"Mit sieben oder acht Jahren hatte ich schon Gewissheit, ,eigentlich‘ ein Mädchen zu sein", sagt Conny Felice. "Wobei es damals, Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahre, keine Vorbilder gab - und das Verschweigen eine Strategie zur Sicherung der Familienzugehörigkeit war." Vermutlich einer der Hauptgründe, warum Felice eine "Spät-Entscheiderin" war, wie sie sich selbst nennt: Erst als über 50-Jährige hat die biologisch männlich Geborene ihrem Lebensweg "einen neuen Rahmen gegeben" und lebt heute als Frau.

Felice leitet seit dem Vorjahr die Homosexuelle Initiative (HOSI) Salzburg. Ihre eigenen Erfahrungen helfen ihr jetzt als ausgebildete systemische Mediatorin vor allem bei den Bildungsangeboten zum Thema Diversity, sagt sie. Vieles habe sich geändert, werde angesprochen und thematisiert. Zwischen dem inneren und dem äußeren Coming-out vergehe aber noch immer viel Zeit. Bei jungen Trans-Männern seien es mehr als vier Jahre, bei Trans-Frauen fast sieben.

Was hier deutlich auffällt, ist laut dem Sexualtherapeuten Johannes Wahala allerdings, dass vor allem die Anzahl Ersterer sprunghaft angestiegen ist. Also der Trans-Männer, die biologisch als Frau geboren wurden und sich als Mann definieren. Der Leiter der vom Bund geförderten Sexualberatungsstelle Courage für LGBTIQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersex, Queer)-Personen und deren Angehörige zählt nicht nur insgesamt immer mehr junge Menschen "und eigentlich auch schon Kinder, die eine Genderdysphorie erleben" - sich also nicht mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren können. Waren das 2009 rund 90 Personen, so seien es heute 560 im Jahr. Zudem habe sich auch der Wunsch der Transformation verlagert, sagt er zur "Wiener Zeitung": "Während sich früher mehr Männer, die zur Frau werden wollten, an die Beratungsstellen gewandt haben, so sind es heute viermal so viele Frauen, die eine Transition zum Mann anstreben." Warum das so ist, stelle selbst die Fachwelt vor ein Rätsel. "Vielleicht, weil das Maskuline noch immer im Vordergrund steht", mutmaßt Wahala.

Noch immer binär gepolt

Männlich, weiblich, weiblich, männlich: Die Gesellschaft ist offenbar noch immer auf diese zwei Geschlechter gepolt. Viele wollen sich jedoch zunehmend nicht mehr in eine dieser Normen pressen lassen - sondern finden sich woanders. Entweder irgendwo dazwischen oder auch ganz ohne Geschlecht. Auf jeden Fall nichtbinär.

Konkrete Gesamtzahlen der Menschen mit Genderdysphorie für Österreich gibt es nicht. Sexualpädagogin Gabriele Rothuber, die Intersex-Beauftragte der HOSI Salzburg ist und als Leiterin der "Fachstelle Selbstbewusst" sexualpädagogische Workshops an Schulen anbietet, formuliert es jedoch folgendermaßen: "In jeder großen Schule gibt es wahrscheinlich ein Transgender- oder ein nichtbinäres Kind und ein intergeschlechtliches, und in jeder Klasse sind es ein bis zwei Homosexuelle." Diese Diversität habe zur Folge, dass Rothubers Workshops heute nicht mehr geschlechtergetrennt stattfinden, sondern in sogenannten Wohlfühlgruppen für alle.

Den Schritt hin zu einer geschlechtsanpassenden hormonellen Therapie oder Operation geht allerdings nur ein Teil. Laut den Empfehlungen des Gesundheitsministeriums für den Behandlungsprozess für Geschlechtsdysphorie von Kindern und Jugendlichen bleibt diese Dysphorie bei etwa 20 Prozent bis ins Erwachsenenalter bestehen. Geschlechtsanpassende Operationen sind in Österreich erst ab Eintritt der Volljährigkeit erlaubt und nur bei intergeschlechtlichen Menschen, die ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale zur Welt kommen, bereits ab der Einwilligungsfähigkeit und damit ab 14 Jahren. Gezielte Hormontherapien mit Östrogen beziehungsweise Testosteron und auch Brustentfernungen sind generell ab 16 Jahren möglich und Pubertätsblocker ab Einsetzen der Pubertät.

Ohne die Diagnostik durch einen klinischen Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten sei jedoch keiner dieser Behandlungsschritte möglich, sagt dazu Stefan Riedl, der die Ambulanz für Varianten der Geschlechtsentwicklung am AKH Wien leitet. Kommt man zu ihm, liegt diese Diagnostik für gewöhnlich bereits vor. Auch Riedl bemerkt eine Veränderung. "Vor 15 Jahren hat mein Vorgänger eine Handvoll Patientinnen und Patienten betreut. Ich habe heute mehr als 200, und pro Woche kommen ein bis zwei neue dazu." Ursprünglich seien es zudem vor allem intergeschlechtliche Menschen gewesen, die man in der Ambulanz betreute. Heute sei der Kreis um vieles diverser.

