In Oberösterreich sind mehr als 7.000 akut mit Sars-CoV-2 infiziert und fast 12.000 Menschen in Quarantäne. Das von ÖVP und FPÖ geführte Bundesland gehört zu jenen mit der höchsten Sieben-Tage-Inzidenz, nur in Salzburg hat sich in der vergangenen Woche ein größerer Anteil der Bevölkerung infiziert. Mehr als 240 Covid-19-Erkrankte müssen in Krankenhäusern stationär versorgt werden, 37 davon auf den Intensivstationen. Zugleich ist das Bundesland mit nur 57 Prozent Vollimmunisierten österreichweites Schlusslicht bei der Durchimpfungsrate.

Trotzdem setzt die Landesregierung nach einer Sitzung des Krisenstabs keine radikalen Maßnahmen. Seit Mitternacht gibt es wieder Ausreisekontrollen aus dem Bezirk Braunau. Und ab Freitag, dem 29. Oktober, dehnt das Land die FFP2-Maskenpflicht auf alle Geschäfte und Einkaufszentren sowie Kultureinrichtungen wie Museen und Bibliotheken aus. Gemeinsam mit der "Wiener Zeitung" macht sich Tilman Königswieser, ärztlicher Direktor des Salzkammergut-Klinikums und Mitglied des oberösterreichischen Krisenstabs, auf die Suche nach den Ursachen.

Tilman Königswieser ist ärztlicher Direktor des Salzkammergut-Klinikums und Mitglied des oberösterreichischen Krisenstabs. privat
Tilman Königswieser ist ärztlicher Direktor des Salzkammergut-Klinikums und Mitglied des oberösterreichischen Krisenstabs. privat

Wiener Zeitung:In Oberösterreich sind nun zehn Prozent der Intensivkapazitäten mit Covid-19-Erkrankten belegt. Was ist daran so dramatisch, dass der Krisenstab tagte?

Tilman Königswieser: Diese Welle ist weniger eine der Intensivstationen, als es die dritte war. Jetzt sehen wir einige geschützte Ältere, die erkranken, aber nicht so schwer wie im Frühjahr, und viele ungeimpfte Jüngere, die zwar Spitals- aber nicht Intensivpflege brauchen. Bei uns am Salzkammergutklinikum haben wir deshalb eher eine Belastung der Covid-19-Normalstationen als der Intensivstationen. Das ist allerdings genauso anstrengend. Denn auf Covid-19-Normalstationen brauche ich doppelt so viel Personal, aufgrund der Schutzmaßnahmen und weil diese Kranken oft pflegebedürftiger sind. Das ist natürlich schon belastend. Außerdem müssen wir die Entwicklung beobachten. Wir haben in Oberösterreich generell eine Sieben-Tages-Inzidenz von fast 400, in manchen Bezirken über 600, weshalb in den nächsten Wochen mit weiteren Aufnahmen zu rechnen ist.

Welche Folgen hat das? Werden Operationen verschoben?

Ja, sowohl planbare Operationen als auch Diagnostik, aber weniger wegen der Intensivkapazitäten, sondern, weil wir im ungünstigsten Fall in den nächsten beiden Wochen zehn Prozent unserer Normalbetten für Covid-19-Patienten brauchen werden. Dann wäre ein Fünftel unserer Schlagkraft für Covid-19 reserviert. Wie reihen die Patientinnen und Patienten nach der Dringlichkeit, und wenn ein Krankenhaus voll ist, dann ist das leider zu akzeptieren.

Im Bezirk Braunau gibt es nun zum dritten Mal seit Beginn der Pandemie eine Ausreisetestpflicht. Warum soll sie dieses Mal mehr bringen als die Male davor?

Das ist mehr ein Hinweis für die Bevölkerung wie: Schaut, die Pandemie ist nicht gestoppt. Also eher eine symbolische Maßnahme. Wenn die Zahlen weiter steigen, wird es unserer Meinung nach - und die deckt sich mit der der oberösterreichischen Gesundheitspolitik - wieder mehr Maßnahmen brauchen als nur die 3G-Regel. Geimpft, genesen oder getestet ist sehr gut für eine Risikominimierung, aber keine Risikoeliminierung. Deshalb wird die FFP2-Maskenpflicht ausgedehnt.

Das Spitalspersonal in Oberösterreich ging vor Kurzem weiter und hat zum Impfen aufgerufen. Warum das?

Weil wir seit 18 Monaten tagtäglich im Einsatz sind. Weil wir sehen, wie gefährlich diese Erkrankung ist, insbesondere auch für Ungeimpfte. Weil die Impfskepsis in Oberösterreich noch weit verbreitet ist. Weil wir es nicht goutieren, von gewählten Politikerinnen und Politikern als Verbrecher tituliert zu werden. Man braucht uns auch nicht als Helden zu bezeichnen, aber wir wissen, was gegen die Pandemie hilft, nämlich die Impfung. Durchimpfungsraten wie in Portugal, die beinahe bei 90 Prozent liegen, bedeuten tatsächlich eine Risikoeliminierung. Die Sieben-Tages-Inzidenz liegt dort nur bei rund 50. Denn dort sind jene, bei denen die Impfung nicht so gut wirkt, durch die Herdenimmunität geschützt. Und in Rumänien, wo nur 30 Prozent geimpft sind, sieht man, dass dort keine Betten mehr auf den Intensivstationen frei sind.

Warum kommen Sie mit diesem Appell in Oberösterreich nicht durch?

Wir als Mediziner können nur Fakten und Erfahrungen präsentieren. Eine Bevölkerung zur Impfung zu bewegen und Ängste zu nehmen, das bedarf eines multifaktoriellen Zusammenwirkens aller Disziplinen, auch der Politik. In Oberösterreich aber sehen wir offenbar noch mehr als in anderen Bundesländern das Phänomen, dass diese Furcht von manchen in der Politik noch zusätzlich genährt wird. Mit jedem Überzeugten mehr, der sich nicht impfen lässt, steigt allerdings nicht nur das individuelle Risiko dieser Person, sondern auch jenes für die Lieben rund herum, die man damit infizieren kann. Ich würde diese Verantwortung nicht übernehmen wollen. Und zugleich wird genau das erreicht, was wir keinesfalls wollen, dass die Impfung als Symbol der Hoffnung zu einem Symbol der Spaltung wird. Ich kann es nicht nachvollziehen, wie man gegen eine medizinische Intervention wie die Impfung, die mehrere Milliarden Male gewirkt hat, und gegen die gesamte wissenschaftliche Literatur wettert.

Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) hat eine "Impfpflicht auf landesgesetzlicher Basis" neuerlich ausgeschlossen, weil in seinen Augen "Druck nicht zielführend ist". Wie sehen Sie das?

Ich trete massiv für die Impfung ein. Aber: Ich möchte mein Gegenüber überzeugen, aber nicht zu einer medizinischen Maßnahme zwingen. Es geht mit der österreichischen Verfassung zwar konform, dass man Impfplichten aussprechen kann, aber man kann sie nur schwer exekutieren. Wir am Krankenhaus haben sehr hohe Quoten, konnten also gut überzeugen. Ich finde es unfair gegenüber Berufsgruppen mit hohen Impfraten, auch gegenüber Lehrerinnen und Lehrern, Pflichten zu verhängen, die der Rest der Bevölkerung nicht hat. Dass es aber immer mehr indirekt einen sanften Impfdruck geben wird, so wie die 3G-Regel am Arbeitsplatz, verstehe ich schon.