Schon das Außenministerium war nicht Teil seiner Lebensplanung, wenn man ihm glaubt. Nun wird es vielleicht sogar das Kanzleramt. Der Spitzendiplomat Alexander Schallenberg hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere hingelegt, angeblich ohne das zu wollen. Dass mit ihm ein enger Vertrauter des baldigen Comeback-Altkanzlers Sebastian Kurz das Ruder übernehmen soll, macht eine weitere Zusammenarbeit von Türkis und Grün nicht unbedingt leichter.

Freilich, Schallenberg ist an sich ein umgänglicher Typ, der sich allerdings bisher nur selten in die Tagespolitik verirrt hat. Wenn, dann tauchte er abseits von Auslandsreisen als Hardliner in der Flüchtlingspolitik auf, im In- wie im Ausland. Dabei überraschte er ab und an auch mit einer für einen Chefdiplomaten eher brachialen Rhetorik - etwa nach dem Brand im griechischen Lager Moria. Da kritisierte er das "Geschrei" nach Verteilung von Flüchtlingen. Hartherzig wollte sich der geschiedene vierfache Vater dann aber auch nicht nennen lassen.

Für Aufsehen sorgte Schallenberg in jüngerer Zeit auch mit dem Hissen der israelischen Fahne auf seinem Regierungsgebäude als Reaktion auf die Eskalation in Nahost vergangenen Mai. Wenig Freude hatte der Außenminister damit, jüngst Österreicher mit afghanischer Abstammung aus deren Herkunftsland zu holen, als die Taliban die Macht übernahmen. Auch die Rückholung der Österreicher zu Beginn der Corona-Pandemie gehörte zu seinen Herkulesleistungen.

Sohn eines Topdiplomaten

Die Diplomatie wurde dem 52-Jährigen quasi in die Wiege gelegt. 1969 in Bern als Sohn des Botschafters und späteren Generalsekretärs im Außenministerium Wolfgang Schallenberg, geboren, wuchs er in Indien, Spanien und Frankreich auf. Von 1989 bis 1994 studierte er Rechtswissenschaften in Wien und Paris, danach Europäisches Recht am Europacollege in der belgischen Stadt Brügge. Wurzeln hat er im Mühlviertel in Oberösterreich, sein nasaler Sprechstil steht aber wie seine Art von Humor eher fürs diplomatische Parkett.

Schallenbergs erste Auslandsstation war Brüssel, genauer die österreichische EU-Vertretung dort, wo er fünf Jahre lang die Rechtsabteilung leitete. Zurück in Österreich machte sich Schallenberg als Pressesprecher der früheren Außenministerin Ursula Plassnik sowie später von deren Nachfolger Michael Spindelegger (beide ÖVP) einen guten Namen.

Als Kurz die Agenden des Außenministers übernahm, beförderte er den Kommunikationsprofi zum Leiter für "strategische außenpolitische Planung". Auch in den Regierungsverhandlungen nach der Nationalratswahl 2017 zählte Kurz auf ihn. So folgte der ausgewiesene Europaexperte ihm auch ins Bundeskanzleramt, wo er während der türkis-blauen Regierungszeit die Stabsstelle Strategie und Planung leitete.

Heimlicher Kanzler

Zu Ministerehren kam er in der Experten-Regierung nach Ibiza, wo er das Außenamt für den Übergang leitete. Allerdings galt er damals schon als heimlicher Kanzler, der die in Regierungsgeschäften unerfahrene Brigitte Bierlein tatkräftig unterstützte, wohl auch mit einem leichten Seitenblick auf Nutzen für die Volkspartei.

Nunmehr dürfte Schallenberg - die Zustimmung der Grünen vorausgesetzt - auch ganz offiziell das Kommando übernehmen. Wie lange das gut geht, steht in den Sternen. Für eine längere Verweildauer wäre wohl auch ein gewisser Abnabelungsprozess von Kurz vonnöten. Auf Schallenberg wartet damit die ultimative Gelegenheit, diplomatisches Geschick zu beweisen. (apa)

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde um 20:40 aktualisiert.