Der Pandemie-Höchststand wurde schon wieder geknackt. 11.398 Neuinfektionen binnen 24 Stunden am Mittwoch bedeuten ein Allzeit-Hoch. Und mit den rasant steigenden Infektionszahlen rückt auch die systemkritische Auslastung der Intensivstationen gefährlich näher.

Am Mittwoch lagen österreichweit 413 Personen mit Corona-Infektionen in einem Intensivbett. Laut Covid-Prognosekonsortium droht bereits am Mittwoch (17. November) das Überschreiten der heiklen Schwelle von 600 Intensivpatienenten. Im schlimmsten Fall könnten in zwei Wochen österreichweit mehr als 900 Covid-Erkrankte auf Intensivstationen liegen. Fachleute gehen nicht mehr davon aus, dass die bisher geltenden Maßnahmen zum nötigen Drücken der Zahlen noch ausreichen.

Am dramatischsten ist die Lage in Ober- und Niederösterreich, gefolgt von Salzburg. In Wien, wo aktuell 89 Corona-Patienten intensivmedizinisch betreut werden, ist die Auslastungsgrenze noch weiter entfernt. In den vergangenen Wochen blieb die Zahl der belegten Intensivbetten relativ konstant. Auch in der Hauptstadt droht die Lage, sich weiter zuzuspitzen. "Die Zahl der Intensivpatienten hat sich noch nicht den Infektionszahlen angepasst", sagt Thomas Staudinger, Leiter der Intensivstationen am Wiener AKH, zur "Wiener Zeitung". "Wir sitzen ein bisschen in der Ruhe vor dem Sturm." In der Regel sei mit einer Verzögerung von zwei bis drei Wochen zu rechen, bis Infizierte mit schweren Verläufen auf den Intensivstationen "aufschlagen".

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Im Wiener AKH waren in den vergangenen Wochen drei von zwölf Intensivstationen für Corona-Patienten reserviert. Bislang sei sich das noch immer "irgendwie ausgegangen", sagt der Intensivmediziner. Die Auslastung der Intensivkapazitäten im AKH liege aber auch abseits der aktuellen Corona-Höchstwerte immer nahe an 100 Prozent, betont Staudinger. Aktuell habe man daher vor allem Schwierigkeiten, neben den Covid-Patienten alle anderen Intensivpatienten unterzubringen. "Das ist ein täglicher Kampf", sagt Staudinger.

Vor einem Jahr, damals noch ohne Impfung, habe es deutlich mehr Covid-Erkrankte in Intensivbetten gegeben, dafür hätten aber vor allem aufgeschobene Operationen für "Entlastung" gesorgt. Das ist nun nicht mehr der Fall. Und mit einem massiven Anstieg von Corona-Patienten auch auf den Wiener Intensivstationen in den kommenden Wochen rechnet auch Staudinger. Aktuell liegen 20 Covid-Intensivpatienten im AKH. Geimpft ist davon nur ein Einziger.

Personalsituation sorgt für Engpässe

Auch aus anderen Wiener Spitälern wird der "Wiener Zeitung" von "massivem Bettendruck" berichtet. Mehr und mehr Stationen werden für Covid-Patienten umgewidmet.

Problematisch für die Auslastung ist in Wien, wie auch anderswo in Österreich, nicht etwa ein Mangel an Beatmungsgeräten, von denen es genügend gibt. Knapp wird es beim Personal, das ohne zusätzliche Ressourcen ständig mehr Erkrankte behandeln und versorgen muss.

Aus rein medizinischer Sicht würde ein markantes Abbremsen der Infektionszahlen wohl nach wie vor am besten mit einem Lockdown funktionieren, meint Staudinger. Abgesehen davon, dass kaum jemand einen solchen wolle, sei aber das Problem: "Für viele ist ein Lockdown existenzgefährdend."

Auch in den Tiroler Spitälern ist die Lage angespannt. Die Innsbrucker Klinik beschloss am Mittwoch, Leistungen im Spital zu reduzieren. Abteilungen könnten selbstständig entscheiden, welche Eingriffe verschoben werden können, um die Intensivstationen zu entlasten. Notfälle und dringend nötige Eingriffe seien nicht betroffen.

"Wir haben im Intensivbereich steigende Zahlen", sagt Michael Joannidis, Leiter der Intensivstation der Uniklinik Innsbruck und Landeskoordinator für Intensivbetten in Tirol, zu dieser Zeitung. Aktuell liegen 20 Corona-Intensivpatienten verteilt auf die Spitäler in Tirols Hauptstadt. Der Anteil der Geimpften liege regelmäßig unter 15 Prozent. Bislang habe es dadurch keine Einschränkungen im Routinebetrieb gegeben. Dieser sei nun aber zunehmend gefährdet.

Mit den aktuell 20 Intensivbetten, die in Innsbruck von Covid-Patienten belegt sind, betrage die Auslastung an maximal 80 bis 84 Betten aktuell ein knappes Viertel. Angespannt sei die Situation in Innsbruck auch beim Personal. "Das ist jetzt seit eineinhalb Jahren im Dauerlauf", sagt Joannidis. "Da zeigen sich auch Ermüdungserscheinungen und steigende Krankenstände."

Protestaktion der Pflege- und Gesundheitsbediensteten

Auch in der Pflege wird es knapp. Die Pandemie nagt an den Kräften der Bediensteten in Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufen. Sie haben am Mittwoch eine österreichweite Protestaktion abgehalten. Um 12.05 Uhr - also fünf Minuten nach Zwölf - verließen viele für kurze Zeit ihre Arbeitsstätten, um vor dem jeweiligen Betrieb den Gesundheitsminister und die ganze Regierung zum Handeln aufzufordern. Die Hauptaktion fand vor dem Wiener AKH statt, gefordert wurden eine Ausbildungsreform, faire Löhne und mehr Personal.

Koordiniert wurde die Aktion von der "Offensive Gesundheit", einem Verbund von Gewerkschaft, Ärzte- und Arbeiterkammer. Sie verwiesen darauf, dass sich Österreich seit fast zwei Jahren in der größten Gesundheitskrise seit 100 Jahren befinde. Die Regierung habe aber noch immer keine einzige dringend nötige Reformmaßnahme gesetzt, die den Beschäftigten ihre tägliche Arbeit spürbar erleichtern würde.