Erstmals seit Aufweichung der Kriterien ist ganz Österreich auf der Corona-Ampel wieder rot, das heißt, im gesamten Bundesgebiet herrscht sehr hohes Risiko. Das war letztmals Ende April so. Das wurde nach APA-Informationen in der zuständigen Kommission beschlossen. In der vergangenen Woche waren noch Wien und das Burgenland orange geschalten gewesen. An den Schulen gilt weiter Stufe 2, also Testpflicht.

Wien und das Burgenland haben noch immer die besten Werte, die Bundeshauptstadt hat mit der für die Einstufung relevanten Risikozahl 114,7 den niedrigsten Wert. Ab 100 beginnt die rote Zone. Den höchsten Wert hat nunmehr Tirol mit 581. Die rohe und die risikoadjustierte Sieben-Tage-Inzidenz sind dagegen in Oberösterreich am höchsten.

Oberösterreich ist im übrigen regelmäßig Spitzenreiter bei der Zahl der Neuinfektionen, hinzu kommt die bundesweit niedrigste Durchimpfungsrate von 57,7 Prozent.

Die Sieben-Tage-Inzidenz lag (Stand Mittwoch) bei 660,5, im Bezirk Braunau überschritt sie sogar die 1.000er-Marke. Seit Donnerstag sind in elf der 18 Bezirke Ausreisekontrollen nötig.

Oberösterreich mit 2,5G ab Montag

Von Mittwoch auf Donnerstag habe Oberösterreich mit 2.317 Neuinfektionen den "höchsten Anstieg, den wir jemals sehen mussten" verzeichnet, sagte Landehauptmann Thomas Stelzer (ÖVP), inklusive Quarantäne seien mehr als 30.000 Personen aus dem normalen Leben herausgerissen. 364 (plus 16) Covid-19-Erkrankte sind im Bundesland auf Normal- und 62 (plus vier) auf Intensivstationen, drei Menschen verstarben an der Erkrankung. "Da schaue ich nicht einfach zu." Es gelte einem neuen Lockdown oder der Schließung von Schulen und Kindergärten vorzubeugen. Angesichts der steigenden Belegungszahlen wird nun in den Spitälern von der bisher geltenden Stufe 2a auf 3 hochgeschraubt. Diese sieht eine Vorhaltung von 103 Intensivbetten und 500 Normalbetten für Covid-19-Fälle vor, informierte Gesundheitslandesrätin Haberlander.

Die Verschärfungen der Corona-Maßnahmen sind zwar deutlich - sie bleiben aber hinter jenen in Wien, wo die Lage besser ist, zurück: In Gastronomie, Hotellerie, bei körpernahen Dienstleistern, in Kultureinrichtungen, Theatern, Kinos und Pflegeeinrichtungen gilt ab Montag 2,5G. Zudem werde man das PCR-Testangebot ausbauen und Mitte November eine Impflotterie starten, kündigte LH Thomas Stelzer (ÖVP) in einer Pressekonferenz am Donnerstag an.

Das Bundesland muss darüber hinaus die Ausreisekontrollen nach den Bezirken Braunau, Freistadt, Gmunden, Grieskirchen, Perg, Steyr-Land, Vöcklabruck, Ried, Schärding, Kirchdorf und Wels-Land ab Freitag, 5.11., 00:00, auch auf den Bezirk Rohrbach ausweiten. Für den Bezirk Steyr-Stadt werden ebenfalls bereits solche vorbereitet.

