Es war ein besonderes Gedenken. Denn einen, der am Donnerstag in offizieller Funktion an der Gedenkfeier für die Opfer des Holocausts im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen teilnahm, verbindet eine persönliche Geschichte mit diesem Ort: Israels Außenminister und alternierender Ministerpräsident Yair Lapid gedachte im ehemaligen Lagerkomplex in Oberösterreich auch seines Großvaters Béla Lampel. Der wurde dort am 5. April 1945 ermordet - einen Monat vor der Befreiung durch US-Truppen.

Wie genau Lapids Großvater zu Tode kam, ist nicht bekannt. Denn die Todesursachen, die die "Lagerärzte" für jeden einzelnen der Häftlinge schriftlich dokumentierten, dienten in Wahrheit der Verschleierung der Verbrechen. Bekannt ist dagegen, dass Béla Lampel in Ebensee starb, einem der über 40 Außenlager des KZ-Komplexes Mauthausen-Gusen.

Israels Außenminister Yair Lapid bei der Gedenkfeier in Mauthausen. - © apa / Roland Schlager
Israels Außenminister Yair Lapid bei der Gedenkfeier in Mauthausen. - © apa / Roland Schlager

Lampel wurde zunächst nach Auschwitz deportiert, in der Nacht von 18. auf 19. März 1944. Gestern vor 77 Jahren, am 27. Jänner 1945, wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von sowjetischen Truppen befreit. 2005 machte die UNO dieses Datum zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Auch in Mauthausen, wo zwischen 1938 und 1945 rund 90.000 Menschen ermordet wurden, findet seither an diesem Tag eine Gedenkfeier statt.

Vom Mensch zur Nummer

"Mein Großvater wurde nach Auschwitz gebracht", sagte Lapid. "Und danach kam er hierher, nach Mauthausen." Als er im Lager eintraf, sei dieser nicht länger ein Vater und Mensch gewesen, so Lapid. "Er war eine Nummer." Die konsequente Nummerierung der Häftlinge hätte den Nationalsozialisten dabei geholfen, sich selbst einzureden "das sind keine Morde, das ist Statistik".

Seinen Besuch in Mauthausen absolvierte Israels Außenminister gemeinsam mit Bundeskanzler Karl Nehammer, Außenminister Alexander Schallenberg, Innenminister Gerhard Karner und Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer (alle ÖVP). "Wir dürfen ihre Namen nie vergessen", sagte Nehammer in seiner Rede über die Opfer des Holocausts. "Und am wichtigsten: Wir müssen ihre Geschichten erzählen." Der Kanzler bat im Namen der Republik um Entschuldigung für die von Österreichern begangenen Verbrechen und versicherte, die Regierung werde weiterhin alles unternehmen, um Antisemitismus zu bekämpfen. Man pflege enge Beziehungen zu Israel: "Wir stehen gemeinsam."

Solidarität mit Israel betonte auch Schallenberg. "Viel zu lange hat sich Österreich nur als Opfer des Nationalsozialismus gesehen", sagte er. "Wir haben uns gescheut, unsere historische Verantwortung anzuerkennen." Heute nehme man diese Verantwortung vollumfänglich wahr, die sich "beileibe nicht bloß auf die Vergangenheit" beziehe. Es gehe "jetzt und in der Zukunft" um entschlossenes und konsequentes Handeln gegen jede Form von Antisemitismus. Dazu gehöre auch ein besonderes Verhältnis Österreichs zum Staat Israel und seiner Sicherheit. "Nur wenn Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt in Sicherheit und Freiheit leben können", so Schallenberg, "kann aus einem ‚Niemals vergessen‘ wirklich ein ‚Niemals wieder‘ werden."

Diese Leitlinie, die für Österreich eine historische Verantwortung bedeute, betonte auch Karner. Sie sei ihm nicht nur als für die Gedenkstätte Mauthausen zuständiger Minister, sondern auch "als Demokrat und Mensch" ein persönliches Anliegen.

Den eindringlichen Schlusspunkt der Gedenkveranstaltung, die im Vorfeld aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gemacht wurde, setzte schließlich der israelische Außenminister mit Verweis auf seine Heimat: "Die Nazis dachten, sie wären die Zukunft und Juden nur noch auffindbar in einem Museum", so Lapid. "Stattdessen ist der jüdische Staat die Zukunft - und Mauthausen ist ein Museum." Seine Rede schloss Lapid mit den Worten: "Ruhe in Frieden, Großvater. Du hast gewonnen."