Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein hat am Mittwochabend in der ZIB2 die von der Regierung angekündigten Öffnungsschritte trotz anhaltend hoher Infektionszahlen verteidigt. Mehrmals verwies er auf die "stabilen Verhältnisse auf den Normal- und Intensivstationen" und auf die Prognosen, die sich in den vergangenen Wochen schon als sehr treffsicher erwiesen hätten, so Mückstein. Laut diesen sei nach einer Seitwärtsbewegung bei der Zahl der neu positiv Getesteten ein Abfall Anfang März zu erwarten.

Dass die Öffnungen vor allem von der ÖVP forciert worden seien, um von deren Problemen abzulenken, verneinte der Gesundheitsminister: Die Maßnahmen sollten nicht länger in Kraft sein als "unbedingt notwendig".

Die Bundesregierung hatte nach einem Bund-Länder-Treffen den Wegfall der meisten Corona-Beschränkungen und das Ende der Sperrstunde ab 5. März verkündet. In der Sprache des Regierungschefs handelt es sich um ein "Frühlingserwachen". 

Komplexitätsforscher Peter Klimek sieht dies mit Blick auf die aktuellen Auslastungen im Spitalsbereich als "vertretbar". Aufpassen sollte man, was die Kommunikation dazu und die Signalwirkung der Lockerungen betrifft. Tituliere man das als "Freedom Day" und nicht als Aussetzen von Maßnahmen, könne das wieder zum Problem werden. Ob die Omikronwelle nochmals etwas Fahrt aufnimmt, werde sich nächste Woche weisen.

Dass sich bei den Quarantäneregelungen und bei der Meldepflicht von Infektionen offenbar nichts ändern wird, sei "in Ordnung". Hier handle es sich um ein Signal dahin gehend, dass die Pandemie nicht plötzlich quasi zu Ende ist.

Problem liegt mehr auf den Normalstationen

Seit der Omikron-Welle liege das Problem im Gesundheitsbereich mehr auf den Normalstationen, da sehr schwere Verläufe aufgrund der höheren Impf- und zuletzt Durchseuchungsraten seltener geworden sind. Gegen Öffnungen würde also eher eine zu hohe Covid-19-Belastung bei Normalbetten sprechen. Die sei aber fast überall relativ niedrig, was auch die Auswirkungen auf die Versorgung von Nicht-Covid-Patienten in Grenzen hält, so der Forscher vom Complexity Science Hub (CSH) Vienna und der Medizinischen Universität Wien zur APA. Von den definierten Kapazitätsgrenzen sei man aktuell "weit weg".

Das Prognosekonsortium, dem Klimek angehört, geht ab nächster Woche davon aus, dass die Omikron-Untervariante BA.2 hierzulande dominant werden könnte. "Wir erwarten aber nicht, dass BA.2 so stark aufschlägt, dass es die bisherigen Höchstwerte nochmals pulverisiert." Dementsprechend werde sich die Krankenhausbelastung eher nicht deutlich erhöhen, sondern eher "in die Länge ziehen", sagte Klimek. Trotzdem könne man davon ausgehen, dass auch die von der Regierung geplanten weitgehenden Öffnungsschritte die Spitalskapazitäten höchstwahrscheinlich nicht sprengen werden. Klimek: "Insofern sind die Schritte jetzt auch vertretbar."


Die mittlerweile kleine Gruppe der Ungeimpften trage aktuell zu rund 50 Prozent zu den Neuinfektionen bei. Die Inzidenz unter den Ungeimpften und Nicht-Genesenen liege momentan bei rund 12.000. In dieser Gruppe schreite die Durchseuchung also sehr rasch voran. Dementsprechend sei auch deshalb davon auszugehen, dass die Welle in ein paar Wochen abebbe. "Ob wir aber schon am 5. März in einer nachhaltigen Abwärtsbewegung sind, kann ich jetzt noch nicht sagen", so Klimek.

Er rechne weiter damit, dass der Großteil der Bevölkerung auch nach dem 5. März weiter Vorsicht walten lassen wird. Für die meisten ist Covid-19 aus nachvollziehbaren Gründen "nach wie vor etwas, was man nicht bekommen möchte". Wie rund um den Stichtag kommuniziert werde, könnte sehr wichtig werden. Denn ob man die Maßnahmen nicht wieder brauchen wird, könne niemand vorhersagen. "Da muss man auf die Signalwirkung aufpassen", betonte der Komplexitätsforscher.


Zeitlinger: "Vorsichtige Öffnungsschritte akzeptabel"

"Vorsichtige Öffnungsschritte sind, glaube ich, akzeptabel", sagte auch Markus Zeitlinger, Vorstand der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie an MedUni/AKH Wien. Der Trend zeige international, dass die Zahlen leicht zurückgehen. Es sei darum gegangen, eine "punktuelle Überlastung in den Spitälern" zu vermeiden, "die haben wir im Moment nicht", betonte er, eine "Belastung" schon noch. Zur Impfpflicht äußerte sich der Pharmakologe wie bisher nicht dafür oder dagegen. Er würde aber "keinen neuen Grund sehen, warum man sie nicht durchziehen sollte", begrüßte Zeitlinger im APA-Gespräch das Beibehalten einer Linie bei dieser Maßnahme.

Die Öffnungsschritte verteidigt hat am Donnerstag die Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit und Leiterin der Gecko-Kommission, Katharina Reich, wiewohl sie im Ö1-"Morgenjournal" auch eine gewisse Skepsis durchblicken ließ: "Auch in meiner Seele schlagen zwei Herzen." Dass man nicht wie Deutschland bis Ende März gewartet habe, begründete Reich damit, dass "alles einen gewissen Vorlauf braucht". Zunächst müssten die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden. "Und wir haben noch drei Wochen Zeit", so Reich: "Schauen wir, wie es läuft."

Reich: Öffnungen nicht in "Stein gemeißelt"

Und nur weil diverse Regeln wie die Maskenpflicht fallen, heiße das ja nicht, dass sie nicht weiter praktiziert würden. Jeder könne weiterhin Masken verwenden. "Wir haben 75 Prozent unserer Bevölkerung bis dato in einem guten Mitmachmodus", betonte Reich. Und das werde auch weiterhin so sein, gab sie sich überzeugt. Die Öffnungen zum 5. März seien nicht in "Stein gemeißelt", sondern vom Systemrisiko abhängig, so Reich: "Wie geht es eben den Intensivstationen und den Normalstationen und wenn dieses Systemrisiko nach wie vor gering ist und die Auslastungen nach wie vor in einem vertretbaren Rahmen bleiben, dann ist gegen diese Öffnung ja nichts einzuwenden." (apa)