Die Infektionszahlen ziehen wieder an. Quer durch Europa und hierzulande praktisch nach dem gleichen Muster wie vergangenen Herbst: Nach einem vorübergehenden Plateau im September weisen die Infektionskurven ähnlich steil nach oben - die absoluten Zahlen, auch bei den Hospitalisierungen und Intensivpatienten, sind aktuell sogar etwas höher. Im Vorjahr wurde allerdings noch nicht so intensiv getestet. Und: Einen großen Unterschied zum vergangenen Jahr machen die um vieles infektiösere Delta-Variante einerseits und die Impfung andererseits. Letztere und dabei vor allem die Drittimpfung soll helfen, dass die Anzahl der Erkrankungen nicht weiter steigt und damit ein Lockdown verhindert wird. Ein Überblick zum Pandemiegeschehen und zu den Maßnahmen.

Wie entwickeln sich die Zahlen?

Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner lag am Donnerstag österreichweit laut Innen- und Gesundheitsministerium bei 212 nach 195 am Mittwoch. Insgesamt gab es 3.648 Neuinfektionen und 33.983 aktive Fälle.

Wo gelten welche Zutrittsregeln?

Grundsätzlich entfällt an allen Orten, an denen die 3G-Regel gilt (geimpft/getestet/genesen), die Maskenpflicht. In Geschäften des täglichen Bedarfs wie Supermärkten herrscht FFP2-Maskenpflicht für alle. Im restlichen Handel wie auch in diversen Kultureinrichtungen müssen nur Ungeimpfte eine FFP2-Maske tragen. Bei Zusammenkünften aller Art gilt ab 25 Personen die 3G-Regel.

In Wien herrschen aber strengere Regeln als im Rest Österreichs. So gilt in der Nachtgastronomie und bei allen Veranstaltungen mit mehr als 500 Teilnehmern die 2G-Regel (geimpft oder genesen). Wo im Rest Österreichs ein 3G-Nachweis erforderlich ist, hat Wien großteils 2,5G eingeführt (nur PCR-, keine Antigentests). Zudem gilt in Wien im gesamten Handel die FFP2-Maskenpflicht. Die bis Ende Oktober befristete Verordnung wird bis Ende November verlängert, so Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) am Donnerstag.

Könnten die Maßnahmen wieder verschärft werden?

Ja. Am Freitag findet ein Treffen zwischen Kanzler Alexander Schallenberg (ÖVP), Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) und den Landeshauptleuten statt. "Da werden wir die nächsten Schritte beraten", sagte Schallenberg. Die Frage laute, wie man mit jenen umgehen könne, die bei der Impfung noch zögerten, so der Kanzler. Zudem können bei steigenden Inzidenzzahlen Ausreisekontrollen in Kraft treten. Für den Bezirk Melk ist es bereits am Samstag so weit.

Wie funktioniert 3G am Arbeitsplatz?

Mit 1. November tritt die 3G-Regel am Arbeitsplatz in Kraft. Wer an seinem Arbeitsort Kontakt zu anderen Personen hat, braucht also künftig einen Impf-, Genesungs- oder Testnachweis. Kontrollen sollen stichprobenartig erfolgen. Bis inklusive 14. November gilt eine Übergangsfrist: Wer keinen 3G-Nachweis hat, muss eine FFP2-Maske tragen. Wer einen 3G-Nachweis vorlegt, braucht keine Maske mehr, so etwa Supermarktangestellte. Kunden müssen weiter Maske tragen. Für Mitarbeiter von Spitälern, Alten- und Pflegeheimen gelten 3G-Regel und FFP2-Maskenpflicht.

Wer bekommt wann die dritte Impfung?

