Der Ort ist nicht zufällig ausgewählt. Noch bevor im August das Europäische Forum traditionell seine Pforten öffnet, ist an diesem Samstag die Tiroler ÖVP zu Gast in Alpbach, das seit Jahrzehnten als Denker-Dorf gilt. Nur wenige Wochen nach der Ankündigung von Landeshauptmann Günther Platter, sich mit 68 aus der Politik zurückzuziehen, wurde Wirtschaftslandesrat Anton Mattle (59) bei dem Parteitag in Alpbach mit 98,9 Prozent der Delegiertenstimmen offiziell zum neuen ÖVP-Landeschef gewählt. Das war auch der informelle Auftakt für die Landtagswahl am 25. September.

Der ehemalige Bürgermeister von Galtür im Paznauntal, der als umsichtiger Krisenmanager bei der Lawinenkatastrophen im Februar 1999 in seiner Heimatgemeinde weit über Tirol hinaus bekannt geworden ist, muss in der Tiroler ÖVP Krisenfeuerwehrmann spielen. Das nicht nur, weil der einst unter dem legendären Landespatriarchen Eduard Wallnöfer unumschränkt mächtigen Tiroler Partei laut Umfragen bei der auf Ende September vorgezogenen Landtagswahl ein dramatischer Absturz droht. Auch in der Partei rumort es.

Hörl legt sich mit Parteikollegen an

Mitten drinnen statt nur dabei ist einer, der auch weit über die Tiroler Landesgrenzen hinaus als Seilbahn-Zampano und Nationalratsabgeordneter bekannt ist: Franz Hörl. Der ÖVP-Politiker ließ zuletzt bei einer Seilbahneröffnung im Vorarlberg Montafon mit der markigen Ansage aufhorchen, er werde bei Stromknappheit nicht zuschauen, wie "Strom für die Stadt produziert wird, und wir sitzen im Trockenen". Den Strom aus dem Montafon wolle er auch hier verwenden.

Prompt empörten sich auch seine Parteikollegen aus dem schwarzen Arbeitnehmerbund (AAB) in Tirol, aus dem auch Platter kommt. Die Bildungslandesrätin und scheidende AAB-Landeschefin Beate Palfrader und ihr designierter Nachfolger Dominik Mainusch beurteilten Hörls Sager als "sehr bedenklich". Wenn Hörl der Ansicht sei, der Wintertourismus sei ebenso systemrelevant wie die Lebensmittelproduktion und Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, sei das "höchst fragwürdig", schoß Palfrader einen verbalen Giftpfeil ab. Dieser betreibe Lobbyismus für ein paar wenige, "aber sicher keine verantwortungsvolle Politik für alle", legte Mainusch nach, der wie Hörl aus dem Zillertal kommt.

Der Angegriffene ließ das so nicht auf sich sitzen und geißelte den schwarzen Arbeitnehmvertreter. Mainusch gehe es darum, sich selbst zu profilieren als neuer AAB-Landeschef. Denn die Versorgungssicherheit mit Energie für die Menschen in Österreich, auch der Infrastruktureinrichtungen, "hat für mich selbstverständlich absolute Priorität", teilte der Seilbahn-Chef seinen Tiroler Parteikollegen via Austria Presseagentur mit.

Hörl ist nicht zimperlich, nicht einmal im Umgang mit seinen Kollegen aus dem ÖVP-Wirtschaftsbund. In gewohnt machtbewusster Art maßregelte er sogar den Tiroler Wirschaftskammerpräsidenten Christoph Walser, der die Nominierung von Anton Mattle im Eilzugtempo durch Platter öffentlich kritisiert hatte. Schließlich pfeifen es in Tirol selbst die Murmeltiere von den Bergen, dass der junge Wirtschaftskammer-Heißsporn selbst gerne in Form eines Generationswechsel Landeshauptmann geworden wäre.

Nehammer braucht Erfolge in den Ländern

Der neue Tiroler ÖVP-Parteichef hatte also intern alle Hände voll zu tun, die extrem nervös gewordenen Funktionäre in der Landespartei  hinter sich zu scharen. Im Denker-Dorf Alpbach sollte beim Landesparteitag am Samstag zugleich bewusst das Signal gesetzt werden, dass sich die Landeshauptmannpartei, die in ihrem Selbstverständnis weiter unangefochten den Anspruch auf die Führungsposition im Land hat, Gedanken über die Zukunft des Heiligen Landes macht.

Im Beisein von Bundeskanzler ÖVP-Bundesparteiobmann Karl Nehammer konnte Anton Mattle seine Rede in Alpbach, bei der er sich sehr siegesgewiss zeigte, auch nützen, um sich zu profilieren. Denn als Landesrat ist er erst gut ein Jahr im Amt. Nehammer wiederum kann nichts weniger brauchen als ein ÖVP-Wahldesaster am 25. September in Tirol. Das würde für ihn den ohnehin erwarteten heißen Herbst für die Koalition mit den Grünen im Bund noch schwieriger machen. Erst recht, wenn die seit 2013 bestehende schwarz-grüne Koalition in Tirol nach der Landtagswahl zerbrechen sollte. Die Köpfe rauchen schon - nicht nur in Alpbach.