"Fehlende Kinderbetreuung stellt für Frauen im ländlichen Raum eine Hürde dar, um am Arbeitsmarkt teilhaben zu können", stellt Korinna Schumann, ÖGB Vizepräsidentin und Frauenvorsitzende, fest. "Es geht um qualitätsvolle Kinderbetreuungsangebote,  flächendeckend vom Neusiedler- bis zum Bodensee", sagt Martha Schultz, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer und Vorsitzende von "Frau in der Wirtschaft".

"Es gibt noch ganz viel Luft nach oben, damit Familien und Frauen tatsächlich Wahlfreiheit haben", ergänzt Arbeiterkammerpräsidentin Renate Anderl. "Es geht darum, dass junge Frauen ihren Lebensmittelpunkt am Land behalten können und nicht abwandern", sagt Maria Pein, Vizepräsidentin der Landwirtschaftskammer Steiermark. Auch die Industriellenvereinigung (IV) schließt sich den Forderungen der Sozialpartnerinnen an: "In Zeiten des Fachkräftemangels müssen wir echte Vereinbarkeit erreichen, wir wollen deshalb einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz verankert haben", sagt IV-Vizepräsidentin Sabine Herlitschka, "und zwar ganztägig und ganzjährig".

Die fünf Frauen fordern von der Regierung, fünf Punkte eines konkreten Fahrplans umzusetzen: vom Ausbau der Kinderbetreuung über eine Qualitätsoffensive, auch in der Ausbildung und Technik- wie Sprachbildung bis hin zur Planungs- und Finanzierungssicherheit für Gemeinden wie Eltern. Mit zumindest einer Milliarde Euro an Investitionen jährlich rechnen die Organisationen, damit Eltern ab dem Herbst 2025 einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für ihr Kind ab dem ersten Geburtstag haben. 

Fast 10.000 zusätzliche Pädagoginnen und Pädagogen bis 2025 notwendig

   

Noch ist Österreich von diesem ambitionierten Ziel weit entfernt. Schon 2002 hat der Europäische Rat ein Kinderbetreuungsangebot für zumindest 33 Prozent der Kinder im Alter von bis zu drei Jahren als Ziel definiert. Seither ist von diesem als Barcelona-Ziel die Rede, Österreich hat es mit 27,6 Prozent nach wie vor nicht erreicht. "Bei rund 250.000 Kindern in diesem Alter wären 10.000 Plätze zusätzlich notwendig", sagt Herlitschka. 

Die Sozialpartnerinnen wollen das Plus in zwei Schritten erreichen: Schritt eins wäre der Rechtsanspruch ab Herbst 2023 für Eltern von Kindern ab dem zweiten Geburtstag, zwei Jahre später dann ab dem ersten Geburtstag. Schon für Schritt eins fehlt es an Pädagoginnen und Pädagogen in der Elementarbildung, 3.000 braucht es bis 2023, bis 2025 dann 4.600. Weil AK, WK, LK, ÖGB und IV darüber hinaus eine Qualitätsoffensive im Kindergarten mit kleineren Gruppen und besseren Erwachsenen-Kind-Betreuungsschlüssel vorschwebt, die "Wiener Zeitung" berichtete bereits von den Gewerkschaftsforderungen, sind bis dahin weitere 5.300 notwendig - in Summe müssten die Kollegs und Bundesbildungsanstalten für Elementarpädagogik, kurz Bafeb, innerhalb von nur vier Jahren 10.000 zusätzliche Fachkräfte ausbilden. 

Investitionen, die sich zu zwei Drittel selbst finanzieren

Schon die Arbeiterkammer-Expertin Katharina Mader argumentiert damit, dass sich Investitionen in Sorgeberufe, darunter Pflege und Kinderbetreuung, zu großen Teilen selbst finanzieren. Nicht nur, dass jedes Jahr mehr in einer Kinderbildungseinrichtung die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind später einer Berufstätigkeit nachgeht, um fünf Prozent erhöht: "Der Return on Investment von Investitionen in professionelle Care-Arbeit ist sehr viel unmittelbarer, weil Eltern arbeiten gehen können." Das Wifo habe berechnet, dass sich 70 Cent jedes Euro durch weniger sozialstaatliche Ausgaben, dafür mehr Steuereinnahmen, selbst finanzieren.

 "Der Ausbau einer flächendeckenden und qualitativ hochwertigen Kinderbetreuung ist ein Muss", sagt Wirtschaftskammer-Vizepräsidentin Martha Schultz. "Dass dieser notwendige Ausbau etwas kostet, ist uns bewusst. Klar ist aber auch: Das ist eine Investition, die sich lohnt."

Schultz argumentiert nun mit einer Studie, die das Wirtschaftsforschungsinstitut "Eco Austria" im Auftrag der Wirtschaftskammer im September 2021 erstellt hat. Demnach kostet eine Erhöhung der Betreuungsquote von unter Dreijährigen um zehn Prozentpunkte den Staat jährlich knapp 450 Millionen Euro. Dem stehen allerdings 283 Millionen Euro an jährlichen Einnahmen aus öffentlichen Abgaben gegenüber. Zwei Drittel der Kosten finanzieren sich also über die erhöhte Erwerbsbeteiligung der Eltern. Längerfristig ist zu erwarten, dass diese Bilanz sogar noch positiver ausfällt.

Weil die Sozialpartnerinnen mehr als nur das Barcelona-Ziel erreichen wollen, seien für bessere Planbarkeit und Finanzierungssicherheit ein Prozent des Bruttoinlandprodukts bis 2025 notwendig, bei aktuell knapp 400 Milliarden Euro BIP sind das also "eine Milliarde Euro mehr pro Jahr", rechnet AK-Präsidentin Renate Anderl der Regierung vor.