Die Güte mancher Ratschläge reift mit der Zeit. Vielleicht auch bei diesem Rat, er stammt aus dem Jahr 2015. "Sabine, wir machen uns neu selbständig." Er erging an Sabine Beinschab, deren beruflicher Traum von der Marktforschung damals gerade jäh zerplatzt war. Als Studentin hatte sie sich Sophie Karmasin angetragen, bei ihrer Motivforschung GmbH als Hilfskraft begonnen, sich dort aber hochgearbeitet, um schließlich rechte Hand der Chefin werden. Das alles endete abrupt im Jahr 2013, als Karmasin Familienministerin wurde.

Eine Zeit blieb Beinschab noch im (verkauften) Unternehmen, im April 2015 sei sie aber vom neuen Chef fristlos entlassen worden, sagte sie bei ihrer Einvernahme durch Ermittler der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA). Daraufhin kam der Rat zur Selbständigkeit, ausgesprochen von Helene Karmasin, der Mutter der Neo-Politikerin. "Da sagte ich, super, das klingt ja gut", erklärte Beinschab gegenüber den Ermittlern.

Verdunkelungsgefahr

Und es wurde auch gut – und womöglich nicht nur für sie. Jedoch nur für einige Zeit. Mittlerweile ist nichts mehr gut. Mitte Oktober 2021 wurde Beinschab vorübergehend festgenommen und stundenlang einvernommen. Das Protokoll war Ende der Vorwoche in mehreren Medien publiziert worden. Am Mittwoch, gegen 16 Uhr, wurde nun auch Sophie Karmasin festgenommen, die ehemalige Ministerin. Die WKStA bestätigte am Donnerstag per Presseaussendung lediglich "die Festnahme einer Person wegen Tatbegehungs- und Verdunkelungsgefahr". Gesicherten Informationen der APA und anderen Medien zufolge handelt es sich dabei um Karmasin. Ihr Anwalt Norbert Wess war am Donnerstag nicht erreichbar.

Beinschab hat ihre ehemalige Kollegin, Chefin und gute Bekannte Karmasin bei ihrer Einvernahme belastet, allerdings bereits im Oktober. Beinschab erklärte damals gegenüber den Ermittlern, dass Karmasin als Ministerin Provisionen von Beinschab ("Research Affairs") erhalten hatte. Das bestätigte Karmasins Anwalt, diese Einkünfte seien aber regulär versteuert worden und rechtlich in Ordnung. Dass Scheinrechnungen an das Finanzministerium gestellt worden sein sollten, habe Karmasin nicht gewusst.

Beinschab als Kronzeugin?

Beinschab beschrieb der WKStA einerseits einen schon länger bestehenden Paarlauf zwischen Boulevardmedien und Umfragen Karmasins für Parteien, nämlich zuvor auch für die SPÖ und die Zeitung "Heute". Andererseits ist aus dem Protokoll herauszulesen, wie aus Studien des Finanzministeriums auf einmal Umfragen wurden, die primär den Interessen einer Partei beziehungsweise einer Person dienten: dem damals aufstrebenden Außenminister Sebastian Kurz und seinem Team. Die WKStA ermittelt deshalb wegen des Verdachts der Untreue.

Im Fall von Karmasin dürften sich die Vorwürfe nun ausgeweitet haben, möglicherweise kommen Informationen dazu auch von Beinschab, die Kronzeugin werden will und deshalb ein umfassendes Geständnis ablegte. Die WKStA dürfte in den vergangenen Wochen jedenfalls neues belastendes Beweismaterial gewonnen haben. Der Medienmitteilung der Staatsanwaltschaft zufolge wird nun auch gegen drei Personen wegen "Verdachts der wettbewerbsbeschränkenden Absprachen im Vergabeverfahren" ermittelt, vulgo Kartell, gegen zwei davon zudem wegen des Verdachts auf Geldwäscherei. Dabei geht es um die Verwendung von Geldern, bei denen klar ist, dass sie gesetzeswidrig erlangt wurden.
Nach ihrer Zeit in der Politik war Karmasin wieder in ihr angestammtes Metier zurückgekehrt, sie leitet das Unternehmen Karmasin Research und Identity. Laut Beinschab hatte sie bis zuletzt auch an den Aufträgen ihrer ehemaligen Mitarbeiterin mitverdient, wie sie den Ermittlern sagte. Nach Informationen der "Presse" soll Karmasin zudem Meinungsforscherinnen aufgefordert haben, Scheinangebote zu stellen, damit sie bei Vergaben von öffentlichen Aufträgen zum Schluss als vermeintliche "Bestbieterin" zum Zug kommt.

Als Gegenleistung sollen wiederum an diese Meinungsforscherinnen Subaufträge vergeben worden sein. Laut "Presse" handelt es sich um das Sportministerium und die Aufträge sollen aus 2019 und 2021 stammen. Das ist insofern bemerkenswert, da das Ministerium erst blau, dann grün geführt wurde bzw. wird.