Erst vor wenigen Tagen ist es an der ungarisch-österreichischen Grenze im Burgenland zu einem dramatischen Vorfall gekommen. Die Polizei wurde von Bewohnern von Neckenmarkt verständigt, dass aus einem Kleinlaster auf einem Feldweg Dutzende Menschen aussteigen. Als die Beamten ankommen, ist das Fahrzeug leer. Es weist Einschusslöcher auf. Praktisch gleichzeitig kommt die Meldung aus Ungarn, dass die Behörden dort auf ein Auto geschossen haben, das mit hoher Geschwindigkeit auf Beamte an der Grenze zufuhr, aber selbst dadurch nicht an der Fahrt nach Österreich gehindert werden konnte. In der Gegend um das leere Auto werden mehr als 30 Personen aufgegriffen, der mutmaßliche Schlepper ist flüchtig. Bis heute.

Seit dem Sommer hat sich die Zahl der Aufgriffe von illegal Eingereisten deutlich erhöht. Die meisten von ihnen sind Geflüchtete, viele beantragen nach dem Aufgriff Asyl. Im Vorjahr hat das Bundeskriminalamt nach vorläufigen Daten mehr als 40.000 Personen aufgegriffen, die teils mit Hilfe von Schleppern die Landesgrenzen passiert hatten.

In den Asylstatistiken scheinen viele Aufgegriffene mit Verzögerung auf, die aktuellsten Zahlen des Innenministeriums stammen von November, als 5.830 Menschen Asyl beantragten. Insgesamt gab es in den ersten elf Monaten 34.118 solcher Anträge auf internationalen Schutz, der Großteil davon entfällt auf das zweite Halbjahr. Mit den bald vorliegenden Dezemberzahlen dürfte 2021 eines der antragsstärksten Jahre der vergangenen zwei Jahrzehnte werden.

In Südosteuropa gestrandet

Eine Ursache für die deutliche Zunahme ist die verheerende Situation der Geflüchteten in den Regionen des Westbalkans, Griechenland, Bulgarien und Rumänien. "Sehr viele wollten die schlechte Versorgung nicht mehr ertragen", sagt Gerald Tatzgern, Schlepperei-Experte des Bundeskriminalamtes. Es handelt sich also um Personen, die sich oftmals schon länger in Südosteuropa aufhalten und dort gestrandet sind.

Die mit Abstand meisten Anträge stellten Syrerinnen und Syrer (14.177) vor Personen aus Afghanistan (6.981), danach folgen Anträge von Menschen aus Marokko (1.674), Somalia (1.523) und Pakistan (1.219). Bis Ende November erhielten in Österreich 10.470 Personen Asyl, in 3.600 Fällen wurde subsidiärer Schutz verliehen. Rund 3.000 Personen erhielten im Vorjahr einen Aufenthaltstitel aufgrund humanitärer Gründe.

Aktuell sei die Lage volatil, so die Einschätzung von Tatzgern: "Bleibt die Türkei stabil, verändert sich die Lage im Iran, in Pakistan nicht, so lange ist nicht mit einer Veränderung (der Migrationsströme, Anm.) zu rechnen." Unberechenbar sei die Situation besonders in Afghanistan, das ein großer Teil der Bevölkerung verlassen wollen würde.

Das Bundesheer hat in seinem "Risikobild 2030" Migration als "hybride Bedrohung" ausgemacht, wenn diese, wie aktuell durch Weißrussland, als "Instrument der Außenpolitik, Druck- oder gar Mittel zur Destabilisierung" eingesetzt wird.(sir/apa)