sei komplett. "Wir haben es geschafft." Alle Bundesländer seien von Anfang an dabei. Die Einigung "steht", so Gewessler: "Eins für alle" kommt am 26. Oktober. Der Vorverkauf des zuvor als 1-2-3-Ticket geplanten "Klimaticket Now" startet am 1. Oktober.

Seit 15 Jahren stehe es in Regierungsprogrammen, so Gewessler. "Und wenn uns der heurige Sommer etwas gezeigt hat: Die Klimakrise ist auch bei uns angekommen." Öffi-Fahren sei gut fürs Klima. 

Österreichweite Stufe kostet 150 Millionen Euro

Wer sich ein "Klimaticket Now" kauft, kann damit künftig jeden Linienverkehr in einem bestimmten Gebiet nutzen. Dazu gehören sowohl öffentliche als auch private Züge, alle Öffis in Städten und Verkehrsverbünde. Starten wird das Ticket österreichweit am Nationalfeiertag, dem 26. Oktober. Bereits am Freitag wird es allerdings im Vorverkauf erhältlich sein – zum Start um 15 Prozent ermäßigt. Von Freitag bis zum Nationalfeiertag kostet es also 949 statt 1.095 Euro für ein Jahr. Für alle unter 26 sowie für Seniorinnen und Senioren gibt es zudem eine Ermäßigung auf 821 Euro. Inklusive der 15 Prozent Startrabatt sind es also 699 Euro.

Das Klimaticket kommt allerdings in anderer Form als ursprünglich geplant. Vorgesehen war die Netzkarte einst mit drei Stufen, daher der damals gewählte Name "1-2-3-Ticket". In der 3er-Stufe sollte man – wie nun auch realisiert – um 1.095 Euro in ganz Österreich den öffentlichen Verkehr nutzen können. Geplant wäre aber auch gewesen, um einen Euro pro Tag und Bundesland (365 Euro jährlich) und um zwei Euro pro Tag in einem Bundesland und einem Nachbarbundesland Öffi fahren zu können (730 Euro).

Abweichen von früheren Plänen

Das gelang allerdings ausschließlich in Wien. In anderen Bundesländern kosten die Jahreskarten deutlich mehr, bis hin zu 695 Euro in Oberösterreich (siehe Artikel unten). Das Burgenland und Niederösterreich werden für das neue Klimaticket wie gewünscht eine gemeinsame Region. Auch ein gemeinsames Ticket für die gesamte Ostregion (Wien, Niederösterreich und das Burgenland) ist um 915 Euro pro Jahr erhältlich.

Die österreichweite Stufe des Klimatickets werde die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler 150 Millionen Euro kosten, sagte Gewessler. Weitere 100 Millionen im Budget seien zudem für die Finanzierung der Netzkarte in den Bundesländern vorgesehen. "Darüber hinaus investieren wir so viel wie nie zuvor in den öffentlichen Verkehr", so die Ministerin.

Die Wiener Nordostumfahrung samt umstrittenem Lobautunnel sei bei den Verhandlungen zum Klimaticket kein Thema gewesen, beteuerte Gewessler und bekräftigte, dass deren Evaluierung im Herbst abgeschlossen sein solle. Zuvor war vielfach vermutet worden, dass gerade Wien die Einigung auf ein österreichweites Öffi-Ticket von einer Realisierung des Straßenprojekts abhängig machen könnte.

Größte Tarifreform der Ostregion

Damit verbunden sei die größte Tarifreform der Ostregion, ergänzte Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP). Das Jahresticket für ganz Österreich soll 1.095 Euro kosten. Für Wien, Niederösterreich und das Burgenland zahlt man 915 Euro pro Jahr. Niederösterreich und das Burgenland werden als ein Bundesland bewertet, das Öffi-Jahresticket für beide Bundesländer wird sich auf 550 Euro belaufen.

All jene Pendler, die aus Wiens Umkreis in die Hauptstadt fahren, könnten die günstigen Tarife ihrer Jahrestickets behalten, so Mikl-Leitner. Die Verhandlungen seien ohne zusätzliche Mittel der Länder möglich gewesen. Niederösterreich will in den kommenden Jahren für den zusätzlichen Zugverkehr aber 1,1 Milliarden Euro "in die Hand nehmen". Bis 2030 soll das Angebot um 30 Prozent erhöht werden.

