Schülerinnen und Schüler aus Wien und Niederösterreich schwingen zwischen Semmering und Saalbach die Pisten runter. Oder sie haben zumindest die Möglichkeit, diese Semesterferienwoche auch für das Skifahren oder Eislaufen zu nützen. Schulskikurse sind hingegen wie andere Schulveranstaltungen durch die Corona-Vorschriften noch bis Ende Februar verboten. Gleichzeitig wird hinter den Kulissen von der türkis-grünen Bundesregierung und den Bundesländern derzeit jedoch der Start für die Ausweitung des Turnunterrichts - Stichwort tägliche Turnstunde - vorbereitet.

Fast zwei Jahre lang hat vor allem auch der Turnunterricht in Schulen nach dem Ausbruch der Pandemie unter Einschränkungen gelitten. Jetzt ist aber, wie der "Wiener Zeitung" erläutert wurde, ab dem kommenden Schuljahr 2022/23 zumindest in Pilotregionen eine Ausweitung von Bewegung und Sport an Pflichtschulen und auch in Kindergärten geplant - unter Einbeziehung von externen Trainern aus Sportvereinen und Bewegungscoaches.

"Der Bund schreitet einmal selbst voran", wird im Büro von Vizekanzler und Sportminister Werner Kogler (Grüne) erklärt. Von Bundesseite wird vorerst die finanzielle Unterstützung für die Pilotprojekte zur Ausweitung des Sportunterrichts in den Schulen übernommen. Derzeit sind die Bundesländer mit dem nächsten Schritt am Zug. Die Länder müssen bis zum 19. Februar die Nominierungen der Regionen für die Pilotprojekte melden. Je nach Größe soll es zumindest um die fünf Regionen geben, in denen das neue Modell ausprobiert wird.

Vorarlberg ist um rasche Umsetzung bemüht

Die Langzeitforderung nach einem größeren Stellenwert des Sports in der Gesellschaft und der Einführung einer bundesweiten täglichen Turnstunde ist nach den Olympischen Sommerspielen 2012 ohne Medaille verstärkt neu aufgeflammt. Zu denken gab etwa der Umstand, dass viele Schulanfänger beim ersten Versuch keinen Purzelbaum machen konnten. Studien zeigten, dass 30 bis 40 Prozent der Kinder übergewichtig sind. Nach fast zwei Jahren Pandemie mit wochenlangem Heimunterricht ist die zunehmende Zahl an übergewichtigen Kindern erst recht eine Triebfeder, in den Schulen für mehr Bewegung zu sorgen.

Vorarlbergs Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink und Sportlandesrätin Martina Rüscher (beide ÖVP), die derzeit im Länderreigen auch den Vorsitz unter den Sportlandesräten der Bundesländer führt, sehen seit dem neuen Jahr einen "entscheidenden Fortschritt" in den Verhandlungen mit Bildungs-, Sport- und Gesundheitsministerium bei den jahrelangen Bemühungen um mehr Bewegung und Sportunterricht. Für Kinder im Kindergartenalter sind täglich drei Stunden Bewegung in den elementarpädagogischen Einrichtungen in den Pilotregionen vorgesehen. In den Pflichtschulen ist es täglich eine Stunde, wovon als eine Variante zum Beispiel 60 Minuten pro Woche in Form von Bewegungsblöcken von jeweils zehn Minuten in den regulären Unterricht außerhalb der Turnstunde integriert werden können.

Basis für die Pilotprojekte ist ein Drei-Säulen-Modell. Die Hauptsäule bildet die quantitative Ausweitung von Bewegung und Schulsport. Insgesamt sollen damit wöchentlich in Pflichtschulen vier Bewegungseinheiten auf dem Stundenplan stehen, drei Einheiten in den Kindergärten. Neu ist dabei, dass zusätzlich zu den Sportlehrern für den Turnunterricht in jeder Klasse beziehungsweise Gruppe externe Fachkräfte, in erster Linie sportspezifisch und pädagogisch ausgebildete "Bewegungscoaches", für eigene Einheiten in die Schulen geholt werden.

127 Millionen Euro Mehrkosten im Vollausbau

Für den Bund und Bildungsminister Martin Polaschek hat das den Vorteil, dass bei Ressourcen und Kosten für das Lehrpersonal, das teils in Pflichtschulen generell fehlt, gespart werden kann. Die Einstellung zusätzlicher Lehrer für den Sportunterricht ist eines der Hindernisse, an denen Pläne für eine tägliche Turnstunde in der Vergangenheit gescheitert sind. Bei einer bundesweiten Einführung nach dem nun geplanten Modell werden die Kosten mit immerhin 127 Millionen Euro im Jahr beziffert.

Mit der zweiten Säule und der Integration von Bewegung in den Unterricht außerhalb der Turnstunden soll eine Art Kulturwandel eingeleitet werden. Das Konzept umfasst auch den Bereich gesunde Ernährung. Die dritte Säule ist ergänzend vorgesehen, um Schülern Bewegungsangebote zu bieten. Diese Möglichkeiten können von Kindern, Schulkindern und Eltern auf freiwilliger Basis in Anspruch genommen werden.

Freilich handelt es sich mit den Pilotregionen nur um erste Trippelschritte auf dem Weg zur täglichen Bewegungseinheit in Pflichtschulen. Denn nach dem derzeitigen Plan wird das Modell ab dem neuen Schuljahr 2022/23 im September starten und zwei Jahre lang begleitet von einer Evaluierung erprobt. Als Nächstes wird im Frühjahr eine seit vergangenem Herbst tätige Arbeitsgruppe die Entscheidung treffen, wo tatsächlich Pilotregionen geschaffen werden. Vorarlberg hat dafür den Bregenzerwald und den Walgau bei Bludenz angekündigt.

Besserer Kontakt zu Sportvereinen

Ziel für Sportministerium und Länder ist, dass Kontaktpersonen von Sportvereinen Zugang zu Schulen erhalten. In der jüngeren Vergangenheit war das kaum möglich, da wegen der Corona-Regeln externen Personen der Zutritt zu Schulen gar nicht erlaubt war. Mit der Einbeziehung externer Coaches ist die Hoffnung verbunden, dass Kinder auch abseits des Unterrichts mehr Sport betreiben und sich für unterschiedliche Sportarten in Vereinen interessieren.

Der Turnunterricht hat aber schon vor 110 Jahren die Köpfe von Bildungsverantwortlichen rauchen lassen. Die Unterrichtsverwaltung setzte laut einem Bericht der "Wiener Zeitung" im Jahr 1912 eine Reform des Turnunterrichts in den seinerzeitigen Mittelschulen um. Es wurde damals ein neuer Lehrplan herausgegeben, der nicht nur "bemerkenswerte Gesichtspunkte" für Neuerungen bei körperlichen Übungen enthält "und den besonderen Wert der körperlichen Erziehung für den gesamten Unterricht betont", wurde in dem Bericht betont. Sogar die Forderung nach einer täglichen Schulstunde tauchte bereits auf.

Mit einem unsportlichen Spielverderber muss dennoch für das kommende Schuljahr vorsorglich gerechnet werden. Eine neuerliche Ausbreitung einer Corona-Welle könnte bei der Ausweitung des Schulsports in den Pilotregionen möglicherweise in der Praxis einen Strich durch die Rechnung machen.