Seit fast zwei Jahren hält nun die Coronapandemie die Welt in Atem. Österreich hat mehrere Corona-Wellen und vier Lockdowns hinter sich und die Corona-Variante Omikron lässt bereits wieder alle Alarmglocken klingeln. Die Auswirkungen der Pandemie auf Wirtschaft und Gesellschaft sind groß. Die soziale Ungleichheit ist durch Corona gestiegen, sagt Arbeiterkammer-Experte Matthias Schnetzer zur APA: "Corona ist eine Pandemie der Ungleichheit".

Dies zeige sich etwa in den Zahlen zur Armutsgefährdung. Hier gab es in den letzten Jahren bis 2019 einen leicht sinkenden Trend, die Armut in Österreich nahm also leicht ab. Im Jahr 2020, dem ersten Jahr der Pandemie, drehte sich der Trend und es wurden wieder mehr Menschen armutsgefährdet, erläutert Schnetzer. Der Anteil der Armutsgefährdeten stieg von 13,3 Prozent im Jahr 2019 auf 13,9 Prozent im Jahr 2020. Für 2021 gibt es noch keine Zahlen. "Mehr als 1,2 Millionen Menschen in Österreich sind armutsgefährdet, das sind 13,9 Prozent der Bevölkerung. Diese Zahl ist um gut 60.000 Menschen angestiegen." Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens hat. Auch 350.000 Kinder und Jugendliche gelten als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet - das ist jedes fünfte Kind in Österreich.

Achterbahn am Arbeitsmarkt

Am Arbeitsmarkt gab es im zweiten Pandemiejahr 2021 eine "ziemliche Achterbahnfahrt". Im Jänner 2021 waren 535.000 Menschen arbeitslos oder in Schulungen und rund 470.000 Personen in Kurzarbeit. Dann gingen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit wieder deutlich zurück, um im Spätherbst wieder anzusteigen. Im Dezember waren zuletzt 376.000 Menschen ohne Job und fast 150.000 zur Kurzarbeit angemeldet. "Fast 1,3 Millionen Menschen waren seit Beginn der Pandemie zumindest irgendwann in Kurzarbeit", so der AK-Experte. Die Kurzarbeit habe viele Arbeitsplätze gerettet, die Betroffenen mussten aber einen Rückgang ihres Einkommens auf 80 bis 90 Prozent hinnehmen. "Das verstärkt die Ungleichheit bei den Einkommen, wenn so viele Menschen 10 bis 20 Prozent ihres Einkommens in Kurzarbeit verloren haben, oder bis zu 45 Prozent wenn sie arbeitslos geworden sind", erklärt Schnetzer.

Hingegen zeige sich bei der Vermögensverteilung, dass viele Superreiche während der Krise noch reicher geworden sind. Laut dem Magazin "Forbes" stieg seit Anfang 2020 die Zahl der Milliardäre weltweit um 660 auf 2.755. Hierzulande ist laut dem Wirtschaftsmagazin "trend" das Vermögen der hundert reichsten Österreicherinnen und Österreicher von 2020 auf 2021 um 15 Prozent angestiegen. Denn während der Arbeitsmarkt darniederlag haben sich die Aktienmärkte relativ bald wieder erholt, so der AK-Experte. Der ATX, Leitindex der Wiener Börse, ist seit April über dem Vorkrisenniveau. Auch die Dividenden sprudeln wieder: Im Jahr 2021 wurden in Österreichs ATX-Unternehmen über 3 Milliarden Euro an die Aktionäre ausgeschüttet. "An den Finanzmärkten war die Party nur kurz durch die Pandemie unterbrochen", sagt Schnetzer. 58 Prozent des Aktienbesitzes sind bei den reichsten 10 Prozent konzentriert.

