Die Teststrategie in Österreich wird sich ändern. Das ist fix - aber erst im April. Bis 31. März werden Tests kostenfrei bleiben, auch in den Schulen wird weiter getestet, sagte Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) bei der Pressekonferenz der Bundesregierung. Er fügte aber hinzu, dass "Experten zu einem Paradigmenwechsel raten". Gezieltes Testen sei sinnvoll, sagte Mückstein und nannte dabei symptomatische Personen. "Ungerichtetes Testen von Vollimmunisierten muss aber hinterfragt werden", so Mückstein. Die gesamtstaatliche Krisenkoordination (Gecko) werde sich in den kommenden Wochen diesbezüglich einbringen, der Gesundheitsminister machte aber klar: "Wir werden nachschärfen."

Auch wenn Details noch ausständig sind, dürfte Österreich ab April zurück zum Modus Operandi des Jahres 2020 wechseln. Wer Symptome aufweist, wird auch danach zu kostenlosen Tests kommen. Für gesunde Personen aber, die einfach nur Sicherheit gewinnen wollen, wird es kostenpflichtig werden. Und zwar auch in Wien, wie Bürgermeister Michael Ludwig klarmachte. Er hofft aber noch auf einen Meinungsschwenk: "Wenn sich der Bund dazu entschließt, werden wir das leider beenden müssen", sagte Ludwig. Mückstein verwies auf die bisher angelaufenen Kosten von 2,6 Milliarden Euro für das Testprogramm seit Beginn der Pandemie für den Bund.

Mehr Zufallsfunde durch häufiges Testen

Um die Teststrategie ist seit Wochen eine Debatte entbrannt. Einerseits auf politischer Ebene, vor allem zwischen Wien und anderen Bundesländern. Aber auch aus der Wissenschaft kommen unterschiedliche Einschätzungen. Relativ unstrittig ist, dass durch das viele Testen mehr Infektionen zufällig gefunden werden. Das lässt sich aus der Positivrate herauslesen. In Österreich liefern im Durchschnitt unter 10 Prozent der PCR-Tests ein positives Ergebnis, in der Schweiz, bei viel weniger Tests, hingegen konstant über 40 Prozent. Daraus lässt sich schließen, dass in der Schweiz die Dunkelziffer nicht entdeckter Infektionen höher ist. Aber um wie viel? Das lässt sich aus diesen Daten eben nicht sagen.

Auch wie viele Folgeansteckungen durch einen zufällig gefundenen Corona-Fall vermieden werden, ist seriös nicht zu ermitteln, da nicht jeder Infizierte infektiös wird oder nur kurz. Dazu kommt: Erreicht die Meldung eines positiven Ergebnisses Betroffene rechtzeitig? In der Regel dauert es 24 Stunden, manchmal länger, bis eine Probe ausgewertet ist. Die kürzere Inkubationszeit von Omikron von teilweise nur zwei Tagen und die hohen aktuellen Fallzahlen, die das Contact Tracing überfordern, dürften die Wirksamkeit der Strategie senken.

Der Molekularbiologe Michael Wagner von der Uni Wien sprach sich im "Standard" dennoch für die Beibehaltung der Strategie aus. "Erfahren es verantwortungsvolle Menschen, wenn sie oder eine Kontaktperson sich infiziert haben, verhalten sie sich anders", argumentiert er: "Dann werden sie die Oma eben nicht besuchen."

Dank Tests mildere Delta-Welle in Wien?

Der Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Uni-Krems sieht die Tests in Wien dagegen mehr als "Bürgerservice", wie er sagt. Die Auswirkung auf den Verlauf der Pandemie sei nur sehr gering, erklärte er in "Wien heute" im ORF. Anders formuliert: Der oben skizzierte Fall mit der Großmutter käme demnach zu selten vor, um die Infektionswelle in der gesamten Bevölkerung ausreichend drücken zu können.

Im Vorfeld der Beratungen zwischen Bund und Ländern hatte Wien allerdings eine Berechnung über den Effekt des niederschwelligen Zugangs zu PCR-Tests im Herbst präsentiert. Bei fast dreimal so vielen Tests pro Person habe Wien, gemessen an der Bevölkerung, von Oktober bis Dezember weniger Covid-19-Hospitalisierte und weniger Todesfälle zu beklagen gehabt. Auch die Inzidenz sei im Durchschnitt niedriger gewesen, weshalb viele Krankenstands- und Quarantänetage vermieden werden konnten. Laut den Berechnungen der Stadt Wien waren es zwischen 58.000 und 78.000 Krankenstandstage sowie mehr als 800.000 Quarantänetage weniger. Dadurch hätten sich die volkswirtschaftlichen Kosten in Wien in Grenzen gehalten.

Die Berechnungen behandeln jedoch die Delta-Welle im Herbst, nicht Omikron. Die Parameter haben sich geändert. Und obwohl Omikron milder als Delta ist und das Testprogramm weiterläuft, ist die Belegung auf Normalstationen in Wien derzeit fast auf einem Allzeit-Hoch und jedenfalls deutlich über der Delta-Welle im Herbst. Auch das könnte ein Beleg dafür sein, dass die Tests mit der schnelleren Omikron-Variante nicht mehr mitkommen.

Sicher ist, dass weite Teile der Bevölkerung diese Maßnahme für sinnvoll halten, wie aus einer aktuellen Befragung des Austria Corona Panel der Uni Wien hervorgeht. 51 Prozent der Befragten halten es für eine effektive Maßnahme und gleich 75 Prozent lehnten kostenpflichtige Tests für alle ab (fast die Hälfte spricht sich allerdings dafür aus, dass Ungeimpfte für Tests zahlen sollen).

Auf der anderen Seite zeigt die Befragung auch, dass sich nur 32 Prozent sehr häufig testen, 26 Prozent dagegen gar nicht und weitere 30 Prozent nur sehr unregelmäßig. Damit aber ausreichend viele Infektionen durch ein solches Screening gefunden werden, um eine Infektionswelle effektiv zu drücken, bräuchte es eine höhere Beteiligung.

Modell von "Alles gurgelt" braucht viele Tests

Wie es mit dem in Wien etablierten "Alles gurgelt" nach März weitergeht, ist unklar. Durch die Menge der Tests und das Poolen der Proben konnten die Kosten pro Test auf etwa 6 Euro reduziert werden - europaweit einzigartig und für gelegentliche Test auch leistbar. Theoretisch. Doch ohne die Masse von jetzt würden die Kosten steigen, das ganze Modell würde in sich zusammenbrechen, heißt es vom Labor "Lifebrain".

Mückstein will über das Abwasser die Viruszirkulation beobachten. Denkbar ist auch, wie bei der Influenza, ein Überwachungssystem über sogenannte Sentinel-Praxen zu etablieren. Dabei werden, quer über Österreich verteilt, immer wieder Proben von Erkrankten genommen und ausgewertet. Knifflig ist: Sollte im Herbst wieder ein groß angelegtes Testprogramm nötig sein, wird man die aktuellen Strukturen nicht komplett abbauen können. Und noch ein Argument spricht für niederschwellig verfügbare Tests: Die neuen Covid-Medikamente, die schwere Verläufe wirksam verhindern, wirken nur bei frühzeitiger Einnahme.