Heute vor 77 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Unterdessen verbreiten sich antisemitische Verschwörungsmythen dieser Tage so rasant wie selten zuvor. Ein Gespräch zum internationalen Holocaust-Gedenktag in gesellschaftlich angespannter Lage.

"Wiener Zeitung": Herr Mernyi, auf Corona-Demos werden mit gelben Sternen mit der Aufschrift "Ungeimpft" oder "Impfen macht frei"-Plakaten Vergleiche zum Holocaust gezogen. Was geht Ihnen als Vorsitzender des Mauthausen-Komitees da durch den Kopf?

Willi Mernyi ist Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich und Leitender Sekretär des ÖGB. 
- © APA / Hans Klaus Techt

Willi Mernyi ist Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich und Leitender Sekretär des ÖGB.

- © APA / Hans Klaus Techt

Willi Mernyi: Es zeigt, dass viele Menschen den Nationalsozialismus nicht wirklich begriffen haben. Wenn Eltern ihre elfjährige Tochter auf die Bühne stellen und es dann heißt, sie konnte ihren Geburtstag nicht feiern und fühlt sich deshalb wie die Anne Frank, dann mache ich dem elfjährigen Mädchen natürlich keinen Vorwurf. Aber dass Eltern solche Vergleiche anstellen, finde ich zum Kotzen. Denn ein Lockdown macht niemanden zu Anne Frank. Es war nicht schlimm im Nationalsozialismus, es war mörderisch. Menschen wurden vernichtet, totgeschlagen, "aus Spaß" umgebracht. Das kann man nicht mit einem Lockdown vergleichen.

Halten Sie es für denkbar, dass trotz der vielen Aufklärungsversuche in Österreich, trotz der inzwischen umfassenden Schulbildung zum Holocaust, Menschen nicht bewusst ist, wie abwegig solche Vergleiche sind? Oder nehmen Sie das einfach in Kauf?

Ich habe gut 30 Gespräche mit Menschen geführt, die Vergleiche zwischen Corona und NS-Zeit gezogen haben. Unter diesen 30 war nur ein Einziger, der beharrlich dabeigeblieben ist, das sei dasselbe. Bei allen anderen galt: Erzählt man ihnen etwas über die industrielle Vernichtung der Menschen und die Außenlager vom Mauthausen, sagen sie nach zwei Minuten: Seien’S mir nicht bös’, ich hab’ das nicht gewusst, so habe ich das nicht gesehen. Wir vermitteln im Geschichtsunterricht viel zu viele Zahlen, statt den Fragen nachzugehen: Warum ist das passiert, wie konnte es dazu kommen und was bedeutet das für heute?

Bei der Befreiung von Auschwitz und Mauthausen entstanden Aufnahmen von den Toten und von abgemagerten überlebenden Häftlingen, die heute sehr bekannt sind. Aber wie schnell drangen sie damals an die Öffentlichkeit?

Zwischen der Befreiung Mauthausens am 5. Mai und der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 lagen nur Tage. In diesem Fall ging es mit der Veröffentlichung der Bilder relativ rasch. Bilder gab es auch zuvor schon, aber selbst manche Organisationen, denen sie zugespielt wurden, sagten darauf: Das ist nicht möglich, so etwas kann es nicht geben. Es war für sie einfach unvorstellbar.

Wie viel wussten die Alliierten vor der Befreiung über die Geschehnisse in Auschwitz und Mauthausen?

Als der erste US-Jeep auf KZ-Häftlinge traf, drehten die Soldaten sofort um und meldeten, was sie gesehen hatten. Auch ihnen glaubte man zuerst nicht. Die US-Soldaten, die im Krieg schon einiges erlebt hatten, waren von dem, was sie da sahen, vollkommen überwältigt. Sie waren nicht vorbereitet auf das, was da kam.

Antisemitismus ist wieder sehr präsent. Bei Terroranschlägen der vergangenen Jahre bis hin zu jenem in Wien. Bei Corona-Demos, wo nicht nur gegen Bill Gates agitiert wird, sondern auch gegen Rothschilds, Freimaurer und "Illuminaten". Mit wie viel Sorge erfüllt Sie das angesichts eines Gedenktages wie des heutigen?

Mit sehr viel Sorge. Denn es geht um die Lehren aus der Geschichte. Es wird kein Mauthausen mehr kommen und kein Nationalsozialismus. Aber die Frage lautet: Was hat uns damals zum Nationalsozialismus geführt? Es war eine entsolidarisierte Sichtweise. Man hat weggeschaut und brauchte Sündenböcke. Man kann heute Pharmafirmen oder den Kapitalismus ja kritisieren. Aber dieser antisemitische Beigeschmack ähnelt der Vergangenheit. Es sind immer dunkle, finstere Mächte, die angeblich das Weltgeschehen beeinflussen würden. Eine jüdische Verschwörung. Die Profitgier einzelner ist aber doch keine "Rassenfrage"!

Befürchten Sie eine längerfristige Zunahme des Antisemitismus im Zuge der Corona-Krise und ihrer vielschichtigen Folgen?

Ja. Denn die antisemitischen Verschwörungsmythen sind präsenter geworden und durchdringen viel mehr Milieus als früher. Antisemitismus ist kein Randthema, sondern existiert in der Mitte der Gesellschaft. Genau das ist das Problem.

Was kann die Vergangenheit für die Gegenwart lehren?

Wir dürfen Geschichte weder als Jahreszahlenmassaker vermitteln noch als Horrorshow entsetzlicher Geschichten. Entscheidend ist: Wie sind diese Strukturen entstanden? Wer hat profitiert? Und was können wir heute tun, damit wir nicht in ein ähnliches Schema fallen? Die Überlebenden von Mauthausen haben immer gesagt: So wie früher kommt das nicht mehr. Aber passt auf, wenn sie wieder so reden.