"Der 23. Februar war noch ein absolut friedlicher Tag in Kiew. Die Kinder waren in der Schule, ich war beim Friseur", erzählt Anna Proskurina. Menschen saßen in den Kaffeehäusern. Es war kalt, aber die Sonne schien. Ja, es hatte schon Wochen zuvor geheißen, dass man einen Koffer mit den wichtigsten Sachen packen und sich für den Notfall vorbereiten sollte. "Aber ich hatte das noch nicht gemacht. Für mich war es undenkbar, dass Russland die Ukraine angreift."

In der Nacht auf den 24. Februar um 5.30 Uhr wachte Proskurina durch den Knall einer Explosion auf. "Dann ging die Sirene los." Das Undenkbare war eingetreten. Das noch schlafende Land war auf einmal im Krieg.

"Ich hab’ die Kinder geweckt und den Notkoffer gepackt. Dann sind wir in den Technikraum hinuntergegangen, der zu unserem Schutzraum wurde, weil das Haus keinen Bunker hat." In den Technikraum hinuntergehen bedeutete, die Stiegen vom elften Stock des Mehrparteienhauses in der Nähe des Regierungsviertels ins Erdgeschoß zu steigen - denn den Aufzug zu benutzen, war zu gefährlich. Man hätte stecken bleiben können, falls der Strom abgeschaltet wird.

Elf Stockwerke alle drei Stunden

Etwa alle drei Stunden stieg Anna Proskurina von nun an die elf Stockwerke hinunter und wieder hinauf, "so oft gingen die Sirenen los, und die Raketen wurden abgefeuert". Zuerst nur mit ihren Töchtern - Mascha ist 13, Dascha 16 Jahre alt - und etwas später auch mit ihrer Mutter, die in der Nähe wohnt und mit dem Bus kam. Vor allem für die 75-Jährige wurde das Stiegensteigen zunehmend zum Kraftakt.

"Unser erster Gedanke und das Wichtigste in diesem Moment war aber, dass die Familie zusammenkommen und zusammenbleiben muss", sagt Proskurina. Auch der Plan der gemeinsamen Flucht stand bereits im Raum.

Proskurinas Ehemann lebt in Wien, sie selbst hat die österreichische Staatsbürgerschaft und kehrte nach längerer Zeit in Österreich vor mehreren Jahren in die Ukraine zurück. Ihre Mutter ist Ukrainerin, der Vater war Russe. "Mein Mann hat stündlich angerufen, er hat gezittert vor Angst." Sie selbst habe "funktioniert", sagt sie. "Wir haben den Schutzraum geputzt, weil wir jede Nacht dort geschlafen haben. Es wurde eine Liste der im Haus gebliebenen Männer gemacht, die bereit waren, an den Eingängen der Stiegenhäuser Wache zu halten, um das Eindringen der Fremden und Plünderer zu verhindern."

"Ich habe wahnsinnig Angst gehabt, dass wir es nicht nach Hause schaffen, bis die Sirene wieder losgeht."

Anna Proskurina

Das Haus zu verlassen, habe sie sich in den ersten Tagen nicht getraut. "Ich habe wahnsinnig Angst gehabt, dass wir es nicht nach Hause schaffen, bis die Sirene wieder losgeht", sagt Proskurina. Bis am dritten Tag die Milch aus war und kein Brot mehr da. "Da bin ich mit Mascha hinaus. Die Supermärkte waren offen, die kleineren Geschäfte geschlossen. Viele Bewohner waren gleich am ersten Tag aus der Stadt geflohen." Der große Ansturm auf die geöffneten Geschäfte habe mit einer gewissen Verzögerung eingesetzt, sagt Proskurina.

Im Technikraum des Mehrparteienhauses in Kiew, der zum Schutzraum wurde. - © Anna Proskurina
Im Technikraum des Mehrparteienhauses in Kiew, der zum Schutzraum wurde. - © Anna Proskurina

Chats zum Austausch von Nachrichten wurden eingerichtet, und Hilfe für ältere Alleinstehende durch Freiwillige wurde organisiert. Die Nachbarn im Haus haben sich zu einer helfenden Gemeinschaft formiert. Die Nachrichtenkanäle liefen heiß - begleitet von der latenten Angst, dass die Fernsehtürme bombardiert werden oder das Internet nicht mehr funktioniert.

Proskurina war zu diesem Zeitpunkt bereits klar: "Ich fühlte mich nirgendwo mehr sicher, wir mussten weg. Hätte ich keine Kinder, wäre ich nicht geflohen, aber ich hatte Angst um deren Leben. Und um deren Psyche - mit jedem Tag mehr im Kriegsgebiet wächst das Trauma." Weil sie selbst kein Auto besitzt, bat ihr Mann den ORF-Korrespondenten Christian Wehrschütz um Hilfe, der sie, ihre Mutter und die Kinder in die Botschaft zu den letzten zwei Mitarbeiterinnen brachte, die sich noch im Gebäude befanden. Es war der 28. Februar, vier Tage nach Ausbruch des Krieges. Die wichtigsten Dinge wie Pässe und Gewand für die nächsten Tage hatte Proskurina noch schnell gepackt. "Wir sind mit einem Plastiksackerl nach Österreich gekommen", sagt sie heute. Die Haustiere - zwei Hunde und zwei Katzen - kamen vorübergehend in eine Tierpension und sollten nachgeschickt werden.

