Die Hilfsbereitschaft für die Menschen in der Ukraine ist auch in Österreich groß. Das ist gut so, denn sie "brauchen so viel Hilfe, dass es nicht genug sein kann", sagt Martina Schloffer, stellvertretende Leiterin des Bereiches Einsatz und internationale Zusammenarbeit im Österreichischen Roten Kreuz. Aber: Mit Geldspenden kann die Hilfe in der Ukraine effizienter aufgestellt werden. Und Flüchtlinge und erfahrene Vereine in Österreich wissen meist selbst am besten, welche Hilfsgüter sie wann genau benötigen.

"Wiener Zeitung": Wie funktioniert die humanitäre Hilfe für die Menschen in der Ukraine im Moment?

Martina Schloffer: Es ist wichtig, dass anfangs gleich Hilfe vor Ort im Land passiert. Die Kolleginnen, Kollegen und Freiwilligen des Roten Kreuzes und anderer Hilfsorganisationen arbeiten bereits die ganze Zeit vor Ort. Da gibt es in jeder größeren Gemeinde Hilfsstellen, Systeme wie bei uns. Die Menschen warten ja nicht auf Hilfe von außen, sondern helfen gleich. Natürlich kommen sie schnell an ihre Limits. Je nachdem, wie viel Katastrophenhilfe vorher da war, geht ihnen Material aus. Da braucht es sehr schnell Nachschub.

Worum geht es da?

In bewaffneten Konflikten benötigt man Erste-Hilfe-Materialien wie Verbandszeug und Menschen, die darin ausgebildet sind, Verwundete zu versorgen. In den Spitälern gibt es zwar die Ärztinnen und Ärzte, aber es braucht Material, speziell für die Versorgung von Kriegsverwundeten, weil das bei der schieren Menge der Verletzten rasch ausgeht. Wir haben in Kiew zum Beispiel Pakete an Spitäler verteilt, mit typischem Material für die Versorgung von jeweils 50 verwundeten Personen, etwa für die Behandlung von Schussverletzungen. Es geht auch um eine funktionierende Infrastruktur, darum, dass sie Strom und Wasser haben. Man darf aber auch nicht nur an Kriegsverletzte denken. Es gibt auch Menschen, die mit chronischen Erkrankungen für eine Dialyse ins Spital müssen oder Insulin aus Apotheken benötigen, auch die brauchen das natürlich weiterhin.

Gibt es da schon Engpässe?

Ja, wir haben diese Woche zum Beispiel 2,5 Tonnen Insulin in Odessa in Spitäler gebracht, genug für 6.500 Leute für sechs Monate, und nach Dnipropetrowsk für 1.000 Personen. Das sind riesige Mengen, aber trotzdem eine lokal begrenzte Hilfe. In andere Orte kommt man gar nicht hin.

Es gab auch schon Aufrufe hier in Österreich Medikamente zu sammeln. Macht das Sinn?

Für mich selbst gab es in Bagdad 2003 ein extrem prägendes Erlebnis. Da hat man im Fernsehen, auch in Österreich, von den Menschen aus dem Irak gehört: Wir haben keine Medikamente. Wir haben vor Ort dann gesehen, dass die zentralen Lager randvoll waren. Das Problem war, dass die Verteilung nicht funktioniert hat, dass es die Kühl-Lkw dafür nicht gab. Jede Sammlung in Österreich wäre damals zwar gut gemeint, aber nicht sinnvoll gewesen. Wir hinterfragen zum Beispiel, warum haben die Menschen kein Wasser? Muss ich es liefern oder besser schnell eine Wasserleitung reparieren? Braucht nur eine Wasserpumpe Diesel, damit sie wieder funktioniert? Das ist wichtig, auch um Spenden effizient einzusetzen. Die Menschen in der Ukraine und auf der Flucht brauchen so viel Hilfe, dass es nicht genug sein kann. Man muss aber wissen, was die Menschen wo genau gerade benötigen. Ein Beispiel: Wenn Ärztinnen, Ärzte in einem Krankenhaus damit beschäftigt sind, Leben zu retten, können sie nicht aus 100 gespendeten Einzelpackerl das Richtige heraussuchen. Da stellen sich auch Fragen wie: Wurde die Kühlkette eingehalten? Ist der Beipackzettel in einer Sprache, die ich lesen kann? Für den großen Bedarf gibt es also Standardpakete aller Hilfsorganisationen, die für die Versorgung von 10.000 Menschen für drei Monate reichen. Den halben Medikamentenschrank zu Hause auszuräumen und zu verschicken, macht keinen Sinn. Wenn aber eine Flüchtlingsfamilie, die hier lebt, ein rezeptfreies Schmerzmittel braucht, schon. Und Verschreibungspflichtiges muss überall über Ärztinnen und Ärzte laufen.

