Es sind beängstigende Zahlen: Täglich infizieren sich rund 50.000 Personen in Österreich. Seit Anfang des Jahres haben sich 1,67 Millionen Menschen mit dem Coronavirus angesteckt, vorrangig mit Omikron. Es gibt aber nicht nur schlimme Zahlen, es gibt auch positive. Von den 1,67 Millionen Infizierten seit Jahresbeginn sind nach vorläufigen Daten der Gesundheitsagentur Ages nur etwas mehr als 1.100 Personen gestorben, 126 davon waren unter 64 Jahre.

Die Fallsterblichkeit ist laut Berechnungen der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) insgesamt auf 0,1 Prozent gesunken, bei Personen unter 64 Jahren liegt sie bei nur mehr 0,008 Prozent. Anders formuliert: Mehr als die Hälfte aller Sars-CoV-2-Infektionen wurden seit Jänner dieses Jahres registriert, aber nicht einmal sieben Prozent der Covid-Toten.

Es dürfte dabei eine leichte Unterschätzung geben, die Analyse der Todesursachen der Statistik Austria hinkt um Monate nach. Eine Übersterblichkeit ist derzeit aber nirgendwo zu bemerken. Es sterben vor allem sehr betagte Personen und damit jene Gruppe, die auch bei Grippewellen gefährdet ist. Influenza ist bisher weitgehend ausgeblieben, an ihre Stelle tritt nun Corona.

Die etwas mildere Omikron-Variante auf der einen Seite sowie die deutlich höhere Immunität in der Bevölkerung auf der anderen Seite bedingen, dass die Corona-Statistiken, die nach wie vor auf Dashboards in ganz Europa täglich veröffentlicht werden, anders interpretiert werden müssen als bisher.

Das beginnt schon bei der Sieben-Tage-Inzidenz der Infizierten, die bisher als sehr aussagekräftige Maßzahl durch die Pandemie geführt hat. Mittlerweile ist der Vergleich mit anderen Staaten aber schwierig, da die meisten Länder die Zahl der Tests zurückgefahren haben und nur mehr Erkrankten anbieten. Österreich nicht, hier finden noch breite Screenings statt. Das bedingt, dass Österreich derzeit die höchsten Inzidenzen in ganz Europa aufweist, aber eine der niedrigsten Positivraten. Weniger als zehn Prozent der PCR-Tests fallen in Österreich positiv aus, in Deutschland war es zuletzt die Hälfte, in Norwegen 75 Prozent.

Die Spitalsauslastung und die Sterbefälle werden auf Dashboards auch seit jeher abgebildet. Es dient der Bevölkerung, nachvollziehen zu können, welche systemischen Risiken von dem Virus ausgehen - und warum strikte Maßnahmen notwendig sind. Einige dieser systemischen Risiken, an denen sich das Pandemiemanagement orientiert, haben an Relevanz verloren.

Ein Beispiel: Früher war es kaum möglich, Pflegeeinrichtungen effektiv zu schützen. Trotz teils völliger Isolation der Gepflegten. Im Herbst 2020 starben in einigen Wochen dann mehr als doppelt so viele stationär Gepflegte wie in dieser Jahreszeit erwartbar gewesen wäre. Ein Jahr später, bei der Delta-Welle, ist trotz deutlich höherer Infektionszahlen nur ein leichter Ausschlag in der Statistik zu bemerken gewesen, mittlerweile keiner mehr. Es beweist, wie wirksam die Impfung ist.

Auch die Spitäler waren eines der allgemeinen Risiken. Zunächst vor allem die Intensivstationen, die in Österreich bei jeder Infektionswelle Gefahr liefen, überlastet zu werden. Bis Omikron kam. Nun ist die Lage stabil - ein Risiko weniger. Doch die Belegung ist nach wie vor hoch. "Dauerhaft rund 200 Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation, die es ja davor nicht gab, bedeuten, dass dem System permanent Ressourcen entzogen werden", sagt Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom IHS.

Lungenversagen ist selten geworden

Mit Fortdauer der Pandemie und des Impfprogramms ist aber auch die Belegung der Normalstationen stärker in den Fokus gerückt. In Wien werden aktuell mehr Sars-CoV-2-Infizierte auf einer Normalstation versorgt als je zuvor. Trotz dieser Rekordbelegung ist aber von Ärztinnen und Ärzten zu hören, dass die Lage mit vorangegangenen Wellen nicht vergleichbar sei. Vieles ist anders.

Es hat sich einmal das klinische Bild der Patienten verändert. Die oft böse verlaufenden Lungenentzündungen sind wesentlich seltener geworden, bei Jüngeren und Personen mittleren Alters sieht man sie so gut wie gar nicht mehr - wenn sie geimpft sind. Das ist wichtig. "Bei Ungeimpften tritt schweres Lungenversagen nach wie vor auf", sagt die Virologin Monika Redlberger-Fritz von der MedUni Wien.

Das ergibt ein anderes Bild auf internen Stationen, wo bei Delta auch Jüngere um Luft rangen. "Wir sehen, dass sich das Virus an den Menschen anpasst. Wir nähern uns der Grippe an", sagt Redlberger-Fritz. In der (nur bei Corona geführten) "an oder mit Covid"-Debatte empfiehlt sie, "wegen Covid" zu verwenden. "Das fasst es gut zusammen", sagt sie. "Es gibt Menschen, die schwere Grunderkrankungen haben und Covid noch dazu bekommen." Für sehr Betagte und Multimorbide kann diese Kombination einen Spitalsaufenthalt nötig machen. Und diese Patienten können trotz Impfung auch sterben.