Österreichischer Pass als Rettung

"Am nächsten Tag in der Früh sind wir mit den zwei Botschaftsmitarbeiterinnen 17 Stunden lang nach Ternopil im Westen der Ukraine durchgefahren." Ohne Essen und Trinken, auf Nebenstraßen voller Schlaglöcher und mit der ständigen Angst, dass eines der Autos unterwegs liegen bleibt - denn die tankbare Benzinmenge an den Tankstellen war bereits auf 20 Liter begrenzt. In Ternopil verfuhren sie sich während der Sperrstunde, in der man das Haus nicht mehr verlassen darf (kriegsbedingt von 22 bis 7 Uhr). Als ihnen auf einer Nebenstraße Polizisten, begleitet von mehreren Männern mit Maschinengewehren, begegneten und sie festnehmen wollten, weil sie den Fahrer für einen Spion hielten, "half nur mein österreichischer Pass", erzählt Proskurina.


Links

Die NGO Zminy, Veranstalter eines der größten Musikfestivals in der Ukraine, des Atlas-Festivals, hat einen Spezialfonds eingerichtet und bereitet ein Event für den 27. März in Kiew vor. Mehr Informationen dazu demnächst auf der Website: zminy.info

Nachbar in Not: www.roteskreuz.at/
spende-nachbar-in-not

Caritas:

www.caritas.at

Diakonie:

www.diakonie.at

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Nach einer Nacht in einem Hotel in Ternopil, in dem eine Halle mit Betten für Flüchtlinge adaptiert worden war, und einem weiteren Zwischenstopp in Mukatschewo kamen sie schließlich in der Außenstelle der österreichischen Botschaft in Uschhorod an. Botschaftsmitarbeiter geleiteten sie über eine sichere Route zur Grenze, und von dort erreichten sie nach einer Nacht an der ungarischen Grenze am 4. März Wien. Die Angst fiel ab, die von Instinkten genährte Kraft, alles Notwendige fürs Überleben zu tun, schlug in Schwäche um. "Nach langen, schlaflosen Nächten kamen Leere und Erschöpfung."

Auf diese folgte die Euphorie - aber nur kurz. Sehr kurz. "Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht dort geblieben bin und nicht helfen kann", sagt Proskurina. Einige Freunde seien noch in Kiew. Auch der Alltag und die beruflichen Sorgen holen sie nun ein: Die ältere Tochter hätte heuer ihren Abschlussball gehabt, und das Projekt, auf das Proskurina, die im Versicherungswesen tätig ist, drei Jahre lang hingearbeitet hatte, liegt vielleicht für immer auf Eis. Dazu kommen die Bilder und Klänge des Krieges, die Proskurina, ihre Kinder und Mutter immer wieder zusammenzucken lassen. Mitten untertags, meist unvorbereitet. Der Klingelton einer App, der wie eine Sirene heult. Die Klimaanlage im Auto, deren beständiges Brummen an die Lautsprecher in Kiew erinnert. Oder der Hubschrauber am Himmel in Wien. "Meine jüngere Tochter hatte Angst, dass er uns beschießt."

Sie wird jetzt voraussichtlich in Wien weiter in die Schule gehen, während die ältere Tochter bei der Caritas mithilft und für die Flüchtlinge Deutsch und Ukrainisch übersetzt. Auch die Haustiere sind mittlerweile in Wien angekommen. Die Familie will dennoch wieder zurück. "Wir zittern, ob unsere Wohnung dann noch steht. Ein Kollege hat seine Wohnung in Irpin nahe Kiew verloren, eine Rakete schlug in der Nähe des Hauses eines Freundes ein. Derzeit ist man in Kiew nirgends sicher", sagt Proskurina.

"Man kann Frieden nicht auf der Vernichtung anderer bauen"

Demonstrationen für die Ukraine, wie sie zurzeit weltweit stattfinden, sind in ihren Augen wichtig und gut und können helfen, den Krieg zu beenden - solange man für den Frieden und nicht gegen die Russen im Allgemeinen zusammenhält. "Man kann Frieden nicht auf der Vernichtung anderer bauen", meint Proskurina. Vor allem solle man die russische Bevölkerung nicht geschlossen für die Politik ihres Landes verantwortlich machen.

Eines haben sie die wenigen Wochen Krieg und die fünf Tage ihrer Flucht aber auf jeden Fall gelehrt, haben sie bleibend abstumpfen lassen, wie sie es formuliert: "Kein Szenario ist für mich mehr unwahrscheinlich. Unmögliches kann möglich werden. Nicht logisches Handeln herrscht vor, sondern gefährlicher Wahnsinn."