Von den Volksschulen bis zu den Gymnasien: Für hunderttausende Schülerinnen und Schüler, deren Klassen nicht gerade wegen Corona-Fällen geschlossen sind, war es ein recht normaler Schultag. Selbst die Corona-Tests vor Unterrichtsbeginn sind bereits - lästige - Routine. Für den obersten Chef, den bisherigen Rektor der Universität Graz, Martin Polaschek, war es alles andere ein üblicher Montag. Er bereitete sich auf die Angelobung durch Bundespräsident Alexander Van der Bellen zu Mittag und die Übernahme des Bildungs- und Wissenschaftsministeriums von Heinz Faßmann vor, der zumindest den täglichen Herausforderungen und der Kritik am Offenhalten der Schulen nicht nachtrauern wird.

Die Universitäten sind für den in Bruck an der Mur geborenen waschechten Steirer Polaschek hingegen wie zuvor auch für Faßmann vertrautes Terrain. Im Fokus steht dennoch der Schulbetrieb mit 1,1 Millionen Schülerinnen und Schülern, hunderttausenden Eltern und immerhin 120.000 Lehrerinnen und Lehrern und tausenden Direktorinnen und Direktoren. Noch steht zwar nicht fest, wie es nach dem Ende des Lockdowns für alle in einer Woche weitergehen wird. Für die Schulen lässt sich das hingegen schon sagen. Es wird so weitergehen wie bisher: Präsenzunterricht grundsätzlich nach Stundenplan trotz einigen Unmuts bei Eltern. Das verschafft dem in Schulsachen ungelernten Polaschek eine Atempause. Bis zu den Weihnachtsferien wird sich nichts daran ändern. Und danach im Jänner bis zum Ende des Wintersemesters wohl auch nicht.

Der Apparat im Bildungsministerium und die Schulverwaltung in den Bundesländern muss und wird dafür sorgen, dass die täglichen Probleme, mit denen sich Schulleiter und Pädagogen teilweise bei den Corona-Tests vor allem in den Ländern noch immer herumzuschlagen haben, bewältigt werden. Für große bildungspolitische Reformen wird für den Rechtsprofessor aus der Steiermark auch nach Weihnachten keine Zeit sein. Das Krisenmanagement für die Bewältigung und Beseitigung der langfristigen Folgen und Defizite nach eineinhalb Jahren Pandemie mit monatelangem Heimunterricht wird Polaschek gehörig auf Trab halten.

So manche Weichenstellung hat Vorgänger Faßmann noch vorgenommen. Der digitale Fernunterricht hat der türkis-grünen Regierung Beine gemacht bei der jahrelang verschleppten Ausstattung der Schüler und Klassen mit IT-Endgeräten, um gerade auch Schulkindern aus sozial schwachen Familien und Migrantenhaushalten ein ordentliches Mitarbeiten zu ermöglichen. Die Auslieferung mit Laptops ist im September mit viel Pomp und Trara nicht zufällig wenige Tage vor der Landtagswahl ausgerechnet in Oberösterreich angelaufen. Auf 43.000 Tablets müssen jene Schulen, die diese bestellt haben, noch bis Februar warten. Außerdem wird die Großbeschaffung nur schrittweise umgesetzt, vorerst in den fünften und sechsten Schulstufen.

Nur 180 Schulpsychologen
für mehr als eine Million Schüler

Lerndefizite und auch psychische Folgen von eineinhalb Jahren Pandemie sind bei Schulkindern und Jugendlichen nicht so einfach aufzuholen wie das Füllen der technischen Lücken an Österreichs Schulen. Keine Lehrerin und kein Lehrer, die nicht davon berichten können, dass es in ihren Klassen signifikant mehr Mädchen und Burschen gibt, die unter der monatelangen Begrenzung der sozialen Kontakte leiden, die verstärkt Hilfe von Psychologen und Sozialarbeitern brauchen beziehungsweise bräuchten.

