Der Übergang von der "normalen" Arbeitslosen zur Langzeitarbeitslosen war für Linda Damianik kein großer Einschnitt. "Erst jetzt, als ich mit meinem Geburtstag im September in die Altersgruppe 50plus gerutscht bin, war das beim AMS Thema. Das war schon erschreckend, auf einmal alt zu sein, oder als alt zu gelten." Ihre Betreuung sei aber nach wie vor sehr wertschätzend. Im Fokus stünde für beide Seiten, eine neue Arbeit zu finden.

Trotzdem gehört Damianik, die sich vor der Pandemie von der Bürokraft zur Lebensberaterin umschulen ließ, nun zu den 65.500 Langzeitarbeitslosen. Jede vierte arbeitslose Person ist damit länger als 365 Tage beim AMS vorgemerkt, ohne Unterbrechung durch Arbeit oder Schulungen. Genauso wie Herbert W., 56, und Tatjana F., 53, die beide lieber anonym bleiben wollen und sich selbst als Notstandshilfebeziehende, nicht als arbeitslos, bezeichnen.

Die 65.500 sind zwar deutlich weniger als die 97.800 im Langzeitarbeitslosen im vergangenen März. Sie sind allerdings um 40 Prozent mehr als im Oktober 2019. Seit 2015 wächst die Gruppe laufend. AMS-Vorstand Johannes Kopf gab sich deshalb bei der Präsentation der Statistik bedingt optimistisch, seine Hoffnung liegt bei der Aktion Sprungbrett, die "gut funktioniert". Dabei geht es um Eingliederungsbeihilfen für Unternehmen. Gefördert werden aber auch Trainings und Arbeit bei gemeinnützigen Arbeitskräfteüberlassungen ähnlich der "Aktion 20.000". Laut Arbeitsministerium stehen statt vormals 200 nun 500 Millionen Euro pro Jahr für die Förderung von Langzeitarbeitslosen zur Verfügung.

Langzeitarbeitslose haben laut Wifo-Arbeitsmarktforscher Helmut Mahringer drei hervorstechende Merkmale: "Ein höheres Alter, gesundheitliche Einschränkungen und maximal Pflichtschulabschluss". Seit 2015 ist die Gruppe deutlich größer als früher. Denn durch strukturelle Veränderungen wirken diese Merkmale stärker, etwa dass die Babyboomer-Generation mittlerweile im Alter 50 plus ist. Damianik gibt sich trotzdem optimistisch. Anders die Verwaltungsassistentin Tatjana F. und der Techniker Herbert W.: "Ich war in den vergangenen zwei Jahrzehnten permanent resilient, jetzt sollen es andere sein", sagt sie. "Sprungbrett ist ein böser Witz für mich", sagt er. Alle drei hätten Vorschläge, die ihre Situation verbessern könnte.

Im Förderdschungel nicht zurechtgefunden

Linda Damianik wollte sich zur Hebamme ausbilden lassen. Weil das ein Beruf ist, in dem es einen Mangel an ausgebildeten Fachkräften gibt, würde das AMS die Ausbildung eigentlich fördern. Tut es aber nicht, weil Hebammen seit einiger Zeit nicht mehr an Schulen ausgebildet, sondern im Fachhochschulstudium ausgebildet werden, die "Wiener Zeitung" berichtete,

Seit heurigem Jahr gibt es nun zwar eine Förderung der Stadt Wien über den "Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds". Aber, so Damianik: "Jetzt bin ich zu alt. Das sagt mir zwar offiziell noch immer keiner, weil es bei Studien keine Altersbeschränkungen gibt. Aber von einer, die es wissen muss, habe ich erfahren, dass ich sonst alle Kriterien erfüllt habe."

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Sich aktuell als Lebensberaterin selbständig zu machen, traut sich die 50-Jährige nicht: "Ich muss ja, ich will ja unseren Lebensunterhalt sicherstellen." Die Alleinerziehende hat zwei Kinder im Alter von 16 und 18 Jahren zu versorgen.

Also erneuter Planwechsel: Nach zehn Jahren sucht sie wieder in ihrem ursprünglichen Beruf nach Arbeit als Assistentin der Geschäftsleitung in Vollzeit: "Jetzt gibt es wieder welche", freut sie sich. Sie wurde auch zu Gesprächen geladen. Einmal reichte das Gehalt nicht für drei Personen, die anderen Male konnte sie die potenziellen Arbeitgeber nicht davon überzeugen, auch zu bleiben. Damianik versichert aber: "Wenn die Stelle passt, bleibe ich jedenfalls bis zu Pension. Meine Familienplanung ist abgeschlossen." Und: "Wir haben schon Größeres geschafft in unserer Familie." Sorge bereitet ihr nur, dass ein Abschaffen des geringfügigen Zuverdienstes im Raum steht. Die Familie sei es zwar gewohnt, mit wenig Geld auszukommen. "Das aber wäre katastrophal, dann könne ich Extra-Ausgaben nicht mehr stemmen."