Mehr Zeit durch Pubertätsblocker

Viele von diesen brauchen laut Riedl einfach nur mehr Zeit. Zeit, um das eigene Geschlecht zu finden, um sich seiner Geschlechtsidentität bewusst zu werden und zu dieser zu stehen. Dabei können die pubertätsblockenden Medikamente zu Beginn helfen, die die sekundäre Geschlechtsentwicklung hemmen und etwa den Stimmbruch oder das Einsetzen der Menstruation und des Brustwachstums verzögern. Setzt man sie ab, setzt die Pubertät ein - deren Wirkung ist also reversibel.

Nicht so bei der gezielten Hormontherapie. Nimmt man zum Beispiel Testosteron und kommt dadurch in den Stimmbruch, so bleibt die Stimme tief. Und auch die Bartstoppeln wachsen immer wieder nach. Die Entscheidung zur Hormontherapie sei daher endgültiger, sagt Riedl. Und: "Sie bedeutet genauso wie die geschlechtsanpassende Operation eine Medikalisierung, die regelmäßige ärztliche Kontrollen erforderlich macht."

Dennoch seien mehr als zwei Drittel seiner Patientenschaft mit der Behandlung "eindeutig zufrieden", so Riedl. Rund die Hälfte habe davor unter Depressionen gelitten, etwa ein Drittel Antidepressiva genommen. Je nach familiärem Umfeld und Freundeskreis lebten viele zudem zurückgezogen und sozial isoliert. Mit der Geschlechtsanpassung hätten schließlich auch Mitschüler und Mitschülerinnen sowie das Lehrpersonal selten ein Problem. "Sie sind oft sehr aufgeschlossen", meint Riedl. Eher die älteren Generationen könnten es mitunter nicht nachvollziehen. Bei weniger als einem Drittel bleiben die Probleme auch nach der Geschlechtsanpassung ungelöst. "Da ist die Lage spürbar komplizierter und das Grundproblem nicht nur die Geschlechtsidentität, sondern komplexer."

All jene, die sich weder rein männlich noch rein weiblich definieren, müsse man wiederum mit dem Ziel begleiten, sie in dieser ihrer Geschlechtsidentität zu stärken, damit sie sich selbst akzeptieren, sagt Wahala. Etwa seit den 2000ern sei hier auch von offizieller Seite einiges passiert. 2011 wurden zum Beispiel die weltweit anerkannten Empfehlungen für die Behandlung von Menschen mit Genderdysphorie um ein Vielfaches erweitert und neu formuliert. Im Krankheits- und Diagnosekatalog DSM-5 von 2013 ist nun nicht mehr von einer "Störung der Geschlechtsidentität", sondern von Genderdysphorie die Rede, und der neue Diagnoseschlüssel ICD-11 der WHO von 2022 definiert erstmals, dass es auch eine nichtbinäre Geschlechtsidentität gibt. "Das Thema wurde in den vergangenen Jahren weitestgehend entpathologisiert", sagt Wahala - weicht die Geschlechtsidentität vom biologischen Geschlecht ab, wird das also nicht mehr als Krankheit gesehen.

Drittes Geschlecht seit 2019

Einen zusätzlichen Geschlechtseintrag gibt es seit 2019 in Österreich: Nach Deutschland und nachdem der Verfassungsgerichtshof bei der Prüfung des Personenstandsgesetzes festgestellt hatte, dass intergeschlechtliche Menschen ein Recht auf eine entsprechende Eintragung im Personenstandsregister und in Urkunden haben, steht hier seitdem das dritte Geschlecht als Option. Seit 2020 können diese auch zwischen "divers", "inter", "offen" und "keinem Eintrag" wählen.

Mit all diesen Entwicklungen und Möglichkeiten gewinnt freilich auch die Palette an Geschlechtsidentitäten an Substanz, wird greifbarer und rückt mitunter in die eigene Realität. Die Frage, wo man hingehört, wird zum in Begriffe gegossenen Konflikt. Dazu kommen Vorbilder wie Conchita Wurst oder Trans-Frauen als Fixstarterinnen bei Topmodel-Castingshows. Wurde die Genderdysphorie dadurch womöglich auch zur Modeerscheinung? Könnte sie für Jugendliche ein Mittel zum Zweck werden, etwas Besonderes zu sein?

Rothuber wehrt sich gegen diese Begriffe. "Wenn sich ein Kind nicht mit dem Geschlecht identifiziert, das in seiner Geburtsurkunde steht, ist das immer ernst zu nehmen. Die damit verbundene Angst lässt keinen Lebensbereich aus - von der Frage, wo man mitturnen darf, bis zur Entscheidung zwischen Mädchen- und Bubenklo."

Für die Betroffenen sei es "lebensbestimmend, wenn man jeden Tag in der Früh aufwacht und nicht weiß, wer man ist", sagt auch Felice. Sie lädt daher die Österreichische Gesundheitskasse ein, wie sie sagt, ihrem Auftrag nach Gesunderhaltung nachzukommen und sich für die Erweiterung des Beratungs- und Bildungsangebots finanziell zu engagieren. Etwaige Förderungen kämen derzeit nämlich aus dem Sozialbereich - und damit jenem, "der problembehaftet ist", wie sie meint. Förderungen in die Prävention, dass es aufgrund einer Transidentität erst gar nicht zu Problemen kommt, wären indes wesentlich effektiver investiert.