Ende November stellte der damalige Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) ein neues Pflichtfach vor: Digitale Grundbildung. Bereits ab dem Schuljahr 2022/2023 sollte es in der Unterstufe unterrichtet werden, begleitend mit der Versorgung der Schüler mit digitalen Endgeräten, also Laptops und Tablets. Eine Woche nach der Regierungsvorlage war Faßmann jedoch Ex-Minister. Seither sitzt Martin Polaschek im Ministerium am Wiener Minoritenplatz. Das Pflichtfach wird es trotzdem geben und tatsächlich auch ab dem kommenden Schuljahr. Der Lehrplan wurde aber erst diese Woche in Begutachtung (bis 4. Mai) geschickt. Das ist doch ein recht ambitioniertes Zeitkonzept.

"Wir sind erleichtert, dass es eine eigene Stunde gibt", sagt Michael Fleck, Direktor der AHS Anton-Krieger-Gasse und Vorsitzender des Wiener Direktorenvereins. Es sei auch notwendig. "Es ist erschreckend, wie gering die digitalen Kompetenzen vieler Kinder sind. Sie können am Handy wischen, aber nicht mehr." Dann folgt ein Aber: "Die Umsetzung und Bereitstellung des Lehrpersonals ist eine Baustelle", so Fleck.

Gewerkschaft begrüßt Digitalisierungsinitiativen

Ähnlich sieht das Paul Kimberger, Vorsitzender der Gewerkschaft der Pflichtschullehrer, der die Einführung des Faches als "längst überfällig" bezeichnet. Schon vor Jahren hätte die Digitalisierung an den Schulen vorangetrieben werden müssen, während des pandemiebedingten Fernunterrichts seien die Defizite offensichtlich geworden. Während viele Pädagogen in Eigeninitiative digitale Lernmethoden in ihren Unterricht einfließen ließen und innerhalb kurzer Zeit einen Online-Unterricht auf die Beine stellten, so Kimberger, sei das Problem oft die fehlende Ausstattung in den Schulen: kein WLAN, keine geeigneten Räume, alte Geräte.

Dass nun alle Kinder der fünften Schulstufe mit Tablets und Laptops ausgestattet werden, sei daher "sehr zu begrüßen", doch nur ein erster Schritt: Kimberger sieht Bedarf an neuen pädagogischen Konzepten und vor allem Lehrpersonal, wo derzeit ein "eklatanter Mangel" herrsche.

Dem neuen Pflichtfach gingen drei Jahre voran, in denen digitale Grundbildung in der Sekundarstufe I (Unterstufe) als verbindliche Übung im Lehrplan integriert war. Es wird also kein völliger Kaltstart. "Wir fangen nicht bei Null an", heißt es aus dem Ministerium. Der nun in Begutachtung geschickte Lehrplan-Entwurf unterscheidet sich de facto gar nicht von den Zielen der bisherigen verbindlichen Übung. Verwiesen wird auch darauf, dass im Vorjahr rund 50.000 Lehrkräfte an Digitalisierungsschulungen teilgenommen haben. Dabei ging es aber vorrangig darum, die Covid-bedingte Fernlehre zu ermöglichen. Digitale Grundbildung ist mehr. Weit mehr.

Medienkompetenz
und Informatik

Die Themen, die im neuen Schulfach behandelt werden sollen, sind breit gefächert. Im Zentrum stehen jedenfalls Medienkompetenz und Informatik. Die Schüler sollen die Besonderheiten digitaler Medien und deren Auswirkung auf die Gesellschaft verstehen, und sie sollen lernen, online Informationen sinnvoll zu suchen und seriöse von unseriösen Quellen zu unterschieden. Auch das eigene Nutzungsverhalten soll analysiert und hinterfragt werden. Die Kinder sollen für Datenschutz und Computersicherheit sensibilisiert werden. Im vorläufigen Lehrplan ist auch praktisches Arbeiten vorgesehen, die Schüler sollen auch programmieren.

Eigenes Lehramtsstudium geplant

Bisher wurde das alles in den Unterricht integriert, in Mathematik zum Beispiel mit Excel gearbeitet, in Deutsch wurden E-Mails verfasst. In die ohnehin schon dichten Lehrplänen wurde also noch mehr hineingestopft, daher, so Direktor Fleck, sei das Pflichtfach sehr zu begrüßen. Aber wer unterrichtet?

Langfristig wird es ein eigenes Lehramtsstudium geben, wie den Erläuterungen zur Verordnung des Ministeriums zu entnehmen ist. Mittelfristig, sagt Fleck, werde man das Know-how mit Schulungen an Pädagogischen Hochschulen aufbauen (Kurse dazu laufen bereits), aber kurzfristig, nächstes Schuljahr? "Irgendwer, der Ahnung hat", sagt der Wiener Direktor. In manchen Schulen werde es gut funktionieren, in anderen aber weniger.

Ein Problem ist auch, dass die Bandbreite der zu vermittelnden Kompetenzen sehr breit ist, andererseits aber auch spezifisches Informatik-Wissen notwendig ist. Schließlich sollen auch Algorithmen analysiert und codiert werden. "Informatiker sind aber seltene Tiere", berichtet Fleck. Es gibt schlicht zu wenige Informatiker, um in allen ersten bis dritten Klassen in der Mittelschule eine Wochenstunde zu unterrichten. Man werde wohl die eine oder andere unverbindliche Übung streichen müssen, um personelle Ressourcen freizubekommen, vermutet Fleck.

Ab dem übernächsten Jahr kommen dann noch die vierten Klassen dazu. Eine Schulstufe umfasst rund 3.800, im Vollausbau werden daher pro Jahr etwa 16.000 Wochenstunden anfallen. Das Ministerium rechnet für das neue Pflichtfach einem Personalaufwand von 50 Millionen Euro.