Bei den Demonstrationen gegen Impfpflicht und Corona-Maßnahmen war mehrfach ein bemerkenswertes Transparent aufgetaucht. "Es reicht!" sowie "Polizisten für Grund- und Freiheitsrechte" stand darauf, dazu ein Mann in Polizeiuniform. Es war bisher unklar, ob es sich dabei tatsächlich um Polizisten handelt.

Am Dienstag hat die Gruppe nun einen offenen Brief an den Innenminister gerichtet und sich darin gegen die Impfpflicht ausgesprochen. Demnach sollen 600 Polizistinnen und Polizisten, die über die Kommunikationsplattform Telegram verbunden sind, dahinter stehen. Unterzeichnet ist er unter anderem von Uwe Eglau, der auch Sprecher der Gruppe ist.
Eglau ist kein Polizist, aber in der Mitarbeiterbetreuung der Landespolizeidirektion Wien beschäftigt. Zudem ist er katholischer Seelsorger und Psychotherapeut. Er sei von weinenden Beamten angerufen worden, erzählt er. Es werde Druck auf ungeimpfte Polizisten ausgeübt, in dem Brief ist auch von "Diskriminierung" zu lesen. Deshalb habe sich diese Gruppe über Telegram formiert.

Bei Polizei 85 Prozent geimpft

Der Seelsorger ist "gegen alles geimpft, was es zu impfen gibt", wie er sagt, nicht aber gegen Covid. Er selbst sei zweimal infiziert gewesen, jedoch nicht erkrankt, habe dennoch einen hohen Antikörpertiter. Er teste sich auch regelmäßig und trage Maske. Eglau will die Kolleginnen und Kollegen unterstützen, sagt er. Die Spaltung müsse aufhören. "Ich bin nicht gegen die Impfung."

Bei der Polizei gilt bisher, wie anderswo auch, 3G am Arbeitsplatz. Rund 85 Prozent des Exekutivdienstes sind nach Auskunft des Innenministeriums geimpft. 600 wären knapp zwei Prozent. Von "Diskriminierung" oder "Druck" kann Personalvertreter Reinhard Zimmermann, der der Fraktion christlicher Gewerkschafter angehört, nichts berichten. "Exakt Null Telefonate und Null E-Mails" habe er zu diesem Thema bekommen. "Aber die melden sich wohl nicht bei mir, sondern bei den Blauen".

So ist es, sagt dazu Franz Hartlieb von der FPÖ-nahen Gewerkschaft AUF. Man habe zuhauf Beschwerden erhalten, und man unterstütze auch den offenen Brief. Zimmermann vermutet hinter diesem einen parteipolitischen Akt, Eglau habe sich instrumentalisieren lassen.

Brief mit wilden Theorien

Diesen Eindruck macht der katholische Seelsorger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" jedoch nicht. Dabei geht der Brief weit über eine politische Stellungnahme zum aktuellen Impfpflichtentwurf hinaus. Man wolle zwar, heißt es in dem Schreiben, keine "Diskussion über die Wirksamkeit der Covid-19-Impfung bzw. Gentherapeutika starten", tut es dann auf rund vier Seiten doch.

Manche Argumente sind dabei nicht ganz falsch, aber fehlgedeutet. So ist es zwar richtig, dass die Impfung Infektionen nicht verhindert, weil sie keine sterile Immunität bietet. Aber selbst bei der Immunflucht-Variante Omikron ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion als Geboosteter immer noch geringer. Andere Behauptungen sind schlicht falsch. Anders als im Brief angegeben, gibt es kein "hohes Risiko von Nebenwirkungen", die noch dazu "an Schwere und Häufigkeit nicht mit jenen bisher erprobter Impfstoffe vergleichbar sind". Nebenwirkungen wie die Sinusvenenthrombose (Vektor-Impfstoffe) und Herzmuskelentzündungen (mRNA) treten sehr selten auf, das Risiko von Komplikationen einer Covid-Infektion ist deutlich höher.

Anfang Dezember hatte die Politologin Barbara Prainsack in dieser Zeitung, als die Impfpflicht angekündigt wurde, eine "beidseitige Verhärtung der Positionen" befürchtet. Der ungewöhnliche Brief könnte dafür ein Beleg sein. Ebenso: Es handelt sich um eine offenkundig laute, aber sehr kleine Gruppe.

Eglau will sich jedenfalls mit den bald zugelassenen neuen Impfstoffen immunisieren lassen. "Denn das ist ein Totkörperimpfstoff", sagt er. Freilich, auch das ist nicht ganz richtig, höflich formuliert. Es handelt sich um proteinbasierte Impfstoffe.