Die Spitzenreiter sind schon lang enteilt. Mit Impfraten von teils deutlich mehr als 75 Prozent liegen Länder wie Portugal, Irland, Spanien und Italien schon seit Monaten mit gehörigem Respektabstand vor Österreich. Hierzulande sind es nur 64 Prozent der Gesamtbevölkerung, die als vollimmunisiert gelten, weil sie entweder entsprechend der Herstellervorgaben mit Moderna, Biontech/Pfizer, AstraZenca beziehungsweise Janssen (Johnson&Johnson) geimpft wurden oder nach einer durchgemachten Corona-Infektion noch einen einzelnen Stich bekommen haben.

Trotz fast 800.000 Genesenen seit Beginn der Pandemie dürfte die Zahl der Menschen in Österreich, die vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus geschützt sind, aber in Wahrheit sogar unter der offiziellen Impfquote liegen. So geht das Team um den Simulationsforscher Niki Popper in seiner aktuellen "Modellbasierten Schätzung des Immunisierungsgrades in Österreich" von einem Anteil der Immunen an der Gesamtbevölkerung von nur knapp 61 Prozent aus.

64 Prozent der Österreicher gelten nach einer Impfung als vollimmunisiert. Die Rate der Menschen, die vor einer Corona-Ansteckung geschützt sind, dürfte in Wahrheit aber unter der offiziellen Impfquote liegen. - © aps/H. Techt
64 Prozent der Österreicher gelten nach einer Impfung als vollimmunisiert. Die Rate der Menschen, die vor einer Corona-Ansteckung geschützt sind, dürfte in Wahrheit aber unter der offiziellen Impfquote liegen. - © aps/H. Techt

Verantwortlich dafür sind neben Personen, die trotz Impfung keine ausreichende Immunantwort aufbauen konnten, nicht zuletzt die Genesenen. Die Gruppe, die ihre Immunität ausschließlich einer entdeckten oder unentdeckten Covid-Erkrankung verdankt, macht laut Popper rund neun Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Allerdings ist die Zahl der auf diese Weise geschützten Personen trotz des nun wieder gestiegenen Infektionsgeschehens aufgrund der vierten Welle deutlich geringer als noch vor ein paar Monaten. Im April lag die Quote etwa bei fast 15 Prozent, weil die Erkrankten der vergangenen großen Winterwellen noch nicht von einer nachlassenden Immunantwort betroffen waren, sondern noch den vollen Schutz genossen.

Popper und die Experten von dwh, einem Spin-off der Technischen Universität (TU) Wien, gehen dabei jeweils von relativ hohen Dunkelziffern aus. So nehmen sie zu den knapp 50.000 bekannten aktiven Fällen am 1. November etwa 175.000 weitere unentdeckte Infektionen an.

Immunisierungsgrad drückt Reproduktionszahl deutlich

Bemerkbar macht sich der kleiner werdende Pool an immunen Genesenen auch bei der sogenannten Reproduktionszahl. Den Modellrechnungen zufolge drückt die derzeitige Immunisierungsrate diesen Faktor um ungefähr 52 Prozent im Vergleich zu einer völlig ungeschützten Bevölkerung. Die in Österreich dominante Delta-Variante, die wiederum um ungefähr 50 Prozent ansteckender als die davor kursierende Alpha-Variante ist, wirkt dem aber entgegen. "Ohne die Immunisierten wäre die Situation entsprechend schlimmer", erklärt Popper.

Würde aber wiederum der Anteil der Immunisierten noch etwas weiter ansteigen, könnte dies recht rasch zu einer starken Reduktion der Fallzahlen führen, weil dem Virus die jetzt noch zu reichlich vorhandenen infizierbaren Personen ausgehen. Popper zufolge ist dies auch nach wie vor die effektivste Maßnahme der Pandemiebekämpfung. Alle anderen Eindämmungsmaßnahmen würden weit geringere Reduktionen bewirken, ist der Simulationsexperte überzeugt.(rs)