Europa kommt in Sachen Gleichstellung weiter nur schleppend voran - und dies dürfte einer Studie zufolge wegen der Corona-Pandemie auch so bleiben. Österreich verbesserte sich um 1,5 Punkte und liegt nunmehr mit 68 Punkten genau im EU-Durchschnitt. Im Gleichstellungsindex 2021 erreichte die Europäische Union einen Wert von 68 von möglichen 100 Punkten, wie das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) in Vilnius am Donnerstag mitteilte. 

Österreich mit enorm großen Gender Pay Gap

In Österreich habe sich der Fortschritt deutlich verlangsamt, stellt die SPÖ-EU-Abgeordnete Evelyn Regner und  Vorsitzende des Gleichstellungsausschusses im Europaparlament fest. "Es gibt kaum Wachstum bei der Anzahl der Vollzeitstellen für Frauen, der Gender Pay Gap ist einer der europaweit größten, Frauen tragen einen überproportional größeren Anteil an Pflegeaufgaben. Und während wir in Österreich vor wenigen Tagen den bereits 22. Femizid in diesem Jahr zu beklagen hatten, sind die in diesem Bereich erhobenen Daten bisher nicht vergleichbar bzw. gar nicht vorhanden."

Tatsächlich zeigt die Studie, dass sich in Österreich mit 28 Prozent deutlich weniger Männer an der Hausarbeit beteiligen als im europäischen Durchschnitt, da sind es 32 Prozent. Während sich nur 21 Prozent von Österreichs Männer um Kinder kümmern, sind es europaweit 25 Prozent. Der Unterschied beim Einkommen, das  Männern und Frauen monatlich zur Verfügung haben, ist ebenfalls deutlicher als im europäischen Durchschnittt.

Regner forderte allerdings europaweit schnelle und umfassende Maßnahmen zur Gleichstellung. "Wenn das so bleibt, erreichen wir eine Gleichstellung zwischen Mann und Frau frühestens im Jahr 2085! Und selbst diese Prognose ist durch Covid-19 gefährdet." Die Pandemie,  ihre gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen treffe Männer und Frauen unterschiedlich: "Frauen arbeiten öfter in der Pflege oder im Krankenhaus, sie haben ein höheres Risiko sich mit Corona zu infizieren. Gleichzeitig leisten sie deshalb auch einen überproportionalen Teil der Mehrarbeit im Gesundheitswesen und leiden öfter an Stress und hoher psychischer Belastung."

Drei Generationen bis zur Geschlechterparität

EU-weit lag der Wert in diesem Jahr um 0,6 Punkte höher als bei der letzten Erhebung im Vorjahr. Bis zur vollständigen Geschlechterparität werde es bei diesem Tempo fast drei Generationen dauern, heißt es in der Studie. Vorne sind bei der Gleichstellung innerhalb der EU unverändert Schweden (83,9 Punkte) und Dänemark (77,8 Punkte), das Schlusslicht ist weiterhin Griechenland (52,5 Punkte). Zu den größten Gewinnern gehören Luxemburg, Litauen und die Niederlande, während Slowenien als einziges der 27 EU-Länder Rückschritte machte.

"Europa hat bei der Gleichstellung der Geschlechter zerbrechliche Fortschritte gemacht. Doch durch die Corona-Pandemie drohen große Verluste", sagte auch Eige-Direktorin Carlien Scheele. Frauen etwa seien im Gesundheitswesen überrepräsentiert und daher einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt, für Corona-infizierte Männer dagegen bestehe ein höheres Risiko, stationär behandelt werden zu müssen.

Der Studie zufolge besteht die größte Ungleichheit zwischen Männern und Frauen weiterhin im Bereich Führungspositionen. Trotz großer Fortschritte seit 2010 gebe es weiter deutlich weniger Frauen an den Schalthebeln in Politik und Wirtschaft. In den anderen fünf untersuchten Bereichen (Arbeit, Geld, Zeit, Wissen und Gesundheit) gehe es auch nur langsam voran. Während der Corona-Pandemie seien besonders die Ungleichheiten bei der unbezahlten Arbeit für Haushalt, Kinder und häusliche Pflege verstärkt worden. (apa)