Mehr Vogel-Strauß habe ich noch nie erlebt in der Politik", ärgerte sich der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker über die aktuellen Öffnungsschritte der Bundesregierung. Man könne nur mit Staunen zuschauen, was passiere, meinte Hacker mit Blick auf die Höchstzahlen bei den Infektionen, eine "unfassbare" Anzahl an Erkrankten im Spital und 10 bis 15 Prozent Personalausfälle österreichweit im Spitals-, Pflege- und Schulbereich.

Tatsächlich erreichten die aktuellen Infektionszahlen mit 60.803 am Mittwoch einen neuen Tageshöchststand. Und die Zahl derer, die mit Covid-19 im Spital auf Normalstation liegen, ist mit 2.801 die höchste seit der großen Krankheitswelle im Herbst 2020. Auch die Zahl der Patienten auf Intensivstation hat sich in den vergangenen Tagen wieder deutlich nach oben bewegt. Mit aktuell 221 ist die Belegung aber noch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Der österreichweite Höchststand war hier 709 im November 2020. Allerdings könnte die Anzahl der auf Intensivstationen gepflegten Patienten laut Prognose-Konsortium in der kommenden Woche immerhin auf bis zu 300 steigen.

Auch die Infektionszahlen dürften unterdessen weiter steigen. Hier geht das Konsortium von maximal 69.000 infizierten Personen kommende Woche aus. Auf den Normalstationen könnte es zudem einen neuen Höchstwert mit bis zu 4.000 Erkrankten.

Experten: Öffnungen für Anstieg verantwortlich

Angesichts der derzeitigen Öffnungsschritte - beispielsweise müssen sich bereits ab kommenden Montag auch ungeimpfte Kontaktpersonen nicht mehr absondern - kritisierte Hacker, dass die Bundesregierung mit einem "unglaubliche Geschwindigkeitsgalopp" die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus zurücknehme.

Auch dass man sich in Zukunft laut den Plänen der Bundesregierung nur mehr fünf Mal im Monat kostenlos PCR-testen lassen kann, kritisierte Hacker scharf. Dies sei schon aufgrund der mangelnden Administrierbarkeit dieser Maßnahme ein großes Problem.

Denn es sei etwa noch völlig offen, wie das derzeitige österreichische Testsystem dann noch weitergeführt werden könne.

Auch das Prognose-Konsortium führte die erwartbare weitere Steigerung der Fallzahlen auf die Öffnungsschritte der Regierung zurück - wenn auch freilich in einem viel zurückhaltenderen Ton: "Für die aktuelle Prognose wird somit ein weiterer Anstieg des in der letzten Woche beobachteten Fallanstieges aufgrund der Öffnungsschritte vom 5. März erwartet", so die Experten.

Kritik auch von Rendi-Wagner

Auch etliche Expertinnen und Experten hatte die Öffnungen Anfang des Monats kritisiert, vor allem den Wegfall auch der Maskenpflicht in Innenräumen. Der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom IHS verwies etwa auf die Gefahr einer "Dauerüberlastung" des Spitalswesens.

Die SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner forderte die Regierung auf, den Krisenstab einzuberufen. "Die Bundesregierung verliert offensichtlich jetzt komplett die Kontrolle über die Ausbreitung des Coronavirus", kritisierte sie und forderte neue Maßnahmen, konkret die Rückkehr zur 2G-Regel in Lokalen und die Maskenpflicht. Das am Dienstag von Gesundheitsminister Johannes Rauch geäußerte Argument, dass solche Maßnahmen erst nach Abflachen der Welle wirken würden, ließ sie speziell für die Maskenpflicht nicht gelten.