Die Managergehälter der ATX-Unternehmen stiegen im Jahr 2020 trotz Pandemie um 4 Prozent auf durchschnittlich 1,9 Millionen Euro Jahresgage - das 57-fache des mittleren Einkommens in Österreich. Auch die Immobilienpreise sind gestiegen, was die Vermögenden mit großem Immobilienbesitz noch reicher machte. Aber auch für die Technologiebranche und den Online-Versandhandel war die Pandemie unterm Strich ein Gewinngeschäft, denn sie profitierten stark vom Trend zur Digitalisierung.

>ZT>Frauen stärker betroffen

Die Pandemie habe zwar am Arbeitsmarkt Frauen und Männer in ähnlichem Ausmaß getroffen, aber die Doppelbelastung aus Homeoffice sowie Homeschooling und Kinderbetreuung wurde vor allem von den Müttern getragen: So mussten laut einer Erhebung des Austrian Corona Panel 47 Prozent der Frauen aber nur 29 Prozent der Männer coronabedingt mehr Zeit für das Lernen mit ihren Kindern und die Kinderbetreuung aufbringen. "Fast jede zweite Frau hatte eine Zusatzbelastung", konstatiert Schnetzer. Während des Lockdowns hätten Frauen in Paarhaushalten mit Kindern täglich um 2,5 Stunden mehr unbezahlt gearbeitet als Männer.

Die psychische Belastung durch die Coronakrise hat sich laut dem SORA-Demokratiemonitor sehr unterschiedlich in verschiedenen Einkommensgruppen ausgewirkt und vor allem für Menschen mit kleinem Einkommen hat sich der Druck erhöht. So sagen im untersten Einkommensdrittel 59 Prozent, dass sich ihre psychische Gesundheit während Corona verschlechtert habe, während es im oberen Einkommensdrittel 23 Prozent sind. Auch die finanzielle Lage der ohnehin Ärmeren hat sich häufiger verschlechtert: Im unteren Einkommensdrittel sagen dies 64 Prozent, im oberen nur 12 Prozent. "Vor allem Menschen mit kleinem Einkommen haben Angst um ihren Job", schildert der AK-Experte. Die medizinische Betreuung bei psychischer Gesundheit sei oft auch eine Einkommensfrage, da Therapieplätze fehlen, vor allem im kinderpsychologischen Bereich.

Besonders für Kinder und Jugendliche waren die Lockdowns und der Unterricht unter den erschwerten Pandemie-Bedingungen nicht einfach. 37 Prozent der Kinder haben im Jahr 2021 Nachhilfe in Anspruch genommen, diese Zahl ist laut der AK-Nachhilfebefragung innerhalb eines Jahres um rund 10 Prozent gestiegen. Die Pandemie werde eine langfristige Wirkung auf die Erwerbs- und Ausbildungschancen der Jungen haben, da in ärmeren Familien die finanziellen Mittel fehlen für private Nachhilfe und Tutoren, erläutert Schnetzer: "Das wird sicher langfristig ein Ungleichheitstreiber sein".

Krisenkostenfinanzierung

Schließlich gehe es auch um eine sozial gerechte Finanzierung der Krisenkosten. Derzeit finanziere sich Österreich über Staatsanleihen extrem günstig, daher wäre es völlig verfehlt, aus einem Spargedanken heraus wichtige Investitionen in der Krise nicht zu tätigen. Zur mittel- und langfristigen Finanzierung der Staatsausgaben sollten aber auch Vermögenssteuern herangezogen werden. Österreich sei ohnehin eines jener Länder mit den geringsten vermögensbezogenen Steuern aller Industriestaaten: Nur 1,3 Prozent des Steueraufkommens kommen hierzulande aus vermögensbezogenen Steuern, während es im OECD-Schnitt der Industriestaaten 5,7 Prozent sind. "Da gibt es durch die hohe Vermögenskonzentration großes Potenzial, da beim reichsten Prozent der Bevölkerung 40 Prozent des Vermögens liegen". Daher würde eine Steuer wenige Menschen treffen, aber trotzdem ein großes Steueraufkommen bringen, so der AK-Ökonom.