Es ist jedes Jahr ein hübsches Bild, wenn sich der Winter über Lackenhof legt, den Ötscher weiß färbt und die Nadelbäume unter der Schneelast ihre Äste senken. Heuer kam der Winter schon am letzten Novemberwochenende, es schneite mehrere Tage. Doch diesmal war es vor allem ein trauriges Bild. Am Tag, als der erste Schnee kam, kam auch die Meldung, dass die Ötscherlifte ihren Betrieb einstellen werden. Für immer. Im Frühling sollen sie zurückgebaut werden.

"Unverstellbar", nennt das Renate Rakwetz. Sie ist Bürgermeisterin der Gemeinde Gaming, zu der Lackenhof gehört. Es ist vor allem das plötzliche Ende, das einen regelrechten Schock auslöste. Dass es Probleme gibt, dass die Seilbahnen Verluste schreiben, das war kein Geheimnis. Aber hätte sich das nicht noch ändern können? An Plänen und Ideen mangelte es nicht. Nicht jetzt, nicht vor 20 Jahren, als die Schröcksnadel-Gruppe die veralteten Bergbahnen übernahm.

Zu wenige Betten sorgten für zu wenige Skigäste, sagen die Lifteigentümer.
Zu wenige Betten sorgten für zu wenige Skigäste, sagen die Lifteigentümer.

Lackenhof ist eines der nächsten Skigebiete von Wien. Und von Linz. Und vom südlichen Tschechien und von Ungarn. Diese Lage war auch einer der Gründe, weshalb Schröcksnadel einstieg. Eine "einmalige Chance", witterte damals ÖVP-Wirtschaftslandesrat Ernest Gabmann. Das Land Niederösterreich förderte auch üppig und stieg Jahre später selbst als Minderheitseigentümer ein. 15 Millionen Euro flossen insgesamt in das Skigebiet. Und die Wiener, Linzer, Tschechen und Ungarn kamen auch. Aber nicht genug. Und dann kam Corona.

Das Ende des liftgebundenen Wintersports in Lackenhof ist aber nicht nur dem Virus geschuldet, sondern vielmehr Ergebnis eines Strukturwandels, der auch schon andere kleinere Skigebiete auf dem Gewissen hat. Und da ist noch gar nicht vom Klimawandel die Rede. Im Jahr 1963, als der erste Sessellift in Lackenhof gebaut wurde, konnte dies noch die Gemeinde Gaming selbst, gemeinsam mit einigen lokalen Betrieben, finanziell stemmen. Die Ansprüche der Skifahrer sind heute aber gänzlich andere, und diese vertragen sich nicht mit der finanziellen Realität einer Gemeinde wie Gaming, die jährlich lediglich vier Millionen Euro aus dem Steuertopf (Kommunalsteuer, Ertragsanteile) erhält. Wie soll da investiert werden? Es ist naheliegend, warum das Interesse von Peter und Markus Schröcksnadel damals vom Land als "einmalige Chance" gesehen wurde. Und nicht nur von diesem.

"Es war sicher eine Aufbruchsstimmung", erinnert sich Walter Pöllinger, der in Langau an der Einfahrt Richtung Lackenhof den Schützenwirt betreibt, ein Gasthaus samt Pension. Franz Heher ist einer von jenen, die damals auch tatsächlich aufgebrochen sind. Er sperrte in Lackenhof ein Sportgeschäft samt Skiverleih auf, vermietet bis heute Zimmer und hatte einige Jahre die Schirmbar, die er mittlerweile wieder abgegeben hat. Man kann nicht sagen, dass Lackenhof in diesen Jahren boomte, aber es ging durchaus etwas weiter. Die Lifte wurden erneuert, Pistengeräte angeschafft und für Beschneiung gesorgt. Die Gemeinde förderte auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten. "Für die Beschneiungsanlagen haben wir jedes Jahr 22.000 Euro in die Hand genommen", sagt Bürgermeisterin Rakwetz. Das Land Niederösterreich konnte großzügiger sein. Doch das alles war nicht genug.

Es wird vermutlich noch ausgiebig darüber gestritten werden, ob es objektiv nicht reichte oder eher subjektiv, also aus Sicht des Investors. Und was genau nicht ausreichte: die Zahl der Skifahrer? Die Förderungen des Landes? Das Engagement der Schröcksnadel-Gruppe? Die Anziehungskraft auf neue Investoren?

"G’standene Männer
haben geweint"

Unstrittig ist, dass der Aufschwung nur ein kleiner war. Nach der Übernahme des Skigebiets wurden sehr wohl Betriebe eröffnet und bestehende übernommen. Aber nur wenige. Belegbar ist auch, dass die Nächtigungszahlen leicht rückläufig waren. Von durchschnittlich über 60.000 pro Winter (bis 2006) auf unter 50.000 in den vergangenen Jahren. Und bittere Realität waren die vergangenen drei Winter, die ein unheilvolles Zusammentreffen von zuerst zu viel Schnee, dann zu wenig Schnee und schließlich der Corona-Sperre brachten. Der abermalige Lockdown war dann auch der finale Grund für die Schröcksnadel-Gruppe, die Reißleine zu ziehen.