Für neue Angebote brauche es aber auch eine passende Infrastruktur. Öffentlicher Verkehr gehe auch über Straße - in Niederösterreich zu 40 Prozent. Das heißt: Bus und Bahn seien wichtig, und beide seien im Klimaticket integriert, sagte Mikl-Leitner.

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) hob in diesem Zusammenhang noch einmal das Jahresticket für Wiens Öffis um 365 Euro pro Jahr hervor. Es gebe insgesamt 164 Linien wie U-Bahn und Bus. 819.000 Personen verfügten bereits über das Wiener Jahresticket, so Ludwig - die Nachfrage sei also gewaltig. Täglich pendeln laut Ludwig fast 200.000 Personen nach Wien, ein Großteil von diesen mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Für SPÖ NÖ nur "erster Schritt"

"Ein erster Schritt, leider nicht mehr", stellte LHStv. Franz Schnabl, Landesparteichef der niederösterreichischen SPÖ, zum Klimaticket fest. "Ein uneinheitlicher, teils teurer Fleckerlteppich" liege vor. Zudem müsse die ÖVP endlich bereit seien, den öffentlichen Personen-Nahverkehr auszubauen anstatt Nebenbahnen einzustellen.

"NÖ endlich" reagierte indes Helga Krismer, Landessprecherin der Grünen. "Heute ist ein Jubeltag!" Seit fast zehn Jahren würden die Grünen NÖ für ein einheitliches und leistbares Ticket für ganz Niederösterreich kämpfen, erinnerte Krismer. Das Klimaticket sei "die wichtige ökosoziale Maßnahme, weil es damit erstmals ein günstiges Öffi-Ticket für ganz Österreich gibt".

Eine "Einigung mit Schönheitsfehler" sah Indra Collini, niederösterreichische Landessprecherin der NEOS, und verwies auf die Preisgestaltung. Sie forderte daher, die Kernzone Wien auf die erste VOR-Außenzone auszuweiten, "um zum Jahreskartenpreis von 365 Euro einen echten Anreiz für den Umstieg zu schaffen".

NÖAAB-Landesobfrau Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister verwies darauf, dass aktuell mehr als 60 Prozent der Pendlerinnen und Pendler in Niederösterreich das Auto für ihren Weg in die Arbeit benützen würden. Das günstigere Jahresticket sei eine große Chance, diesen Anteil zu senken.

Zufrieden zeigte sich Abg. Lukas Brandweiner (ÖVP). Die längeren Verhandlungen hätten sich für Niederösterreich und vor allem für die Bürger des Waldviertels bezahlt gemacht, wo der Mandatar auch Regionalverbandsobmann ist.

Opposition und Umweltschützer für weitere Maßnahmen

Oppositionsparteien und Umweltschützer haben am Donnerstag die verkündete Einigung zum Klimaticket grundsätzlich begrüßt, aber weitere Maßnahmen gefordert. SPÖ-Verkehrssprecher und Ex-Verkehrsminister Alois Stöger sah Verbesserungsbedarf beim Preis in manchen Bundesländern und wie die NEOS auch bei den verfügbaren Öffi-Verbindungen. Naturschutzorganisationen plädierten ebenfalls für ein besseres Angebot beim öffentlichen Verkehr sowie für gleichzeitig weniger Straßenprojekte.

Ein Euro pro Tag für alle öffentlichen Verkehrsmittel im jeweiligen Bundesland, sei versprochen worden, erinnerte Stöger. Oberösterreich habe für sein Bundesländerticket jedoch einen Preis von nahezu 700 Euro vorgesehen. "Günstige Tarife, also Leistbarkeit, sind wichtig, um die Bevölkerung für den öffentlichen Verkehr zu begeistern. Genauso wichtig ist aber auch das Angebot an Zügen und Bussen und die Infrastruktur", betonte Stöger in einer Aussendung.

"Der Preis ist nicht der Grund, warum die Menschen nicht auf die Öffis umsteigen, sondern das vielerorts mangelnde Angebot, also die schlechten oder fehlenden Verbindungen", merkte auch NEOS-Verkehrssprecher Johannes Margreiter an. "Das Klimaticket hilft vor allem jenen finanziell, die ohnehin bereits mit den Öffis fahren", kritisierte er.

