Der Kirche steht das zweite Weihnachtsfest unter Corona-Bedingungen bevor. Kann inmitten der Pandemie überhaupt echte Weihnachtsstimmung aufkommen? Man solle sich nicht "vom Frust auffressen lassen", meint der Linzer Bischof Manfred Scheuer, der die Diözese seit 2015 leitet (davor war er Bischof in Innsbruck). Im Interview erklärt der stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, wie er das konkret meint. Und er tritt für eine gesellschaftliche Versöhnung ein, obwohl seine Kirche zuletzt massiv angefeindet wurde.

"Wiener Zeitung": Im September wurde das Pastoralamt der Diözese Linz von Rechtsextremen aus Protest gegen die geplante und von Ihnen unterstützte Errichtung eines Mahnmals für auf der Flucht gestorbene Menschen gestürmt. Kommt das Mahnmal nun eigentlich zustande?

Manfred Scheuer: Rechtlich gesehen war es "nur" eine Störaktion durch Personen, die den Identitären zuzuordnen sind, und stellt so nicht einen unmittelbaren Straftatbestand dar. Ich habe mir sagen lassen, dass sie meist an die Grenze des Strafbaren gehen, aber nicht darüber hinaus. Das Mahnmal als Gemeinschaftsprojekt des Landes Oberösterreich, der Städte Linz, Traun und Leonding, der Linz AG, der Bestattung und der Friedhofsverwaltung, der katholischen und der evangelischen Kirche sowie der islamischen Religionsgemeinschaft wird auf dem Stadtfriedhof Linz/St. Martin errichtet. Wichtig ist uns zu unterstreichen, dass es um eine Gedenkkultur für eine bestimmte Gruppe geht. Wir haben zum Beispiel auch Gedenkorte für Sternenkinder oder für Opfer des Nationalsozialismus. An diesem Ort soll es nun um Menschen gehen, die auf der Flucht verstorben sind, um Hinterbliebenen, die hier in Österreich sonst keinen Ort zum Trauern haben, einen zu geben.

Wie steht die FPÖ im Land dazu?

Sie hat die Störaktion im Pastoralamt und auch die Demos gegen das Mahnmal verurteilt. Die Freiheitlichen sind nicht die großen Befürworter, haben sich aber auch nicht dagegen ausgesprochen.

Wogegen die FPÖ aber explizit auftritt, ist die Covid-Impfung und vor allem die Impfpflicht.

Grundsätzlich würde ich schon einen Unterschied machen zwischen "Ich bin gegen das Impfen" und "Ich bin gegen die Impfpflicht". Den nehme ich auch gerade bei der von Ihnen angesprochenen Partei wahr, gerade in Oberösterreich, wo der Landesparteiobmann selbst an Covid erkrankt war. In diesem Sinn gibt es durchaus Differenzen zwischen Landes- und Bundespartei.

Wie bewerten Sie grundsätzlich die Koalition in Oberösterreich zwischen einer christlich-sozialen und einer Rechtsaußen-Partei?

Grundsätzlich möchte ich unterstreichen, dass die Diktion "christlich-sozial" eher in die Erste Republik führt, die Partei selbst gibt es seit 1934 nicht mehr. Ich bin auch froh über die Entwicklung in Österreich, dass mit dem "Mariazeller Manifest" die katholische Kirche sich keiner politischen Partei mehr besonders zugeordnet fühlt oder Wahlempfehlungen abgibt. Ich sehe jedenfalls auf Bundes- wie auf Landesebene ein Miteinander in wichtigen Fragen, das sich zwar leider da und dort brüchig zeigt, aber ich hoffe, dass es gerade auch die nächsten Herausforderungen bestehen wird.

Habe ich da eine gewisse Kritik an der ÖVP herausgehört?

Wenn Sie das herausgehört haben, will ich das jetzt auf Ihrer Seite belassen.

In Oberösterreich hat der jüngste Lockdown am längsten gedauert. War das richtig so?

Bei uns war die Entwicklung gerade im Oktober und November schwierig, insofern waren die Maßnahmen angemessen, und offenbar auch zielführend. Eine Beurteilung nach richtig oder falsch ist aber nicht die Aufgabe eines Bischofs, sondern der Mediziner.

