Graz/Salzburg. Der Vorstoß des Vorarlberger Landeshauptmannes Markus Wallner (ÖVP), dass sein Bundesland als Modellregion für die Umsetzung der Pflegelehre bereit stehe, löst im Pflegebereich alles andere denn Begeisterung aus. Für den Salzburger Pflegedirektor Karl Schwaiger handelt es sich um "puren Aktionismus", man müsse vielmehr die Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal verbessern. Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband wendet sich gegen eine "weitere Fragmentierung" der Pflegeausbildung.

Wallner hat im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" als turnusmäßiger Vorsitzender der Konferenz der Landeshauptleute angekündigt, er werde an den Bund herantreten, weil Vorarlberg bezüglich der Pflegelehre "Gewehr bei Fuß" stehe. Einwände von Kritikern, wonach der direkte Kontakt von Jugendlichen ab 15 Jahren statt mit 17 Jahren mit Patienten am Bett zu früh sei, hält er für lösbar - durch ein Heranführen mit Modulen in der Ausbildung.

Bedenken gegen Schweizer Modell als Vorbild

Für Schwaiger und den Gesundheits- und Krankenpflegeverband handelt es sich um keine nachhaltige Lösung, um dem Problem des akuten Personalmangels in der Pflege zu begegnen. Er habe sich seit Jahren mit dieser Thematik intensiv auseinandergesetzt, schickt der Salzburger Pflegedirektor voraus. Die Pflegelehre sei "ungeeignet". Wallner hat bei der Pflegelehre auf das Vorbild der benachbarten Schweiz verwiesen.

Genau hier haken Kritiker mit ihren Vorbehalten ein. Diese betreffen die hohe Zahl an Beschäftigten, die aus der Pflege in andere Berufe wechseln. Auch in der Schweiz zeige sich laut Schwaiger, es handle sich um kein Projekt, bei dem 15-Jährige nach einer dreijährigen Lehre "nachhaltig im Berufsfeld geblieben sind". Zwar sei der Zulauf zum Lehrberuf gut, viele junge Menschen würden aber den Beruf nach dem Lehrabschluss rasch wieder verlassen. Darüber hinaus macht er auf die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam, weil die Wirtschaft schon jetzt händeringend nach tausenden Lehrlingen für Gastronomie, Handwerk und Industrie suche.

In diese Kerbe schlägt auch Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes, mit Hinweis auf den generellen Mangel an Lehrlingen: "Es gibt keinen Ansturm auf den Lehrberuf." Der Verband verweist ebenfalls konkret auf "Schwachpunkte" beim Schweizer Modell. 2020 seien dort 4.500 Abschlüsse in der Pflegelehre erwartet worden. Das sehe auf den ersten Blick gut aus. Dem stehe aber danach eine Drop-out-Rate von 50 bis 60 Prozent gegenüber.

Außerdem binde die praktische Ausbildung Personalressourcen. Dieses Personal fehle dann bei der Pflege der Patienten. Außerdem trete die Mehrzahl in der Schweiz die Pflegelehre nicht mit 15, sondern erst mit 16 oder gar erst als Quereinsteiger an.

Volkshilfe-Direktor will für Pflegekräfte 500 Euro mehr

In einem Positionspapier hat sich der Gesundheits- und Krankenpflegeverband stattdessen für die Stärkung des bestehenden Ausbildungsweges ausgesprochen. Dadurch sei eine "Durchgängigkeit" von der Pflegeassistenz bis zum Doktorat gegeben. Ein Hauptansatz zur Behebung des massiven Personalmangels wird in einer Attraktivierung des Berufs selbst gesehen, das sei "unabdingbar", wird in dem Papier festgestellt. Neben der Verbesserung der Situation bei den Arbeitsplätzen wird konkret auch die Übernahme der Weiterbildungskosten durch die öffentliche Hand mit vollem Lohn- und Zeitausgleich angeführt.

Der Direktor der Volkshilfe Österreich, Erich Fenniger, will sich nicht mit der einmaligen Corona-Prämie von 500 Euro für Pflegekräfte zufrieden geben. Er fordert in einer Aussendung eine "Neubewertung" des Berufs. Dies bedeute, dass das Lohnniveau um 500 Euro brutto im Monat angehoben werden müsse. Das klinge zwar nach viel, sei aber "ein Gebot der Stunde".