"Brauchen Preis für klimaschädliches Verhalten"

Greenpeace, WWF und Global 2000 zeigten sich erfreut über den flächendeckenden Start des Klimatickets ab 26. Oktober. "Wir brauchen aber auch einen spürbaren Preis für klimaschädliches Verhalten. Die lang versprochene Steuerreform muss endlich auf den Tisch", forderte Klara Maria Schenk, Klima- und Verkehrsexpertin von Greenpeace. "Alle Bundesländer müssen sowohl die Taktung des Öffi-Verkehrs im ländlichen Raum verbessern als auch die Rad-Infrastruktur massiv ausbauen", sagte WWF-Klimasprecherin Lisa Plattner. Beide Organisationen forderten den Stopp überholter Schnellstraßen-Projekte, die NGO Global 2000 ebenso eine CO2-Bepreisung.

Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) verlangte, dass als nächster Schritt dort, wo es Mängel gibt, das regionale Bahn- und Busangebot ausgeweitet werden müsse. Zudem solle das Klimaticket um Carsharing-und Bikesharing-Angebote zu einer Mobilitätskarte erweitert werden. Der ÖAMTC bezweifelte in einer weiteren Aussendung, dass mit dem neuen Ticket tatsächlich ein deutlicher Impuls für den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr gesetzt werde. Das Match punkto Umstieg der Pendlerinnen und Pendler auf Öffis werde mit kurzen Fahrzeiten und hohen Taktfrequenzen gewonnen.

Die Genese im Detail

Am 7. Jänner 2020 wurde die ÖVP-Grünen-Koalition ernannt. Bereits im Regierungsprogramm steht das "1-2-3-Österreich-Ticket zur Erreichung der Klimaziele" drinnen. Ausgeführt ist, dass es sich dabei um eine "klimaschonende Alternative zum motorisierten Individualverkehr" handelt -"breit leistbar und zugleich unkompliziert zugänglich".

Im Mai 2020 wurde bekanntgegeben, dass das 1-2-3-Ticket noch im Jahr 2021 starten soll. Zunächst war die Einführung in Stufen geplant - zuerst die österreichweite 3er-Stufe um drei Euro täglich (1.095 Euro), dann die Varianten für zwei Bundesländer um 730 Euro, also zwei Euro am Tag und die Tickets für ein Bundesland um 365 Euro, also einen Euro pro Tag.

Im Juni 2020 kündigte Verkehrsministerin Leonore Gewessler (Grüne) im Rahmen der AUA-Rettung an, dass nun 240 Millionen Euro für die Finanzierung des österreichweiten Tickets für alle öffentlichen Verkehrsmittel um 3 Euro pro Tag gesichert seien.

Ende Juli 2020 beschloss der Ministerrat die Einführung der österreichweiten Stufe des 1-2-3-Tickets für das Jahr 2021. Zähe Verhandlungen mit Verkehrsverbünden und Bundesländern folgten, als besondere Herausforderung galt die Finanzierung, insbesondere die Verkehrsverbünde forderten mehr Geld für Investitionen.

Im Jänner 2021 war es dann soweit - Tirol und Vorarlberg unterzeichneten einen sogenannten "Umsetzungsvertrag" für die Netzkarte. Mit Salzburg war man sich bereits 2020 einig geworden.

Ende Mai 2021 gab der Ministerrat zur Mitfinanzierung der regionalen Teile des 1-2-3-Klimatickets 100 Millionen Euro für die Bundesländer frei. Das Geld wird nach Bevölkerungsschlüssel aufgeteilt. Die Länder sollen damit das Ticket und auch ein etwaiges Mehrangebot im öffentlichen Verkehr bezahlen.

Mitte August 2021 wurde bekanntgegeben, dass das österreichweite Ticket am Nationalfeiertag am 26. Oktober startet. Verträge mit sechs Bundesländern, den ÖBB, Westbahn und Regiojet waren damit bereits fix, in fünf der Länder - Ausnahme Kärnten - wurden auch Regionaltickets fixiert. Offen blieb noch der Verkehrsverbund Ostregion (VOR). Mit den drei Bundesländern im Osten - hier gibt es 60 Prozent des öffentlichen Verkehrs - waren die Verhandlungen zäh, über 40 Runden blieben bis dahin ohne Erfolg. Ein Start ohne die Ostregion wurde fixiert.

Der Vorverkauf für das Ticket startet am 1. Oktober. Zuvor ging es nun schnell - am Mittwoch wurde die Einigung mit der Ostregion bekannt, am Donnerstag offiziell bestätigt. Start ist wie geplant der 26. Oktober. Somit bleibt Kärnten das einzige Bundesland ohne Regionalticket, in den restlichen wird es welche geben. Das Burgenland und Niederösterreich werden zu einer Region zusammengefasst. (apa)