Sollen wir überhaupt Weihnachten wie gewohnt feiern? Verlangt nicht die Vernunft, trotz Lockerung auf Zusammenkünfte zu verzichten, damit nicht nach den Feiertagen die Infektionszahlen explodieren?

Die Formen, Weihnachten zu feiern, sind ja sehr unterschiedlich. Bei beruflichen oder privaten Feiern mit relativ viel Alkohol, die oft bis in die Nacht gehen, hat sich natürlich gezeigt, dass sie jetzt nicht so sinnvoll sind. Im liturgischen Bereich haben wir aber nach wie vor strenge Abstandsregeln und FFP2-Maskenpflicht. Ich glaube, dass es wichtig ist, das Leben zu feiern. Gerade die Vereinsamung von alten Leuten oder die Frage, wen Kinder und Jugendliche treffen können, das macht psychisch sehr viel mit ihnen - die sogenannten Nebenwirkungen, die manchmal nicht bedacht werden. Es ist wichtig, dass wir miteinander feiern, uns aber da auch ganz klar an die Regeln und Beschränkungen halten, um einander zu schützen, aber auch, um einander die Freiheit zu geben, feiern zu können.

Sie meinten jüngst, wir sollten uns zu Weihnachten "nicht auf den Frust fixieren und von der Resignation und Enttäuschung auffressen lassen". Wie kann das gelingen?

Natürlich ist das manchmal leichter gesagt als getan. Ich glaube, das zeigt die Pandemie, das zeigt aber auch das Leben insgesamt und auch die Politik: Wir haben nicht die Lösungen. Wir machen nicht alles perfekt. Es gibt viele Variablen und Fehlerquellen. Ich kann heute nicht sagen, wie die Gesamtsituation in zwei Wochen aussehen wird. Wichtig ist zu sehen: Mein Wissen, mein Aktionsradius ist durchaus beschränkt, man kann auch sagen: Er ist endlich. Positiv heißt das: Ich bin beweglich, lernfähig, hoffentlich auch korrekturfähig. Es geht nicht darum, recht zu haben oder Recht zu bekommen, sondern: Wie können wir gemeinsam einander schützen? Wie können wir die Pandemie überwinden im Sinne des Heils? Und wie können wir Versöhnung über manche Gräben hinweg ermöglichen? Gerade Feste sind ein wichtiges Nahrungsmittel für die Seele: sich freuen zu können, sich bewegen zu können, Gemeinschaft und Freundschaft erleben zu können. Das gibt auch Kraft und Rückhalt. Für mich persönlich ist auch das Gebet eine Form von Resilienz.

Wie stehen Sie als Theologe zur Impfpflicht?

Das ist eine Frage der Wissenschaften, die in diesem Kontext forschen und arbeiten, und der politischen Entscheidungen. Die Ethiker haben hier unterschiedliche Wahrnehmungen auszuloten und einzubringen: Was macht das mit der psychischen Gesundheit? Wie gehen wir mit Ängsten um? Was macht es mit unserer Gesellschaft? Was sind die ökonomischen Folgen? Natürlich kann die Frage der Impfung und der Impfpflicht keine ökonomische sein, aber die Frage der Wirtschaftlichkeit kann ich nicht ausklammern, weil etwa die Forschung ökonomisch ermöglicht werden muss und die Nebenfolgen eines Wirtschaftseinbruchs auch nicht unbedingt der Gesundheit der Leute dienlich sind. Insofern vertraue ich dem Urteil der Wissenschaft, dass das der derzeit angemessene Weg ist, um die Gesellschaft zu schützen. Wir Bischöfe haben bei der Erklärung "Schützen. Heilen. Versöhnen." gesagt, dass es eine Frage der Verhältnismäßigkeit, der Angemessenheit, aber auch im guten Sinne der Erfolgsaussichten ist, was die Impfpflicht anlangt. Es ist eine Ultima Ratio, weil es natürlich eine Einschränkung der Freiheit ist. Klar ist: Es darf keinen Impfzwang geben.

Haben Sie Verständnis für Impfverweigerer, wenn zugleich in ärmeren Ländern Menschen vergeblich auf eine Covid-Impfung warten?

