Geduldig stellt Maxi Spielzeugauto neben Spielzeugauto. Es ist eine akkurate Reihe, die sich beinahe über den gesamten Tisch in seiner Kindergartengruppe hinzieht. Er baut daran gefühlte Stunden. Eigentlich möchte Mia ebenfalls mit den Autos spielen, sie gibt dem gelben auf Maxis Tisch einen Schubs. Maxi ist entsetzt, beginnt erst zu brüllen, schubst Mia weg und schlägt mit seinen Fäusten auf den Tisch.

Die Situation hat die Leiterin eines städtischen Kindergartens in Wien so zwar nicht miterlebt. Es scheint aber keine untypische Herausforderung zu sein, denn Susanna Kölbl, Leiterin eines Kinderfreundekindergartens erzählt unabhängig davon beinahe Identisches. Sie beansprucht die volle Aufmerksamkeit der Elementarpädagogin. "Für bis zu 23 weitere kann sie in diesem Moment nicht da sein." Eltern müssten informiert werden, an Unterstützungspersonal gebe es zu wenig. "Und mit dem Kind selbst hast du da noch gar nicht gearbeitet."

So wie diese Pädagoginnen fühlen sich viele der knapp 63.000 Beschäftigten in den heimischen Kindergärten mit zunehmendem Druck in der Arbeit manchmal alleine gelassen.

Besserer Personalschlüssel gefordert

"Es reicht!", sagten die Gewerkschaften vida und GPA und rufen am Dienstag den 12. Oktober zu Betriebsversammlungen in den Privatkindergärten auf. "Jetzt gibt’s Wirbel", werden die Beschäftigten der öffentlichen Kindergärten am 14. Oktober bei der von der Gewerkschaft Younion organisierten Demonstration am Wiener Minoritenplatz ergänzen.

"Es geht um Gruppengrößen im Kindergarten von höchstens 18 bis 20 Kindern, heute sind es in Wien bis zu 25", erklärt ÖGB-Frauenvorsitzende Korinna Schumann den Aufstand des Kindergartenpersonals. Dabei sollten Eltern eigentlich einen flächendeckenden Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab dem zweiten Lebensjahr haben. "Es braucht ein einheitliches Bundesrahmengesetz, nicht neun unterschiedliche Länderregelungen", sagt Younion-Bundesfrauenreferentin Judith Hintermeier. "Es braucht einen Personalschlüssel von höchstens einem Erwachsenen auf sieben Kinder österreichweit und die Abgeltung von zumindest 25 Prozent der Vorbereitungszeit", sagt Karin Samer, Betriebsratsvorsitzende der Wiener Kinderfreunde.

Aus- und Umsteigerinnen nach der Ausbildung

Die Probleme im Kindergarten sind damit allerdings noch nicht gelöst: Es gebe viele, die nach den Belastungen in der Pandemie aufhören wollen, sagt eine Pädagogin. Eine Leiterin spricht von seit kurzem höheren Einstiegsgehältern von 1.900 Euro netto. "Nach mehr als 20 Jahren im Beruf und Leiterin verdienst du aber auch nur 500 Euro mehr", sagt sie über die geringen Aufstiegsmöglichkeiten.

Es gebe zu wenige mit sonderpädagogischer Ausbildung für Kinder wie Maxi, lange Wartezeiten auf spezielle Integrationsplätze, sagt eine Pädagogin. Überhaupt gibt es zu wenig, die in den Beruf drängen. Zwar gebe es keine gesicherten Daten dazu, eine Studie läuft noch; man geht aber davon aus, dass nur ein Drittel bis höchstens die Hälfte nach der Ausbildung im Beruf bleibt. "Volksschullehrerinnen verdienen mehr und haben mehr Freizeit. Da verstehe ich schon, warum manche nach der Schule weiter studieren", sagt etwa Kölbl.

Was Studien jedenfalls gesichert zeigen, ist, dass sich Bildung im Kindergarten lohnt. Individuell erhöht jedes Kindergartenjahr das Einkommen, Aber nicht nur das: Laut Wifo-Studie lohnt sich jeder Kinderbetreuung und -bildung sowie andere Sorgearbeit wie Pflege investierte Euro sofort. Eltern bezahlen mehr Lohn- und Konsumsteuern, benötigen weniger Sozialleistungen. "70 Prozent der Kosten dieser Investitionen erhält der Staat unmittelbar zurück, nicht nur weil neue Arbeitsplätze entstehen, sondern auch, weil mehr Eltern erwerbstätig sein können", erklärt Care-Ökonomin Katharina Mader.

Der Nutzen von Elementarpädagogik und Kindergärten ist nicht nur bei den Gewerkschaften angekommen. Am Montag erneuern die Sozialpartner, neben ÖGB und Arbeiterkammer auch Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung, ihre Forderung nach einer Milliarde Euro an Investitionen in Kindergärten. Kosten würde diese letztlich ja nur 300 Millionen Euro.