Enttäuschungen bei der Jobsuche

Tatjana F. ist nicht mehr optimistisch, dauerhaft Arbeit zu finden. Die heute 53-jährige Verwaltungsassistentin hat sich in den den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder beworben, auch auf Karenzvertretungen, "weil da die Konkurrenz kleiner ist". Mit Erfolg: "Acht Mal habe ich als papierbegeisterte Büromaus so in Bildungsinstitutionen eine neue Arbeit gefunden." Acht Mal wurde die Hoffnung auf eine Übernahme in ein dauerhaftes Dienstverhältnis enttäuscht: Obwohl die Unternehmen von ihrer Erfahrung profitiert hätten, suchten sie nach einiger Zeit, spätestens dann, wenn es um die Übernahme ging, eine neue Arbeitskraft - "oft wieder befristet".

Das hatte Auswirkungen auf ihre Gesundheit: "Das macht einen krank, jetzt habe ich Depressionen, einen ganzen Rattenschwanz an psychischen Problemen", sagt Tatjana F. Ihre AMS-Beratung hatte wenig Verständnis. "Da hat es geheißen: Tut uns leid, die Gesetze sind für alle gleich, ohne minderjährige Kinder sind Sie für uns eine Vollzeitkraft." Mit zunehmendem Alter habe sie aber ohnehin die Hoffnung auch auf eine Teilzeitstelle verloren: "Keiner will eine alte Frau bis 65 durchfüttern", sagt sie heute desillusioniert.

Arbeitslos im Wortsinn sei sie aber nicht. Im Moment setzt sie sich für das Volksbegehren "Arbeitslosengeld rauf!" ein. Dabei geht es um eine dauerhafte Erhöhung der Nettoersatzrate beim Arbeitslosengeld auf 70 Prozent. Außerdem kämpft sie gegen eine Kürzung: Der ÖVP-nahe Wirtschaftbund und WKÖ-Präsident Harald Mahrer wollen das Arbeitslosengeld von derzeit 55 Prozent am Beginn schrittweise auf letztlich 40 Prozent absenken.

Wie das Arbeitslosengeld wirklich aussieht, ist für Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" aber "nach wie vor komplett offen". Heuer folgen noch eine Expertentagung, auch weitere Gespräche mit Betroffenen, das neue Modell werde erst 2022 präsentiert.

Auf langer Arbeitsuche wegen einer Erkrankung

Der 56-jährige Herbert W. verlor seine Arbeit Mitte 40, weil er chronisch krank wurde. Zwei Jahre musste er sich der Rehabilitation widmen. Dann ging es zum AMS. Zuletzt hatte er 18 Monate Arbeit über die "Aktion 20.000". "Nach Jahren endlich mal ein intelligenter Job." Übernommen wurde er aber trotzdem nicht. Das ökosoziale Unternehmen konnte sich eine Weiterbeschäftigung nicht leisten. Die Aktion Sprungbrett erscheint ihm im Vergleich zur "Aktion 20.000" allerdings eine "Wirtschaftshilfe für Unternehmen, die zu billigen Arbeitskräften kommen wollen und derer man sich nach Förderende wieder entledigen kann", sagt der 56-Jährige. Im Moment läuft gerade eine Bewerbung bei der öffentlichen Hand.

Seine Hoffnung ist angesichts seines Alters und weil er nicht vollständig belastbar ist, nicht sehr groß: "Ich bin unvermittelbar, ich würde mich selber auch nicht einstellen. Das ist jetzt gar nicht wehleidig gemeint." Warum nicht? "Weil Firmen ‚lean and mean‘, also schlank und böse, sein müssen. Die brauchen keiner über 50-jährigen Idealisten, die keine 60 Stunden arbeiten können - auch wenn das der Marlboro-Mann in mir gerne nach wie vor so wie früher wollte."

Falls die Bewerbung schiefgeht, bastelt Herbert W. weiter an einem Wirtschaftssystem der Zukunft. Er bezeichnet sich auch deshalb nicht als arbeitslos, weil auch er ehrenamtlich arbeitet - und zwar für nachhaltige, zukunftsträchtige Arbeit. "Heut ist es gerade Mal ein Drittel der Jobs, die weder ausbeuterisch sind, noch der Umwelt schaden", schätzt der 56-Jährige. Und sagt: "Ich würde mir wünschen, dass nur mehr nachhaltige Arbeit gefördert wird in einem enkeltauglichen Gesellschaftssystem."