Faßmann hat zwar diesbezüglich erste Schritte eingeleitet. Die Anzahl der Schulpsychologen ist, wie von der Lehrergewerkschaft seit einem Jahrzehnt vehement gefordert, um 20 Prozent aufgestockt worden. Das sind aber immer noch erst insgesamt 180 für mehr als eine Million Schüler. Die zusätzlichen Herausforderungen durch die Corona-Krise haben außerdem dazu geführt, dass vor allem in den Pflichtschulen vermehrt Personal eingestellt wurde, um die Direktorinnen und Direktoren zu entlasten. Wobei vor allem die Stadt Wien und die Wiener Bildungsdirektion diesbezüglich mit gutem Beispiel vorangegangen sind, gefolgt von Niederösterreich.

Kein Zurück gibt es mehr bei den Sommerschulen, die in den beiden letzten Sommerferienwochen die ärgsten Lerndefizite bei schwächeren Schülern beseitigen sollen. Faßmann hat die Arbeit Polaschek abgenommen und die gesetzliche Basis für die Sommerschulen betonieren lassen.

Chaos rund um Tests
bei Deutschförderklassen

Anderes zur Beseitigung von Defiziten bei Kindern vor allem aus sozial schwächeren Familien und den zigtausenden Kindern, deren Eltern nicht Deutsch als Muttersprache haben, existiert erst in rudimentären Ansätzen. Das gilt speziell für Pläne, sogenannte Brennpunktschulen, die allerdings nicht so genannt werden sollen, mit im Verhältnis mehr Mitteln und damit vor allem Lehrerinnen und Lehrern auszustatten. Ausgerechnet in Wien, wo der eben wiedergewählte Neos-Landeschef Christoph Wiederkehr Bildungsstadtrat ist, wurden diese Bestrebungen teilweise konterkariert, indem solche Schulen durch eine Neuregelung der Stundenkontingente in vielen Volksschulen Lehrerinnen verlieren. Bei den von der ÖVP-FPÖ-Bundesregierung eingeführten und bei Experten wie Praktikern höchst umstrittenen Deutschförderklassen herrscht gerade jetzt unter Türkis-Grün befeuert durch die Corona-Krise bisweilen ein regelrechtes Chaos rund um Tests und damit Zuteilung.

Geerbt hat Polaschek den Lehrermangel vor allem in Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie. In den Pflichtschulen kommt dazu, dass die längere Ausbildung Lücken aufreißt, die teilweise nicht einmal mehr mit Lehramtsstudenten, die mit Sonderverträgen ausgestattet werden, gefüllt werden können. Allein in Wien fehlen rund 50 Pädagogen in Volks- und den vielfach unbeachteten Sonderschulen.

Der Universitätsbereich
als fünftes Rad am Wagen

Der Universitätsbereich, aus dem der neue Bildungsminister kommt, war während der Pandemie vielfach ein fünftes Rad am Wagen. Dies aber bisweilen auch aufgrund der Konstruktion, weil die Unis seit knapp 20 Jahren autonom sind. In einem Bereich, der in den vergangenen Jahren nicht nur den akademischen Köpfen Kopfweh bereitet hat, wurde von Faßmann gleichsam als eine seiner letzten Amtshandlungen eine Maßnahme gesetzt - die allerdings wegen des innenpolitischen Erdbebens durch den Rückzug von ÖVP-Obmann Sebastian Kurz unter den Gesteinsmassen verschüttet worden ist. Erstmals seit Jahren wird die Zahl der stark begrenzten Studienplätze für Medizin von bisher 1.800 schrittweise um 200 bis 2028 erhöht. Das hätte in anderen Zeiten eine breite Debatte ausgelöst. So blieb selbst die Kritik der Länder und der Sozialversicherung, dass dies viel zu wenig sei, um den Mangel an praktischen Ärzten am Land zu beseitigen, fast völlig unbeachtet.

Kindergärtnerinnen haben zwar heuer im Oktober ihrem Ärger, in Pandemiezeiten wenig beachtet zu werden, mit Demonstrationen Luft gemacht. Und der neue Minister kommt zwar nicht aus dem Elfenbeinturm, sondern aus der Steiermark. Aber die Kompetenzlage, dass hier die Bundesländer das Sagen bei der Betreuung der Kinder bis zum Schuleintritt haben, wird dazu führen, dass auch der neue Ressortchef auf die Länder und deren unterschiedliches Vorgehen verweisen wird. Insofern bleibt auch beim Neo-Bildungsminister alles beim Alten.