So ein Medienaufgebot war noch nie." Die Einschätzung des Parlamentsmitarbeiters ist bezogen auf die bloße Angelobung eines Mandatars. Sebastian Kurz ist aber nicht nur einfacher ÖVP-Parlamentarier, sondern seit Montag zum zweiten Mal Bundeskanzler außer Dienst, der wegen Korruptionsermittlungen seinen Hut als Regierungschef genommen hat. Am Donnerstag drängen Berichterstatter und Kameraleute schon vor dem Plenarsaal in der Hofburg wenige Minuten vor Beginn der Generaldebatte zum Budget wie ein Rudel hungriger Wölfe um Kurz. Um 9.05 Uhr ist er dann nach einem "Ich gelobe" offiziell Nationalratsabgeordneter.

Während er die Journalisten fast ungesättigt stehen lässt, bevor er in den Sitzungssaal schreitet, haben die Medienmitarbeiter des ÖVP-Parteiobmanns, der seit Montagabend auch gewählter Klubchef ist, schon fleißig Vorarbeiten geleistet. Via Video auf Facebook, so wie es Kurz liebt, ohne lästige Zwischenfragen, spricht er von einer "emotionalen Achterbahnfahrt" in den vergangenen Tagen. Beim Social-Media-Auftritt kann er auch unwidersprochen behaupten, er habe sich für despektierliche Äußerungen bereits entschuldigt. Dass er seine Unschuld rund um die Inseratenaffäre beweisen werde, fehlt ebenfalls nicht.

Händeschütteln, aber kein Applaus von Genossen

Drinnen folgt ein Händeschütteln mit SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner, SPÖ-Mandatare versagen ihm dennoch den nach Angelobungen neuer Abgeordneter üblichen Applaus. Neos-Obfrau Beate Meinl-Reisinger wird ebenso mit Handschlag begrüßt, bevor Kurz neben ÖVP-Fraktionschef August Wöginger, der weiter die Arbeit im Klub macht, und Vizeklubchef Peter Haubner Platz nimmt. Die Plexiglaswand macht allerdings "Schwätzen" während der Nationalratssitzung schwierig.

Eine 46-jährige Bäuerin aus Niederösterreich ist bei Rangieren im türkisen Klub unter den Traktor gekommen. Irene Neumann-Hartberger aus dem Bezirk Wiener Neustadt ist in der Bauernschaft im größten Agrarland ein Schwergewicht: Seit 2019 ist sie Stellvertreterin des niederösterreichischen Bauernbundobmanns; dazu Aufsichtsratsmitglied bei Raiffeisen und NÖ-Versicherung darüber hinaus Bundesbäuerin.
Dennoch muss die Frau ihren Sessel im Hohen Haus für Kurz räumen. Der harrt demonstrativ am Vormittag während der Budgetdebatte auf seinem Sitz aus, bis er als 36. Redner schließlich selbst zu Wort kommt.

Davor kann und muss er sich schöne und weniger schöne Worte anhören. Wöginger kehrt hervor, dass es unter Bundeskanzler Kurz zweimal ein ausgeglichenes Budget gegeben habe. SPÖ-Chefin Rendi-Wagner reibt ihm wie mehrere Genossinnen unter die Nase, dass er in der rot-schwarzen Regierung 2016 letztlich 1,2 Milliarden Euro für Kinderbetreuung durch Blockadeversuche "gestohlen" habe. Die Freude, den Ex-Bundeskanzler an diesem Tag noch mehr ins Rampenlicht zu rücken, als er ohnehin schon ist, macht ihm die rote Oppositionspolitikerin dann aber nicht.

Nur FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl lässt sich Seitenhiebe auf den ungeliebten Chef der früheren schwarz-blauen Regierung, in der der FPÖ-Mann bis Mai 2019 Innenminister war, nicht entgehen. Der blaue Fraktionschef erinnert ausführlich und genüsslich daran, dass Kurz unverbrüchliche Treue der Republik gelobt habe. In Anspielung auf das Messias-Image, das Kurz bei Türkisen und Anhängern hat, spöttelt Kickl: "Es ist halt so, dass nicht jede Abwesenheit, die nach drei Tagen endet, eine Auferstehung ist."

SPÖ geißelt "falsche" Aussage zur Entlastung

Kurz geht in seiner Wortmeldung nicht auf die Vorwürfe ein, sondern lobt die Steuerreform ausgiebig. Gegen 12.45 Uhr verlässt er mit Wöginger den Saal.

Dazwischen geht es bei drei Dutzend Rednern um das Budget für 2022. Sachlich und unaufgeregt. Dabei wirft Rendi-Wagner Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) auf der Regierungsbank nichts weniger vor, als dass die Aussage, die Menschen würden entlastet, "falsch" sei.

Dem widersprach Wöginger. Es handele sich um "die größte Entlastung", die je gemacht worden sei, trommelt dieser ganz nach türkiser Regie. Der grüne Koalitionspartner steht um nichts nach: Es sei so, dass "klimaschädliches Verhalten erstmals einen Preis bekommt", lobt Klubobfrau Sigrid Mauer. Kickl ist nach Monaten weiter ganz im Corona-Modus: "In Wahrheit ist es ein Schwurbelbudget." Neos-Chefin Meinl-Reisinger beklagt heftig, "Zukunft" finde man nicht im Budget.