"Die Schulen sind offen für alle, die es brauchen." So fasste Bildungsminister Heinz Faßmann am späten Freitagnachmittag vor Medien die Vorgangsweise für den Schulbetrieb während des dreiwöchigen österreichweiten Lockdowns bis 12. Dezember zusammen. In den Schulen gibt es "Unterricht nach Stundenplan", Eltern können ihre Kinder aber ohne Corona-Attest daheim lassen. Der Minister wertete das Vorgehen als vorteilhaft für die Kontaktreduktion, denn man schaffe so "entdichtete Klassenräume".

Viele Direktorinnen und Direktoren saßen freilich Stunden davor regelrecht auf Nadeln: In den Schulen war für Hunderttausende Schüler Freitagmittag Unterrichtsende, erst im Laufe des Vormittags war klar, dass es schon ab Montag einen österreichweiten Lockdown geben wird. Werden Eltern entscheiden, dass ihre Kinder zu Hause bleiben? Werden den Schulkindern daher Schulsachen mit nach Hause gegeben, lauteten die Fragen?Der Erlass des Bildungsministeriums wurde erst am frühen Nachmittag ausgeschickt. 

Offiziell werden nach der Verkündung des bundesweiten Lockdowns für alle ab 22. November bis 13. Dezember die Schulen österreichweit zwar grundsätzlich offen bleiben, für Eltern gibt es aber die Möglichkeit, ihre Schulkinder mit Entschuldigung ohne Attest daheim zu lassen. "Präsenzunterricht an Schulen nach Stundenplan, Kinder können rausgenommen werden", war die erste Auskunft im Büro von Bildungsminister Heinz Fassmann am Freitagvormittag auf Anfrage der "Wiener Zeitung". Es werde der Schulbetrieb in ganz Österreich damit nach dem geplanten Modell für die Bundesländer Oberösterreich und Salzburg erfolgen, die den generellen Lockdown ab 22. November schon am Donnerstag für ihr Land schon am Donnerstag angekündigt haben.

Appell von Schallenberg, Kinder zu Hause zu lassen

Bundeskanzler Alexander Schallenberg sagte bei der Pressekonferenz mit den Landeshauptleuten in Tirol, es gebe einen "eindeutigen Appell" an die Eltern, die Kinder möglichst zu Hause zu lassen. Nach der Auskunft des Bildungsressorts wird der Unterricht in den Schulen aber nach dem vorgesehenen Stundenplan österreichweit fortgesetzt.

Der Bildungsminister bekräftigte am Nachmittag aufgrund der Corona-Tests, denen sich während des Lockdowns auch geimpfte Schüler unterziehen müssen, seien Schulen trotz insgesamt hoher Infektionszahlen in der Bevölkerung "ein kontrollierter Ort": "Unsere Testungen durchbrechen die Infektionskette."Außerdem werden die Vorschriften zum Tragen von Schutzmasken auch im Unterricht verschärft. Weiters habe man aus früheren Lockdowns die Erfahrung, dass gerade Gleichaltrige "soziale Begegnungen" brauchen.

Generell erfolgt Präsenzunterricht in den Schulen durch die Lehrer. Ein flächendeckendes Distance Learning wie über Monate im vergangenen Schuljahr oder einen "Hybrid"-Unterricht wird es nicht geben. Allerdings sollen Schülerinnen und Schüler, die daheim bleiben, besonders gefordert werden. Bei jüngeren Schülern werde dies eher durch Arbeitslernpakete erfolgen, bei älteren Schülern über digitale Lernplattformen, erläuterte Faßmann bei seinem Pressestatement ab 17 Uhr.

Bei Lehrer- und Elternvertretern herrschten Zweifel bis hin zu Unverständnis über die Strategie der Regierung gegen die Pandemie. "Die wissen alle nicht, wie es funktioniert", wetterte der Chef des Wiener Elternverbandes, Karl Dwulit. Die Bundesregierung gebe die Verantwortung an Eltern und Lehrer ab.

"Wildwuchs" und Ausfälle je nach Schule

Es werde einen "Wildwuchs" in den Schule je nach epidomologischer Lage geben, prophezeite Thomas Bulant, Chef des sozialdemokratischen Lehrerverbandes, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Es gebe teils Impfdurchbrüche und damit Ausfälle von Lehrern, aber das sei je nach Schule unterschiedlich.

Direktoren verärgert über Kommunikation

Aus pädagogischer Sicht begrüßte er für die Schüler das Offenhalten der Schulen. Unverständnis äußerte der Lehrervertreter allerdings, weil ein Lockdown zur Reduzierung der Kontakte diene.  "Wir können in den Schulen keine Garantie abgeben, dass diese nicht zum Virusmultiplikator werden", warnte er.

Helle Empörung herrschte bei Direktoren vor allem über die Art der Kommunikation des Bildungsministeriums, weil diese zuerst über die Maßnahmen aus den Medien zuerst erfahren haben und aufgebrachte Eltern ebenfalls auf Medienberichte verweisen mussten. In diese Kerbe schlug auch der oberste Lehrervertreter Paul Kimberger (Christgewerkschafter). Wie auch Bulant bezweifelte er, dass mit der gewählten Vorgangsweise die notwendige Reduktion von Kontakten zur Eindämmung der Pandemie erfolgen werde.

Unklar ist, wie viele Schüler kommen

Der Bildungsminister bleibt dabei seiner Linie, dass es keine flächendeckende Rückkehr zum Heimunterricht und zum Distance Learning für die Schülerinnen und Schüler geben werde, wie das im vergangenen Schuljahr über Monate der Fall war. Völlig offen ist allerdings, wie viele Kinder tatsächlich zum Unterricht in die Schulen kommen werden. Zuletzt hat sich bereits die Zahl der corona-infizierten Schüler erhöht, vor allem in Oberösterreich, mehr als 400 Schulklassen mussten zuletzt in Quarantäne geschickt werden.

In Salzburg und Oberösterreich gab es eine gewisse Diskrepanz zwischen den Zielen des Bildungsministers und der der Landeshauptleute Wilfried Haslauer und Thomas Stelzer (beide ÖVP). Faßmann stellte den Präsenzunterricht nach Stundenplan in den Vordergrund, die Länderchefs riefen die Eltern hingegen ausdrücklich auf, ihre Kinder möglichst zu Hause zu lassen. Darüber hinaus wurden eigene Lernpakete, auf die rund 120.000 Lehrer kommt damit zusätzliche Arbeit während des dreiwöchigen allgemeinen Lockdowns zu.