Ob Hühnergeschnetzeltes in der Dose, Chips, Schokoladenkekse oder Windeln: Es gibt sie in je einer Sorte, von der sich Stück an Stück aneinanderreiht. Im Kühlregal ist die Situation ähnlich. Die meisten der Joghurts, Säfte oder Wurstaufschnitte eint zudem, dass sie das Mindesthaltbarkeitsdatum soeben überschritten haben. Alkohol und Zigaretten gibt es nicht. Willkommen in einem der Sozialmärkte für von Armut betroffene Menschen, wie es sie seit 1999 in Österreich gibt. Seit Beginn der Corona-Krise im März 2020 habe sich die Anzahl der Kunden massiv erhöht, sagt Gerhard Steiner, Präsident des Dachverbands Soma Österreich & Partner, zur "Wiener Zeitung". Und: Immer mehr Erwerbstätige, denen dennoch zu wenig Geld zum Leben bleibt, und ehemalige Selbständige sind darunter.

"Die Situation ist regional unterschiedlich", sagt Steiner. Im Westen Österreichs liege die Steigerung bei etwa 10 Prozent - im Osten bei 20 Prozent. Denn im Osten kommen die Flüchtlinge, die hier ankommen, dazu.

Für diese geben die Gemeinden für gewöhnlich Gutscheine aus, mit denen sie in den Sozialmarkt einkaufen gehen können, sagt Ursula Oswald vom "soogut"-Sozialmarkt, eines der Mitglieder von Soma Österreich & Partner. Selbst einkaufen gehen zu können und nicht ausschließlich auf fertig gepackte Hilfspakete angewiesen zu sein, sei auch für das Selbstwertgefühl wesentlich, meint sie. Der Dachverband Soma Österreich & Partner zählt insgesamt 40 Sozialmärkte, die unter anderen auch vom Arbeiter-Samariter-Bund, dem Wiener Hilfswerk, der Volkshilfe, der Caritas oder den VinziWerken betrieben werden, und rund 100.000 Kundinnen und Kunden. Daneben gibt es weitere, regional organisierte Sozialmärkte. In einigen wird auch gekocht.

Essen um 30 Euro pro Woche

Die Höhe des Einkommens, die zum Einkauf berechtigt, orientiert sich grundsätzlich am Ausgleichszulagenrichtsatz des Sozialministeriums. Für die "soogut"-Sozialmärkte etwa erhalten all jene einen Einkaufspass, deren Netto-Einkommen (14 Mal im Jahr) bei Einpersonenhaushalten 1.240 Euro nicht übersteigt, sagt Oswald. Für Zweipersonenhaushalte liegt diese Grenze bei 1.630 Euro, und für jede weitere erwachsene Person im Haushalt kommen 195 Euro dazu. Für jedes Kind im Haushalt sind es 300 Euro zusätzlich. Wer einen Einkaufspass beantragt, muss daher nicht nur die Einkommensnachweise, sondern auch die Meldezettel aller im Haushalt lebenden Personen mitbringen. Die einzelnen Märkte definieren mitunter weitere Kriterien. Um in den Soma-Sozialmärkten des Wiener Hilfswerks einkaufen zu dürfen, muss man zum Beispiel den Hauptwohnsitz in Wien haben. Der Einkaufspass wird generell befristet auf ein Jahr ausgestellt, und der maximale Einkaufswert beträgt meist 30 Euro pro Woche.

Steiner von Soma Österreich & Partner und Oswald vom "soogut"-Sozialmarkt betonen beide, dass in den vergangenen zwei Jahren nicht nur die Anzahl der Einkaufspässe gewachsen sei, sondern auch die Diversität der Kundinnen und Kunden. Zu den Mindestpensionistinnen, Alleinerziehern und Menschen mit Migrationshintergrund gesellten sich zunehmend ehemalige Selbständige, die pandemiebedingt ihr Unternehmen schließen mussten, Studenten sowie auch Erwerbstätige, die dennoch von Armut bedroht sind. Rund 1,5 Millionen Menschen waren bereits 2020 laut Statistik Austria armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, so die aktuellsten Zahlen. Darunter befanden sich 350.000 Kinder und Jugendliche und etwas mehr Frauen als Männer. Die in der europäischen Sozialberichterstattung verwendete Armutsgefährdungsschwelle lag 2020 in Österreich bei 15.933 Euro netto pro Jahr für einen Einpersonenhaushalt.

Eine allein für März von der Statistik Austria geschätzte Inflation von 6,8 Prozent, an die die Einkommen, das Arbeitslosengeld, die Sozialhilfe und andere Sozialleistungen nicht angepasst wurden, und steigende Energiepreise - im Dezember 2021 waren sie laut Österreichischer Energieagentur um 24,1 Prozent höher als im Dezember davor: Menschen, die ohnehin schon wenig Geld zur Verfügung haben, treffen Teuerungen wie diese besonders hart. "Wenn man dann außerdem aufgrund der Pandemie in die Kurzarbeit gefallen ist und um 20 Prozent weniger verdient, ist es ein Unterschied, ob man vorher 3.000 oder 1.000 Euro im Monat hatte", sagt Steiner.

"Zugekauft wird nichts"

An die Lebensmittelpreise der Sozialmärkte habe man die Teuerungen daher nicht weitergegeben und werde es auch nicht tun, ergänzt Oswald. Um die Ausgaben so niedrig wie möglich halten zu können, sei von all jenen, die bei den "soogut"-Sozialmärkten beschäftigt sind, generell nur ein Bruchteil von rund fünf Prozent angestellt. Der Rest arbeite ehrenamtlich.

In einem Sozialmarkt können die Betroffenen um zwei Drittel billiger als im günstigsten Diskonter einkaufen. Brot, Obst, Gemüse, Milch, Käse und Wurst sowie tiefgekühlte Speisen sind laut Steiner besonders begehrt. Letztere und generell lang haltbare Lebensmittel wie auch Nudeln oder Reis seien allerdings Mangelware - genauso wie Windeln, Tampons oder Shampoo. Denn die Sozialmärkte erhalten jene Produkte von Industrie und Handel, die nicht mehr für den regulären Verkauf geeignet sind, weil zum Beispiel das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten oder zu viel produziert worden ist. Zugekauft werde nichts, sagt Oswald, "um nicht mit Handel und Industrie in Konkurrenz zu treten".

In gewisser Weise sei genau dieser Weg auch zukunftsträchtig und berge enormes Potenzial, und zwar für alle, meint Steiner: "Er ist ein wichtiger Beitrag im Sinne der Nachhaltigkeit." Denn dadurch, dass man weniger Lebensmittel entsorgt, müsse man auch weniger produzieren. Weniger Treibhausgase, eine geringere Landnutzung in der Agrarwirtschaft und ein niedrigerer Grundwasserverbrauch seien die Folgen - das helfe nicht nur den armutsgefährdeten Menschen, sondern schone auch die Umwelt und wirke dem Klimawandel entgegen.