Rosa Logar, Leiterin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, ist erstaunt über die Aussagen der Leiterin des Dachverbands der Gewaltschutzzentren der acht anderen Bundesländer. "Mit der derzeitigen Ausfinanzierung der Gewaltschutzzentren, wir haben immerhin 50 Prozent mehr Geld erhalten als bisher, kommen wir gut aus", hatte Marina Sorgo bei einer Pressekonferenz mit Frauenministerin Susanne Raab und Innenminister Karl Nehammer gesagt. "Ich wundere mich sehr über diesen Schluss", sagt Logar nun im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Die Gewaltschutzzentren aller Bundesländer unterstützen Opfer von Gewalt in der Familie. Zu 83 Prozent sind das Frauen, zum Teil auch Kinder. Wenn nun ein Gefährder, oft der aktuelle oder ehemalige Partner - in neun von zehn Fällen ist diese Person männlich - von der Polizei aus der Wohnung weggewiesen wurde oder ein Annäherungsverbot gegen ihn ausgesprochen wurde, wird den Betroffenen vom Gewaltschutzzentrum Hilfe angeboten. 12.100 Betretungs- und Annäherungsverbote waren es laut Nehammer 2021 bislang, "um 1.400 mehr als letztes Jahr".


Und 28 Frauenmorde, der traurige Höhepunkt waren die 43 im Jahr 2019. Damals gab es zudem 68 versuchte Morde. Im Mai hatten Nehammer und Raab gemeinsam mit Justizministerin Alma Zadić und Sozialminister Wolfgang Mückstein von den Grünen ein eigenes Gewaltschutzpaket gestaltet und mit 24,6 Millionen Euro dotiert, die "Wiener Zeitung" berichtete. Schon im Ministerratsvortrag vom Mai ist erwähnt, dass ein "großer Teil" dieser Mittel in den Gewaltschutz, darunter auch die neun Zentren, fließen soll. Im Jahr 2019 erhielten diese laut Anfragebeantwortung 4,42 Millionen Euro vom Innenministerium, die selbe Summe kommt nochmals vom Frauenministerium. 2021 waren es also mittlerweile rund 10 Millionen Euro. Die Mittel wurden "um insgesamt rund fünf Millionen Euro aufgestockt", heißt es im aktuellen Ministerratsvortrag vom Mittwoch, der der "Wiener Zeitung" vorliegt.

Für Frauen da - und zwar unabhängig vom Geld

Sind die Vertreterinnen der "Allianz GewaltFREI Leben", die derzeit von 179 Partnerinnen, darunter auch Organisationen wie die Wiener Interventionsstelle, maßlos, wenn sie 228 Millionen Euro jährlich und 3.000 zusätzliche Beschäftigte im Opferschutz fordern? "Verstehen Sie mich nicht falsch", sagt Logar. "Wir sind sehr, sehr dankbar für das zusätzliche Geld." Sie rechnet vor, dass nun jede Frau statt fünf Stunden jährlich nun 6,5 bis sieben beraten werden kann. Sie sagt aber auch: "Bei einer Fallzahl von 5.800 pro Jahr in Wien, die in unserem Vertrag vermerkt sind, kommen wir auf einen Betreuungsschlüssel von 250 bis 300 Opfer pro Beraterin. Das Geld wird eine Entspannung bringen. Einen Qualitätsstandard wie in der Bewährungshilfe werden wir aber nicht erreichen." Da sei gesetzlich festgelegt, dass eine Person höchsten 35 Schützlinge betreut.

Sorgo wiederum sagt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", dass die Situation nicht vergleichbar sei: "Die Anzahl der Gespräche schwanken von einem bis zehn, je nachdem wie die Frau bereits in Sicherheit oder noch gefährdet ist. Das ist nicht standardisierbar." Sie habe außerdem gemeint, jetzt sei man ausfinanziert, vor dem Paket aber nicht. Und: "Gewaltschutz scheitert nicht an zu wenigen Ressourcen, sondern daran, dass die Menschen gar nicht zu uns finden."

Hier sind sich Sorgo und Logar einig: "Wir bleiben jedenfalls so lange dran an einem Fall, wie die Frau es braucht", sagt Letztere. Und: "Es geht schließlich um Qualität, nicht alleine um Quantität, darum, die Gewaltspirale zu durchbrechen, sie zu unterstützen, dass sie sich aus der Gefahrensituation befreit - und damit die Frau in Sicherheit ist."

Von den Millionen Euro an Folgekosten

"Jede Frau, die von Gewalt betroffen ist, die Angst hat, soll sich an die Helpline 0800/222 555, die Gewaltschutzzentren, an 133, also die Polizei, wenden", betont auch Frauenministerin Raab. Sie gibt aktuell Geld für eine Kampagne aus, damit die Hilfsmaßnahmen bekannter werden.

Die 228 Millionen Euro leitet die Allianz im Übrigen von einer EU-Studie mit dem Titel "Gewalt an Frauen bekämpfen" aus dem Jahr 2013 her. Darin wurden die jährlichen Kosten von Gewalt 2011 EU-weit auf 228 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt: 45 Milliarden koste die staatliche Unterstützung, 24 der ökonomische Schaden, 159 Milliarden Euro aber seien den "Schmerzen und Leiden der Opfer" geschuldet. Auf die Bevölkerung runtergerechnet sind das 454 Euro pro Person und vier Milliarden Euro für ganz Österreich. "Selbst wenn wir nur mit der Hälfte des Betrags rechnen, bräuchte man 10,5 Prozent der Kosten für Prävention", heißt es vonseiten der Allianz.

Für Deutschland berechnete die TU Cottbus für 2017 im Übrigen 3,8 Milliarden Euro an jährlichen Kosten - eine Milliarde davon kosten Polizeieinsätze, Justiz, Gesundheitswesen und Unterstützungsangebote. Der auch hier größere Rest entsteht insbesondere durch weniger Produktivität und weil von Gewalt betroffene Frauen auch bei der Erwerbsarbeit ausfallen. Die Folgen der Gewalt - Frauen werden traumatisiert, können finanzielle Ausfälle später nicht mehr aufholen, brauchen langfristig Psychotherapie: All das ist hier nicht beziffert.