Ich möchte zunächst den Blickpunkt in dieser Situation auf die Covid-Erkrankten richten und auf jene, die seit bald zwei Jahren in diesem Bereich sehr angespannt, manchmal überfordert, höchst engagiert arbeiten: das medizinische und das Pflegepersonal. Ich gehe nicht von der eigenen Befindlichkeit aus, sondern von der Wahrnehmung und der Einfügung in diese Situation, die uns ja bei der Suche nach einer gemeinsamen Vorgehensweise leitet. Ich glaube aber schon auch, dass wir die Pandemie erst dann wirklich überwinden können, wenn die Impfquote weltweit entsprechend hoch ist. Man sieht ja nun bei Omikron, dass dieses Virus binnen ein paar Tagen weltweit verbreitet ist, auch wenn einzelne Staaten sehr stark einschränkende Maßnahmen treffen.

Sollten wir dann nicht lieber den Impfstoff, der hier verweigert wird, gleich nach Afrika weitergeben, wo die Impfquote teilweise weniger als 10 Prozent beträgt?

Diese Kalkulation habe ich noch nicht angestellt. Ich glaube, es ist einmal wichtig, bei uns Überzeugungsarbeit zu leisten, Aufklärung zu leisten, das Gespräch zu suchen. Die Schwierigkeit, die ich aktuell sehe, ist: Man kann nicht einen Weg nach ein paar Schritten wieder revidieren und dann anders gehen - das würde nur alles durcheinanderbringen und wäre eine Form von gesundheitspolitischer Anarchie. Jetzt ist einmal die Grundentscheidung gefallen, die Sicherheit über die Impfung und die Impfpflicht zu suchen. Das muss natürlich Hand in Hand gehen mit einer weltweiten Solidarität.

Die Pandemie mit all ihren Konsequenzen hat der Kirche nicht unbedingt geholfen, ihr schon länger bestehendes Nachwuchsproblem zu lösen. Digitale Angebote hin oder her: Steuern wir auf eine endgültige Überalterung der Kirche zu?

Wir haben in den vergangenen 22 Monaten sehr positive und auch sehr schwierige Phasen durchlebt. Gerade auch in Zeiten von Lockdown und Einschränkungen hat es sehr kreative Formen der Solidarität gegeben, des Einander-Beistehens, auch des Feierns, nicht nur, aber auch über virtuelle Kanäle. Die Firmungen habe ich persönlich als so innig erlebt wie davor eigentlich nicht. Da war manchmal der nach außen hin einfachere Weg sogar der intensivere, weil sich manche sogar besser gesammelt haben als zuvor. Natürlich müssen sich die Gottesdienstgemeinden erst wieder finden. Die Teilnahme an Radio- und TV-Gottesdiensten war aber immens hoch, es gibt also ein großes Interesse. In der Diözese Linz etwa versuchen wir, mit dem Strukturprozess auf pfarrlicher Ebene und der Ämterreform zukunftsfähig zu werden. Wir haben da nicht einfach Strategien. Denn der Glaube lässt sich genauso wenig erzwingen wie eine Freundschaft. Auch eine Gemeinschaft lässt sich nicht rechtlich einfordern, nicht einmal durch ein moralisches Postulat. Insofern weiß ich nicht, wie wir in fünf Jahren dastehen werden. Ich gehe nicht euphorisch in die nahe Zukunft und sehe manche Entwicklungen als belastend an, andere als zumindest verheißungsvoll. Ich bin überzeugt, dass es in Oberösterreich Menschen gibt, junge und alte, die vom Glauben und vom Evangelium erfüllt sind, das Leben miteinander teilen wollen, füreinander einstehen wollen und auch eine Sorge haben für Arme und Benachteiligte.

Was ist Ihre Weihnachtsbotschaft?

Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt. Das ist ein Wort des Jesuitenpaters Alfred Delp, der das im Angesicht seiner Hinrichtung am 2. Februar 1945 gesagt hat. Das soll heißen: Wir können Weihnachten auch in sehr ausgesetzten, schwierigen Situationen feiern. Dieses Fest hängt nicht davon ab, ob es uns in anderen Bereichen gerade besser oder schlechter geht. Die Zusage, die damit verbunden ist, hält auch und gerade in Schwierigkeiten.