Darüber hinaus ist Covid-19 aber häufig nur mehr eine Begleitdiagnose. Das bestätigt der Wiener Gesundheitsverbund genauso wie Günter Weiss, der Direktor der Inneren Medizin der Uniklinik Innsbruck. Laut Weiss ist derzeit etwa die Hälfte der Corona-Patienten tatsächlich wegen Covid in Behandlung. Belastbare Zahlen für ganz Österreich gibt es dazu aber nicht. Bei Corona-Hospitalisierten bis Jahresende 2021 hatte die GÖG erhoben, dass bei 82 bis 87 Prozent ein maßgeblicher Zusammenhang mit einer Covid-Erkrankung bestand. Das war aber noch vor Omikron.

Ist eine Infektion bei Geimpften also nur ein redundanter Zufallsfund? Nein, sagt der Epidemiologe Armin Fiedler, der die Vorarlberger Landesregierung berät. Auch Covid als Begleitdiagnose könne signifikant sein, sagt er. Die Abgrenzung ist bei sehr alten Personen oder bei solchen mit mehreren Erkrankungen manchmal schwierig. Das gilt auch beim Feststellen der Todesursache, wobei dies bei Influenza auch nicht anders ist. Grippe-Tote werden überhaupt nur geschätzt, laut Redlberger-Fritz zwischen 400 und 4.000 pro Jahr.

Massenkrankenstände und überlastetes Personal

Ein mit dem Coronavirus infizierter Patient bedeutet aber in jedem Fall einen Mehraufwand für das Personal durch die Schutzmaßnahmen. Auch die Organisation von Untersuchungen ist komplizierter. Dazu kommt, dass derzeit viele Beschäftigte ausfallen. Im Wiener Gesundheitsverbund sind es fünf Prozent, für Innsbruck berichtet Weiss von "bis zu einem Drittel", zuletzt lag man bei etwa zehn Prozent.

Auch wenn die Zahlen der Spitalsbelegung anders als bisher zu interpretieren sind und sich das Geschehen in den Stationen bezüglich der Krankheitsschwere verändert hat, kann von einer Normalisierung nicht gesprochen werden. Solange die Fallzahlen derart hoch sind, bleiben diese Einrichtungen systemische Risiken. Mit organisatorischen Maßnahmen und Überstunden lässt sich dem temporären Mitarbeiterschwund zwar entgegenwirken, man darf aber nicht vergessen, dass das Personal vielerorts seit vielen Monaten überlastet ist.

In Österreich ist es auch nicht gelungen, eine organisierte Betreuung daheim aufzubauen. Anders in der Schweiz, wo die Spitäler dadurch entlastet werden konnten. Trotz ähnlich hoher Infektionszahlen liegen in der Schweiz aktuell nur halb so viele Personen mit Covid im Spital.

Die hohe Inzidenz bedingt aber noch zwei andere Risiken für die Allgemeinheit. "Das Infektionsrisiko für Vulnerable steigt", sagt Gesundheitsökonom Czypionka. Es ist bereits zu sehen, dass sich wieder vermehrt Ältere anstecken. Die Maskenpflicht in Geschäften des täglichen Bedarfs sollte ihr Ansteckungsrisiko reduzieren, die extrem hohe Inzidenz kompensiert dies wieder.

Long-Covid als unbekanntes Systemrisiko

Seit einigen Wochen stehen gerade für diese Personengruppe therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung, etwa monoklonale Antikörper sowie antivirale Medikamente. "Die müssen aber sehr frühzeitig genommen werden", sagt Fiedler. Deshalb sei breite Information wichtig, "die Kommunikation ist aber ein absolutes Desaster", sagt der Epidemiologe.

IHS-Forscher Czypionka vermutet, dass die Zurückhaltung gewollt ist. Die Gefahr, dass eine Kampagne für "wirksame Medikamente" zu Sorglosigkeit führt und negativ auf die Impfbereitschaft wirkt, sollte wohl tatsächlich nicht unterschätzt werden. Zumal diese Therapien mitnichten alle schweren Verläufe verhindern. Aufklärung müsse vor allem über Ärzte und Apotheker erfolgen, sagt Czypionka. Diese Therapien, dazu niederschwellig verfügbare und schnelle Tests sind weitere Glieder in der Kette, um dieses Systemrisiko zu senken.

Eines dieser Systemrisiken wird jedenfalls bleiben: Long-Covid. Auf Dashboards kann es gar nicht abgebildet werden, es ist nach wie vor eine Blackbox. Erst vor wenigen Tagen erschien im Fachmagazin "Nature" eine vielbeachtete Studie, die Veränderungen im Gehirn sowie eine Reduktion der kognitiven Fähigkeiten bei Infizierten fand. Die Arbeit heißt noch nicht viel mehr, als dass man dies künftig beachten muss. Man wisse aber, so Czypionka, dass das Coronavirus ein höheres Potenzial habe, Gewebe in diversen Organen zu schädigen, als etwa Influenza. Fiedler findet die geringe Beachtung von möglichen Langzeitschäden "eine Frivolität", wie er sagt. Viele Viruserkrankungen hätten Langzeitfolgen, man wisse nicht, was in 10 bis 20 Jahren sein werde.

Wer sich jetzt nicht ansteckt, wird es vielleicht im Herbst. Es ist deshalb aber nicht egal. "Es geht immer um Risikoreduktion", sagt Czypionka, also etwa auch darum, sich möglichst selten anzustecken, um das Long-Covid-Risiko zu reduzieren. Auch die Impfung reduziert es. Das gegenwärtige Infektionsgeschehen nicht.