Das Land erhält eine neue Teststrategie. Und es ist, wenig verwunderlich, ein Kompromiss geworden. Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) nennt ihn einen "guten Kompromiss". Es ist jedoch kein solcher zwischen Wissenschaft und Politik, wenn epidemiologische Sinnhaftigkeit auf politische Realitäten trifft, sondern ein Kompromiss zwischen Politik und Politik, zwischen Gesundheits- und Finanzminister, zwischen Bund und Ländern – zumindest einigen Ländern.

Gleich vorweg: Für die meisten Menschen in Österreich wird sich nichts oder nur wenig ändern. Coronatests werden ab 1. April zwar nicht mehr unbegrenzt kostenlos zur Verfügung stehen, allerdings machte bisher nur eine Minderheit von diesem Angebot in einem Ausmaß Gebrauch, das über die nun präsentierte Lösung hinaus geht. Wie Minister Rauch bekannt gab, wird der Bund künftig pro Monat jeder Person fünf PCR-Tests sowie fünf Antigen-Tests kostenlos ermöglichen, das ist mehr als ein Test pro Woche.

Was bereits davor klar war: Personen mit einem begründeten Corona-Verdacht (Symptome, Kontakt zu Infizierten) werden ohnehin weiterhin kostenlos getestet. Das ist bei meldepflichtigen Krankheiten laut Epidemiegesetz grundsätzlich so vorgesehen. Doch Österreichs Teststrategie hat sich im Laufe der Krise zweigeteilt und der Gesundheitsminister die Möglichkeit erhalten, Screeningprogramme zu verordnen. Auch Personen ohne Verdacht, ohne Symptome erhielten Zugang zu Gratistests. Der Bund zahlte, die Länder setzten um.

Die entsprechende Verordnung dafür wurde mehrfach verlängert, Ende März läuft sie aber endgültig aus. Im Februar wurde dann das Epidemiegesetz in einem wichtigen Punkt novelliert (noch ist es nicht kundgemacht). Bei Screenings kann der Gesundheitsminister nicht mehr alleine verfügen, sondern er muss das "Einvernehmen mit dem Finanzminister herstellen". Das hat für Kritik der Opposition gesorgt, sogar die FPÖ mahnte die Alleinverantwortung für den Gesundheitsminister ein. Das in den Vorjahren gelebte Motto "Koste es, was es wolle" ist Geschichte. Es soll nur mehr kosten, was notwendig ist.

Doch was das ist und wie sinnvoll die Screenings sind, ist umstritten – auch weil Daten dazu fehlen. In Österreich werden signifikant mehr Tests vorgenommen als in anderen europäischen Ländern. Das Ergebnis, etwa hinsichtlich Spitalsbelegung und Todesfälle, ist deshalb hierzulande aber nicht besser. Andererseits sieht man, dass in Wien, wo mit Abstand am meisten getestet wird, die Inzidenzen niedriger sind als in anderen Bundesländern. Das galt bei der Delta-Welle und gilt nun auch bei Omikron. Ob es sich da wie dort um Korrelation oder Kausalität handelt, ist aber unklar. Eben auch wegen mangelnder Datenlage.

Keine repräsentativen Untersuchungen

Dass dies ein Versäumnis ist, darin sind sich die Wissenschafter einig: "Es ist eine vertane Chance", sagt der Komplexitätsforscher Peter Klimek. Welche Gruppen testen und warum? Wie viele Infektionen werden zufällig entdeckt? Ist das Verhalten Getesteter ein anderes? Gesundheitsminister Rauch argumentierte die Beibehaltung der (nun kontingentierten) Gratistests zwar unter anderem damit, dass diese eine "Datengrundlage" seien, tatsächlich werden aber nur Alter und Wohnort erhoben.

Andere Länder behelfen sich mit repräsentativen Stichproben, aus denen etwa auch sozio-ökonomische Daten abgelesen werden können. Das fehlt in Österreich. "Wir werden uns anschauen, wo wir Defizite haben", sagt dazu Rauch. Immerhin sind die Kosten für das Testprogramm enorm, Minister Rauch nannte am Dienstag drei Milliarden Euro, die bisher vom Bund ausgegeben wurden. Ist das ein zielgerichteter Einsatz dieser Mittel?

Bekannt ist, dass in Wien mit Abstand am meisten getestet wird. In der Vorwoche wurden im Rahmen der "Alles gurgelt"-Aktion 1,12 Millionen Proben von 618.817 Personen ausgewertet. Mehr als die Hälfte gab dabei einen einzigen Test ab. Rund 50.000 Personen gurgelten aber (fast) täglich. Doch wer diese Gruppe ist und warum sie so oft testet, weiß man auch in Wien nicht. Möglich ist, dass darunter auch Infizierte sind, die täglich prüfen, ob sie vielleicht schon wieder negativ sind.

In Wien ist es jedenfalls gelungen, die Kosten pro Test deutlich zu senken, nämlich auf etwa 6 Euro pro PCR-Test. Möglich wird das durch das Poolen mehrerer Proben und den Umschlag hunderttausender Tests pro Tag. Die Kontingentierung könnte nun den Effekt haben, dass sich der Bund, zumindest in Wien, kaum Geld erspart. Sollte der Preis pro Test aufgrund der gedrosselten Nachfrage steigen, könnte es am Ende mehr oder weniger ein Nullsummenspiel sein – und dafür weniger Tests geben. Ein Ende der Gurgel-Aktion, wie vom Großlabor Lifebrain angedroht, würde die Kosten sogar deutlich erhöhen, weil dann die Nachfrage über das Testangebot in den Apotheken gedeckt werden müsste. Diese erhalten einen Kostenersatz von 25 Euro pro Test, also deutlich mehr.

Vulnerable Personen werden nicht gezielt adressiert

Nicht ganz so einig wie bei der Frage der Datenerhebung waren sich Wissenschafter bei der Bewertung der Teststrategie. Epidemiologen wie Gerald Gartlehner von der Donau-Uni Krems, aber auch der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien kritisierten das ungerichtete Testen und plädierten für ein weitgehendes Ende der Gratistests. Der Molekularbiologe Michael Wagner von der Uni Wien widersprach dem im Vorfeld der Entscheidung. Ein komplettes Ende der Gratistests ist es nicht geworden, sondern eben ein Kompromiss.

Tatsächlich liegen die Sichtweisen der Wissenschafter auch nicht so weit auseinander. Den Fokus auf den Schutz vulnerabler Gruppen zu legen, ist zum Beispiel überhaupt nicht strittig und wird von allen Experten sogar explizit gefordert. Diese Gruppe wird durch die neue Teststrategie aber nicht gezielt adressiert. Wagner hätte sich auch gewünscht, dass Personen, die mit Hochrisikopatienten im selben Haushalt leben, von der Kontingentierung ausgenommen werden. Auch Gartlehner und Czypionka verwiesen immer wieder auf das besondere Schutzbedürfnis dieser Gruppe.

Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin wird diese Verordnung kein Enddatum erhalten, sie gelte "bis auf weiteres", sagt Rauch. Also auch im Sommer, wenn die Inzidenz deutlich fallen sollte? "Das müssen wir schauen. Wir brauchen es jetzt", sagt der Minister. Auch das war Ergebnis des Kompromisses. In diesem Fall eines, das noch geändert werden kann.