Die Bilder ähneln einander - und doch wieder nicht. Als 2015 zahlreiche Flüchtlinge am Wiener Westbahnhof ankamen, wurden sie von einer Vielzahl an freiwilligen Helfern begrüßt. Anno 2022 sind es täglich einige Dutzend meist Ehrenamtliche, die unter der Leitung der Caritas den Flüchtlingen am Wiener Hauptbahnhof bei der Ankunft in Österreich helfen. Unterschiedlich ist jedoch nicht nur der Ankunftsort. Waren es 2015 vor allem junge Männer aus dem Nahen Osten, die nach Österreich gekommen sind, sind es jetzt Menschen aus der Ukraine und dabei vor allem Frauen, Kinder und Alte.

2015 habe es zwar eine große Hilfsbereitschaft gegeben, aber auch von Beginn an "Skepsis und Angst vor den jungen Männern, die von einer anderen Kultur getragen waren", erinnert sich die Grazerin Konstanze Walter, die sich damals wie heute als Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe engagiert und mittlerweile eine ukrainische Familie bei sich zuhause aufgenommen hat. Heute sei die Stimmung viel positiver: "Die Leute sind dankbar, wenn sie etwas tun können."

Mehr Mitgefühl als vor sieben Jahren

Christina Rath-Liehr aus dem steirischen Riegersburg hat ebenfalls bereits 2015 geholfen - am Grenzübergang in Spielfeld. Jetzt sind zwei ukrainische Familien im Haus ihres Bruders untergekommen. Auch sie erlebt dieses Mal "viel mehr Mitgefühl und Empathie", während 2015 trotz der anfänglich sehr großen Hilfsbereitschaft auch "Angst vor den Menschen, die eine andere Lebensweise aufweisen" geherrscht habe.

Doch war die Stimmung gegenüber Flüchtlingen auch im Jahr 2015 erst positiver, bis sich diese mit der Zeit ins Negative gedreht hat, ja gekippt ist. So lautet zumindest ein bekanntes Narrativ, das sich empirisch aber weder ganz bestätigen noch ganz von der Hand weisen lässt. Die Geschichte geht in etwa so: Nachdem die Polizei im Sommer 2015 in Parndorf einen Kühl-Lkw mit 71 qualvoll zu Tode gekommen Geflüchteten aufgegriffen hatte, hat der Schock der Österreicherinnen und Österreicher ein politisches Momentum dafür geschaffen, den zahlreichen Flüchtlingen Schutz und Hilfe zu gewähren und sie per Zug ins Land zu lassen: "Wenn ich so einen Fund habe, geht es sich nicht aus, am nächsten Tag eine Presseaussendung zu schreiben, in der ich über Flüchtlinge schimpfe", meint dazu der Politologe Laurenz Ennser-Jedenastik vom Wiener Institut für Staatswissenschaften.

Stimmung kippte nach Silvesternacht in Köln

Im Verlauf der Monate hat sich jedoch die Skepsis gegenüber den Geflüchteten durchgesetzt, während sich der politische Diskurs in Flüchtlingsfragen nach rechts verschoben hat.

Möchte man einen bestimmten Moment annehmen, in dem die Stimmung gekippt ist, könnte dieser die Silvesternacht zwischen 2015 und 2016 sein. Vor allem in Köln kam es da zu sexuellen Übergriffen von jungen Männern aus Nordafrika und dem Nahen Osten - darunter zum Teil von Geflüchteten - gegenüber vornehmlich jungen Frauen aus Deutschland. "Es gibt eine anthropologische Konstante: Wenn man Menschen hilft, erwartet man Dankbarkeit und Demut", sagt der Soziologe Kenan Güngör, der das private Forschungsbüro "think.difference" leitet: "Menschen reagieren umso enttäuschter, wenn Regelverletzungen von jener Gruppe kommen, von der man diese Erwartungen hat."

Im Jahr 2015 wurden die Geflüchteten schnell als Bedrohung wahrgenommen, Österreich schottete sich ab. - © apa / Erwin Scheriau
Im Jahr 2015 wurden die Geflüchteten schnell als Bedrohung wahrgenommen, Österreich schottete sich ab. - © apa / Erwin Scheriau

Bleibt die Frage, ob die Stimmung auch gegenüber den zahlreichen Ukrainerinnen (Männer zwischen 18 und 60 dürfen bekanntlich nur in wenigen Ausnahmefällen ausreisen) nach der jetzigen Welle der Hilfsbereitschaft wieder kippen wird oder ob die Lage dieses Mal grundsätzlich anders ist. "Ich habe leider auch keine Glaskugel", sagt die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der WU Wien: "Aber die Voraussetzungen dafür, dass die Stimmung nicht kippt, sind besser." Auf der einen Seite sind die Geflüchteten besser abgesichert: "Die Leute wissen unmittelbar, dass sie bleiben dürfen, aufgrund der Massenzustromrichtlinie (der EU, Anm.). Das heißt, wir haben nicht diese monate- oder jahrelangen Asylverfahren, wodurch nachweislich viel Potenzial kaputt geht."

Österreicher fühlen sich Ukrainern näher

Auf der anderen Seite könnte die Aufnahmebereitschaft höher sein. Güngör glaubt, dass der österreichischen Gesellschaft das Leid der Ukrainerinnen und Ukrainer nähergeht als jenes der Syrer und Afghanen. Und er zählt vier Faktoren dafür auf. Erstens die politische Dimension, die Güngör als wichtigsten Punkt sieht: "Dass mit der Ukraine ein westlich orientierter, moderner, demokratischer Staat aufgrund seiner Demokratieorientierung willkürlich angegriffen wird." Zweitens die geografische Nähe - "das löst auch Vorstellungen im Sinne von ‚Das hätte auch uns passieren können aus‘". Drittens die zivilisatorische Nähe, die darin liege, dass Städte wie Kiew europäisch geprägt seien. Und als vierten und sozusagen rangniedrigsten Punkt die ethnisch-kulturelle Nähe: "Dass man sich denkt, sie sind Weiße wie hier und sie ticken auch wie wir."

Weil dadurch ein anderes Grundbild als etwa bei Flüchtlingen aus dem Nahen Osten entstehe, "sind Hilfsbereitschaft und Sympathie viel höher". Die Chancen, dass die Empathie mit den Geflüchteten längerfristig anhält, stehen daher besser als 2015.

Was sich im Verlauf der Zeit jedoch trotzdem einstellen könnte, ist eine sogenannte Flüchtlingsmüdigkeit, auf Englisch "Refugee Fatigue", wie die Migrationsforscherin Kohlenberger meint. Nach einer ersten Welle der euphorischen Hilfsbereitschaft kommt man "irgendwann in die Mühen der Ebene und dann zeigen sich gewisse Ermüdungserscheinungen - was aber nicht gleichbedeutend ist mit einer Anti-Flüchtlingsstimmung". Die Mehrheit der Österreicher will, dass ukrainische Flüchtlinge rasch wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Laut einer aktuellen Umfrage von Unique research für das "profil" meinen jedenfalls 53 Prozent, dass die Vertriebenen zurück in ihr Heimatland gehen sollten, sobald es die Sicherheitslage erlaube. 38 Prozent finden dagegen, dass gut integrierte Ukrainer auch nach dem Krieg in Österreich bleiben sollen, so sie das wollen.