Bei Bürgermeisterin Rakwetz läutet seither fast durchgehend das Telefon. "Manche haben Angst, sie wissen nicht, wie es weitergeht. Es gab g’standene Männer, die am Telefon geweint haben", erzählt sie. Das Land hat unterdessen angekündigt, zu helfen. Zunächst einmal wegen des plötzlichen Endes, denn die Betriebe haben für die neue Saison investiert und Mitarbeiter angestellt, Heher hat Skier für den Verleih gekauft. Er steht nun vor dem Nichts.

Zwischendurch kommt aber auch etwas Hoffnung auf. Vielleicht geht ja doch noch was? "Ich habe richtige Schwankungen. Einmal ist mir kalt, dann habe ich Schweißausbrüche." Es irritiere ihn, berichtet Heher, dass sich Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner noch nicht öffentlich zu Wort gemeldet hat. "Einmal denke mir, es ist vielleicht ein gutes Zeichen. Dann frage ich mich wieder, warum rührt sie sich nicht?"

Dass ein neuer Investor erscheint, wäre ein Wunder. SPÖ und FPÖ wollen, dass das Land einsteigt und den Betrieb weiterführt. So wie in Annaberg oder in Mitterbach auf der Gemeindealpe. Dazu wird es am 9. Dezember eine Sondersitzung im Landtag geben. Man will Druck machen. "Der Ötscher ist mehr als nur ein Berg", sagt Heher. Und auch im Tourismuskonzept der gesamten Region spielt dieser Berg eine zentrale Rolle.

Angebotslücken konnten
nicht geschlossen werden

Das Land will aber nicht nur das schnelle Ende entschädigen, sondern auch Unterstützungen für die Zukunft leisten. Zwei Millionen Euro wurden vorerst für neue Projekte angekündigt. Heher bezweifelt aber die Wirksamkeit. "Man muss sich vorstellen, was durch das Ende ausgelöst wird. In Wirklichkeit sind alle Betriebe nach diesem Winter konkursreif. Da will man einen Neustart machen, hat dann aber alle Akteure verloren."

Doch wenn das Land die Bergbahnen übernimmt, zumindest für ein paar Jahre, stellt sich die Frage, was das Ziel ist. Zur Erinnerung: An Plänen und Ideen hat es auch bisher nicht gemangelt. Aber es ist kompliziert. Damit der Betrieb der Seilbahnen kein Verlustgeschäft ist, benötigt man mehr Skigäste als zuletzt. Weil Lackenhof aber weder von Wien, noch von Linz und schon gar nicht von Ungarn ums Eck, sondern mindestens um vier Ecken liegt, ist das mit Tagestouristen nicht zu schaffen. Es braucht also Unterkünfte.

Der kleine Aufschwung war nicht am Reißbrett geplant. Dinge passieren, zum Beispiel, dass sehr wohl Investoren kamen, aber eventuell nicht die idealen. Was kurzfristig gut für einen Verkäufer ist, muss nicht langfristig gut für den Ort sein. Mit einigen Investoren landete man das Gegenteil eines Glückstreffers. Das einzige Vier-Sterne-Hotel im Ort etwa, der Jagdhof, wurde von einem Russen übernommen, sperrte aber wieder nach nur einem Jahr. "Das haben wir auch sofort gespürt", sagt Heher.

Oft fehlt nicht viel, um das Stotternde ins Laufen zu bringen. Die Eigentümer waren durchaus bestrebt, Angebotslücken zu decken. Noch unter den alten Grundbesitzern, der Familie Rothschild, wurde ein Grundstück für ein mittelgroßes, qualitativ hochwertiges Hotel umgewidmet. 2019 kaufte die Prinzhorn Holding den Rothschild-Erben die Ländereien ab, zu denen auch Lackenhof gehört. Die Familie Prinzhorn hatte dann andere Vorstellungen: mehr Ruhe, Abgeschiedenheit und ökologischer Tourismus. Auch das ist ein Plan. Er verträgt sich aber offenkundig mit den Anforderungen eines ertragsreichen Seilbahnbetriebs nicht. Die Schilderungen aus der Region erwecken den Eindruck, als hätten in Lackenhof Angebot und Nachfrage nie so wirklich zusammengefunden.

"Diese Form des Tourismus an diesem Standort ist beendet", sagt Markus Redl, Chef der Landes-Gesellschaft Ecoplus Alpin, lapidar. Er ist sich aber sicher: "Es wird Neues entstehen. Diese Rückzugsorte sind gefragt." Das heißt, mehr Langlauf, mehr Skitouren, mehr Winterwanderungen. Dass es irgendwann so kommen wird, auch durch den Klimawandel, der die Saisonen verkürzt und die Beschneiung verteuert, war den meisten irgendwo klar. Aber halt irgendwann, und nicht: jetzt.