In Olenovka mussten Wassertanks angeliefert werden, als die lokale Pumpstation durch Angriffe zerstört worden war. - © ICRC
In Olenovka mussten Wassertanks angeliefert werden, als die lokale Pumpstation durch Angriffe zerstört worden war. - © ICRC

Macht Sammeln also gar keinen Sinn?

Doch, wenn jemand genau weiß, was gebraucht wird und es direkt zu den Menschen bringen kann, auch hier in Österreich. Es ist viel Planung und Logistik nötig, um genau das zu liefern. Um die großen Lager am Rande der Ukraine nicht mit vielen, vielen Einzelpackerl zu füllen, sondern mit akut dringend Benötigtem. Es ist wichtig, dass gerade jetzt, wo es ohnehin so schwierig ist, dass die Hilfe zu den Menschen kommt, Transportwege nicht mit erst später Benötigtem, verstopft werden.

Was fehlt den Menschen vor Ort?

Je nach Region ist das sehr unterschiedlich: Sicherheit, vor allem. Und jetzt immer mehr eine Grundversorgung mit Hygienegütern und Essen. Mit Geld hilft man aus Österreich am besten. Im Westen der Ukraine gibt es noch funktionierende Märkte; da brauchen Menschen auf der Flucht nur Geld, um einkaufen gehen zu können. Ebenso in den Nachbarländern. Das ist viel effizienter als Materialverteilungen. Damit stärkt man auch lokale Märkte. Und wenn Material, transportieren auch wir es nicht unbedingt aus Österreich hin, sondern kaufen große Mengen dort, wo es sie am günstigsten gibt. Wir achten auch auf kurze Transportwege, damit das Geld optimal eingesetzt ist. Oder man hilft den Menschen, die hier in Österreich ankommen. Das sind so viele, die jetzt unsere Solidarität brauchen. Da wird es auch in den kommenden Wochen noch sehr viel Hilfe brauchen. Am besten ist es auch hier, bei Flüchtlingen, die Vereine zu fragen, was sie brauchen, dann ist Hilfe am größten bei geringerem Aufwand.

Und in der Ukraine?

Es braucht sichere Versorgungslinien in die umkämpften Regionen, in die Städte hinein, auch zur Nahrungsmittelversorgung. Wir kündigen solche Transporte vorher an, müssen rasch und effizient mit großen Gebinden hinein. Das sind große Standardpakete, die zum Beispiel für eine Familie einen Monat reichen. Um Tausende zu versorgen, braucht es auch Feuerpausen. Denn das eine ist, Güter aus den Regionen in die Stadt zu bringen. Das Zweite aber ist, sie sicher zu verteilen und dass die Menschen sie sicher entgegennehmen können.

Wo funktioniert das noch, wo nicht?

Das ändert sich laufend, Mariupol ist eine der Städte mit laufenden Kämpfen, wo das sehr, sehr schwierig ist. Die Zivilbevölkerung muss geschont, sie muss ihre Grundbedürfnisse, Sicherheit, Essen, Verwundete versorgen, wahrnehmen können.

Martina Schloffer ist seit über 25 Jahren Mitarbeiterin des Roten Kreuzes, für viele Jahre in der Katastrophenhilfe und im Auslandseinsatz in Konfliktsituationen und beim Wiederaufbau, unter anderem im Irak, im Libanon und in Eritrea. Sie ist stellvertretende Leiterin des Bereiches Einsatz und internationale Zusammenarbeit im Österreichischen Roten Kreuz. 
- © Österreichisches Rotes Kreuz / Thomas Holly Kellner

Martina Schloffer ist seit über 25 Jahren Mitarbeiterin des Roten Kreuzes, für viele Jahre in der Katastrophenhilfe und im Auslandseinsatz in Konfliktsituationen und beim Wiederaufbau, unter anderem im Irak, im Libanon und in Eritrea. Sie ist stellvertretende Leiterin des Bereiches Einsatz und internationale Zusammenarbeit im Österreichischen Roten Kreuz.

- © Österreichisches Rotes Kreuz / Thomas Holly Kellner

Das ist im Moment nicht so?

Leider nicht. Die kämpfenden Parteien müssen sich hier auf Pausen und die Versorgungslinien einigen, damit die neutrale, unparteiische Hilfe ankommt. Gerade in Konflikten in urbanen Regionen mit Belagerungszuständen passiert es leider immer wieder, dass die Zivilbevölkerung und zivile Infrastruktur mitbetroffen ist. In ländlichen Regionen ist das, weil weniger dicht besiedelt, seltener der Fall. Es ist internationales Recht, dass Wohngegenden, medizinische Einrichtungen oder Schulen, nicht betroffen sein dürfen, darauf müssen kämpfende Parteien achten.