Anfang Oktober hat die EU-Arzneimittelbehörde EMA die dritte Auffrischungsimpfung mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff genehmigt. Österreich hatte zwar schon davor begonnen, ein drittes Mal zu impfen, damals aber noch ohne Zulassung, also Off-Label. Das Nationale Impfgremium empfiehlt, Personen über 65 Jahre oder mit bestimmten Vorerkrankungen sowie mit AstraZeneca und Janssen (Johnson&Johnson) Geimpfte nach sechs Monaten ein drittes Mal zu impfen. Gehört man dieser Gruppe nicht an, wird in den Bundesländern erst ab neun Monaten nach der zweiten Impfung zum dritten Mal geimpft.

In fast allen Bundesländern wird bereits zum dritten Mal in Alten- und Pflegeheimen geimpft. Das wird wie auch bisher über das Rote Kreuz organisiert. Die Online-Anmeldungen laufen überall. Wie ein Rundruf der "Wiener Zeitung" zeigt, werden in den meisten Fällen die Betroffenen von den Ländern per Brief informiert, sobald sie sich für die Drittimpfung anmelden sollen. Die Anmeldung muss dann eigenständig erfolgen. Einen einheitlich formulierten Brief der Regierung gibt es nicht, die Länder müssen diesen selbst aufsetzen. In Wien werde auch ein Begleittext beigelegt, der über kursierende Impfmythen aufklären soll, heißt es vom Büro des Wiener Gesundheitsstadtrats Peter Hacker (SPÖ) auf Nachfrage.

Wie steht es um die Impfung von Kindern?

Seit dieser Woche, konkret seit 18. Oktober, prüft die EMA die Zulassung des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer für Kinder zwischen fünf und elf Jahren. Mit einer Entscheidung wird in einigen Monaten gerechnet. Diese Altersklasse wird aber bereits Off-Label geimpft. Von den unter 15-Jährigen sind laut Daten des Gesundheitsministeriums rund 5,9 Prozent vollimmunisiert. Insgesamt sind es etwas mehr als 60 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Erwartet uns ein Herbst wie im Vorjahr?

Mit der Drittimpfung vermutlich nicht. Mit dieser könnte auch für längere Zeit eine gewisse Grundimmunisierung gegeben sein. Im Vorjahr kletterte zu dieser Zeit die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten bereits stetig nach oben und erreichte Mitte November mit mehr als 700 ihren Höhepunkt. Aktuell sind laut Gesundheitsministerium 220 Covid-19-Patienten auf der Intensivstation, 19,1 Prozent von diesen sind vollimmunisiert. 714 Covid-19-Patienten liegen auf der Normalstation, von diesen sind 42 Prozent geimpft. Seit Anfang Februar waren in Österreich bei 215.234 Infektionen 10,12 Prozent vollständig geimpft.

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Die Ungeimpften machen somit den größten Teil des Infektionsgeschehens aus -aber auch Geimpfte können erkranken, mitunter schwer. Dennoch setzt der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin Walter Hasibeder auf die Impfung - vor allem die dritte. Dass die Anzahl der Covid-19-Intensivpatienten derzeit steigt, liege daran, dass die Schutzwirkung der zweiten Dosis nachlasse. Lassen sich alle rechtzeitig zum dritten Mal impfen, werde die Situation in den Krankenhäusern unter Kontrolle bleiben, meint er.

Derzeit, mit 220 Covid-19-Intensivpatienten, die mehr Pflege und Isolation als andere benötigen, sei diese aber bereits angespannt, so Hasibeder. "Viele Pflegepersonen, die wir von den Normalstationen abziehen und die dann auch dort fehlen, wollen sich das nicht mehr antun. Sie sind und bleiben das Nadelöhr." An Beatmungsgeräten mangle es nicht, diese könne man unkompliziert und schnell anmieten.

Selbst bei einer neuen Virus-Variante wie zuletzt Delta, seien die mRNA-Impfstoffe rasch modifizierbar. Langfristig hofft Hasibeder auf einen Herdenschutz: Dann werde die Pandemie zur Endemie - wie bei Influenza.