Der Koalitionspartner FPÖ sieht 2,5G "äußerst kritisch". Manfred Haimbuchner bemühte sich aber, die Kritik eher gegen den Bund zu richten: Er habe Verständnis, dass bei der derzeitigen Entwicklung in den Spitälern "die Verantwortlichen im Rahmen der mittelbaren Bundesverwaltung etwas unternehmen müssen, um einer Überlastung des Gesundheitssystems entgegenzuwirken", schrieb er in einer Stellungnahme zur angekündigten Landesverordnung. Er wolle sich die Sache auch rechtlich noch ansehen. SPÖ-Vorsitzende Landesrätin Birgit Gerstorfer kritisierte die angekündigten Schritte als "zu spät und zu wenig". Wien und das Burgenland hätten gezeigt, wie man Menschen zum Testen und Impfen zu motiviere. "Anstatt sich nach der Decke zu strecken, taucht der Landeshauptmann regelmäßig ab und verlängert damit die Pandemie."

Popper: Bei zehn Prozent mehr Geimpften "müssten wir über all das gar nicht diskutieren"

Die Zahlen bei den Covid-19-Neuinfektionen werden in nächster Zeit noch "weiter nach oben gehen", so der Simulationsforscher Niki Popper im Gespräch mit der APA. Eine "Sättigung" - also ein Abflachen der Kurve, weil durch durchgemachte Infektionen und Impfungen kaum mehr ansteckbare Menschen bleiben - sei vielleicht nicht weit weg. Bitter sei aber die Erkenntnis, dass es jetzt wieder Maßnahmen brauche, die man sich bei nur rund zehn Prozent mehr Geimpften sparen könnte.

"Die Hoffnung war, dass wenn die Grunddynamik stärker wird, wir das durch die Immunisierung ausgleichen können. Jetzt sehen wir, dass das nicht der Fall ist. Das prognostizieren wir aber seit Sommer", betonte der Wissenschafter von der Technischen Universität (TU) Wien und dem TU-Spin-off dwh, der Teil des Prognosekonsortiums ist. Das Credo "Es ist nicht vorbei" und "Wir brauchen mehr Neugeimpfte" hätten Experten in den vergangenen Wochen nicht umsonst wiederholt. Die Neuimpfungen seit September alleine hätten offensichtlich nicht ausgereicht, um das Fortschreiten abzufedern. "Wir sind aber nicht weit entfernt", so der Experte.

Als dritter Faktor kommen jetzt wieder verstärkt Eindämmungsmaßnahmen ins Spiel. Die jetzt gesetzten und in Aussicht gestellten Maßnahmen sind "zumindest in den ersten Stufen (des Planes der Bundesregierung; Anm.) nicht sehr stark". Außerdem kommen sie spät und werden erst mit Zeitverzug wirksam. Ob der Bund und die Länder hier nun wirklich etwas bei den Neuinfektionen bewirken können, sei schwer einzuschätzen. 

Relativ klar sei, dass die Effekte auf die Belegung der Intensivbetten durch Covid-19-Patienten in der nächsten Woche in Richtung 400 gehen werden. Die direkten Auswirkungen der neuen Maßnahmen auf die entscheidende Krankenhaussituation haben jedoch einen gehörigen Zeitverzug in Richtung Mitte Dezember. Popper: "Der Zug fährt jetzt."

Irgendwann kämen dann allerdings auch Sättigungseffekte durch weitere Impfungen und die jetzt stark steigenden Genesenenzahlen dazu. "Das wird regional unterschiedlich sein", so Popper. Besonders paradox: Gerade in jenen Gegenden, in denen die Inzidenzen aktuell besonders hoch sind, könnte sich das Blatt zuerst wenden. Große Genugtuung sollte sich dann dort aber nicht einstellen, denn der Preis für diese Strategie des Nicht-Sehens der Zusammenhänge sei hoch. "Das ist das Ärgerliche daran. Hätten wir in manchen Bereichen nur zehn Prozent mehr Geimpfte, müssten wir über all das gar nicht diskutieren", sagte Popper. Trotz der zuletzt dramatischen Fallzahlentwicklung - am Donnerstag wurden österreichweit 8.593 Neuinfektionen gemeldet - ist ein flächendeckender Lockdown für Popper aus vielen Gründen "undenkbar". (apa)