Es war ein überraschend offenes Bekenntnis von Katharina Reich, der Generaldirektorin für die Öffentliche Gesundheit. Auch wenn es inhaltlich nicht wirklich zur Überraschung geeignet war. Es werde zur Durchseuchung der Bevölkerung durch die ansteckendere Omikron-Variante des Coronavirus kommen, sagte die Leiterin der gesamtstaatlichen Covid-Krisenkoordination (Gecko). Weil Omikron so infektiös sei, werde man "nicht daran vorbeikommen". Es gehe daher nicht um eine geplante Durchseuchung der Bevölkerung, sondern sie "wird passieren".

Expertinnen und Experten prognostizieren ein derartiges Szenario bereits seit Wochen. Die Omikron-Mutation breitet sich ungleich rasanter aus als bisherige Corona-Varianten. In den Ländern, die bereits zu einem frühen Zeitpunkt stark von Omikron betroffen waren, ließ sich der steile Anstieg bei den Ansteckungen gut nachvollziehen. Mittlerweile hat in Österreich eine ähnlich schnell steigende Infektionskurve eingesetzt - auch zeitlich ziemlich genau so, wie die Fachleute das vorausgesagt hatten. Dennoch sorgte die Aussage Reichs am Freitag für einige Aufregung in sozialen Medien und Zeitungsforen. Was also bedeutet das eigentlich, die "Durchseuchung" mit Omikron?

Hoffnung auf Entwicklung wie bei Grippevirus

Zunächst einmal, dass sehr viele Menschen auf einmal erkranken werden - deutlich mehr als in der vorangegangen Delta-Welle. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) erwartet am Höhepunkt mehr als 20.000 Neuinfektionen pro Tag. Zum Vergleich: Der bisherige Pandemie-Höchststand lag bei 15.809 Ansteckungen binnen 24 Stunden am 19. November. Weil durch die hohen Infektionszahlen in allen Branchen gleichzeitig viele Menschen erkranken werden, versucht insbesondere die kritische Infrastruktur, sich auf diese Ausnahmesituation vorzubereiten.

Durchseuchung bedeutet in ihrem Effekt zudem, dass mit der Omikron-Welle ein großer Teil der Bevölkerung entweder geimpft oder mit dem Virus infiziert gewesen sein wird - nicht selten auch beides. Weil es dann nur noch sehr wenige Menschen geben dürfte, die immunologisch naiv, also noch ungeschützt gegen das Virus sind, besteht Hoffnung, dass aus der Pandemie eine Endemie werden kann. Soll heiße, dass das Virus zwar weiter zirkuliert, mit einem Abflachen der Wellen aber keine unmittelbare Überlastung des Gesundheitssystems mehr droht.

Diese Hoffnung ist allerdings mit einiger Vorsicht zu genießen, wie die Virologin Judith Aberle von der medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt. Denn noch ist unklar, wie gut der Immunschutz nach einer Infektion mit Omikron ist und wie lange er anhält.

In jedem Fall werde man nach der Omikron-Welle aber einen "Immunstatus in der österreichischen Bevölkerung erreicht haben wie noch nie zuvor in dieser Pandemie", sagt der Epidemiologe Gerald Gartlehner zu dieser Zeitung. Corona werde dadurch zwar nicht weggehen, es werde dennoch zu neuen Wellen kommen. "Aber es bleibt sicher eine gewisse Restimmunität bestehen", so Gartlehner. "Und die Menschen werden weniger schwer erkranken." Die Situation werde dann mit grippalen Infekten und der jährlich auftretenden Grippewelle vergleichbar sein.

Neue Varianten und Long Covid als Sorgenkinder

Die Unsicherheitsfaktoren in diesem optimistischen Szenario sind allerdings mögliche neue Corona-Varianten, die sich gerade entwickeln oder bereits entwickelt haben könnten. Sollten sich Mutationen des Virus in eine Richtung verändern, die den vorhandenen Immunschutz erneut deutlich besser umgehen können, würde das eine weitere Verlängerung der Pandemie bedeuten.

"Diesen Fall können wir definitiv nicht ausschließen", sagt Gartlehner. Solange der globale Süden nicht ebenso großteils durchgeimpft ist wie der Westen und "sich das Virus dort reproduzieren kann, wie es will", werden dort neue Varianten entstehen, so der Epidemiologe. Eine Versorgung dieser Länder mit Impfstoffen sei deshalb auch von großem Eigeninteresse für die westliche Welt, betont Gartlehner.

Und noch eine weitere große Unbekannte, die zuletzt weniger im Fokus stand, wird in den kommenden Wochen die Durchseuchung mit der Omikron-Variante begleiten: das Risiko von langfristigen Folgen einer Corona-Infektion wie Organschäden und Long-Covid-Symptomen.

Der Neurologe und Long-Covid-Spezialist Michael Stingl sagte dazu am Donnerstagabend in der "ZiB2", dass laut Schätzungen rund zehn Prozent der Infizierten "zumindest ein paar Monate anhaltende chronische Gesundheitsprobleme" haben würden - verbunden auch mit gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Folgen wie Arbeitsunfähigkeit. Genauere Zahlen zu Long Covid in Österreich gebe es nicht, weil diese hierzulande nicht erhoben werden, monierte Stingl.

Ein leichter Verlauf bedeutet übrigens nicht unbedingt ein niedrigeres Long-Covid-Risiko. Das Wissen, welche Faktoren die Langzeit-Auswirkung begünstigen, ist noch sehr lückenhaft. "Eines ist aber klar", sagt Virologin Aberle. "Wo es mehr Infektionen gibt, gibt es natürlich auch mehr Fälle von Long Covid."