Für die nächsten Wochen sei die Versorgung mit Spenderblut zwar gesichert, hieß es vom Roten Kreuz zu Beginn dieser Woche - der Spendenaufruf bleibe aber dennoch für die kommenden Monate aufrecht. Denn auch wenn der akute Notstand beim Blutkonserven-Vorrat in Österreich durch vermehrte Spenden kurzfristig abgewendet werden konnte, so ändere das nichts an der Tatsache, dass Blut kontinuierlich und das ganze Jahr über gespendet werden müsse. Denn: Blutkonserven sind nur 42 Tage lang haltbar, so das Rote Kreuz. Und die Spendenbereitschaft in Österreich sei generell sehr gering.

Der Niederösterreicher Johann Machowetz zählt hier zu den Ausnahmen. Er ist 75 Jahre alt und war in seinem Leben 163 Mal Blutspenden. Damit liegt er weit über dem Durchschnitt der österreichischen Bevölkerung und bekam vom Roten Kreuz einige Verdienstmedaillen verliehen. Denn ein sehr geringer Anteil der spendenfähigen Bevölkerung, 3,56 Prozent, geht öfter als einmal pro Jahr zur Blutspende. Und das, obwohl Frauen vier bis fünf Mal und Männer bis zu sechs Mal im Jahr spenden dürften.

In Österreich wird alle 90 Sekunden eine Blutkonserve benötigt. Zwei Drittel davon werden für die Behandlung schwerer Krankheiten wie zum Beispiel Krebstherapien oder Herzerkrankungen gebraucht, etwa ein Drittel dient zur akuten Verwendung bei Unfällen oder Komplikationen einer Operation.

Der ÖVP-Gemeinderat Machowetz kam mit 18 Jahren zufällig zum Blutspenden, später versuchte er als Berufsoffizier, seine jungen Kollegen zum Spenden zu motivieren. "Als Bürger ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, denn man weiß nie, wann man einmal das Blut einer anderen Person braucht", begründet er seine starke Motivation dafür. Motivation, die vielen in Österreich offenbar fehlt.

Nicht nur Covid-19 ist schuld

Doch was sind die Gründe für die geringe Anzahl der Blutspenderinnen und Blutspender in Österreich? Christof Jungbauer, der medizinische Leiter der Blutspendezentrale für Wien, Niederösterreich und Burgenland, verweist im Gespräch auf zwei aktuelle Gründe. Einerseits sei die Covid-19-Pandemie ein Auslöser, "vor allem in der Omikron-Welle durften viele krankheitsbedingt ihr Blut nicht spenden, was bei einer allgemein sehr niedrigen Spendenbereitschaft ein nicht zu unterschätzender Faktor ist". Andererseits gebe es im Sommer immer einen Rückgang der Spendenwilligkeit, da Urlaub oder Freizeitaktivitäten im Vordergrund stehen. Der Präsident der niederösterreichischen Ärztekammer Harald Schlögel betont zusätzlich, dass durch die Omikron-Welle einige Spendenaktionen abgesagt werden mussten, da das Personal mit einer Covid-19-Erkrankung in Quarantäne gewesen sei.

Aber das ist noch nicht alles. Jungbauer begründet den akuten Mangel an Blutkonserven auch damit, dass durch die langanhaltende Pandemie eine gewisse Müdigkeit eingetreten sei. "Da wir tagtäglich mit Botschaften aus dem Gesundheitswesen und den Auswirkungen weltweiter Krisen konfrontiert sind, die Solidarität und Unterstützung fordern, dringen viele Botschaften zu den Menschen nicht mehr durch." Das betreffe die Bereitschaft zum Blutspenden massiv. Außerdem erlebe man derzeit eine Trendwende: Während im vergangenen Jahrzehnt der Bedarf an Blutkonserven deutlich zurückgegangen sei, kämen geburtenstarke Jahrgänge statistisch gesehen in ein Alter, in dem sie mehr Blut benötigen. Gleichzeitig ist ein großer Teil der aktiven Spenderinnen und Spender bald nicht mehr zugelassen, da diese ihr 70. Lebensjahr erreichen.

Gesellschaftliches Problem

Der niederösterreichische Ärztekammerpräsident Schlögel sieht die Gründe für den derzeitigen Mangel tiefer verwurzelt und spricht von einem gesellschaftlichen Problem. Er bemängelt die geringe Anzahl an Spendern: "Der Solidaritätsgedanke ist nicht so weit verankert, wie wir es gerne hätten." Darüber hinaus kritisiert er die Ausschlussgründe von einer Blutspende und verweist dabei beispielsweise auf die Autoimmunerkrankung Hashimoto. Menschen mit dieser Erkrankung seien in Deutschland nicht direkt von der Spende ausgeschlossen, in Österreich jedoch schon: "Wir müssen die Kriterien sinnvoll überarbeiten, besonders wenn der Mangel so groß ist und man es sich nicht leisten kann", sagt Schlögel. Zuletzt wurde nach jahrzehntelanger Diskussion das Blutspendeverbot homo- und bisexueller Männer aufgehoben. Diese waren zuvor nicht zum Blutspenden zugelassen, wenn sie in den vergangenen zwölf Monaten Sex mit Männern hatten. In Zukunft geht es um das individuelle Risikoverhalten der Personen, ungeachtet der sexuellen Orientierung.

Spenden europaweit gering

Ein internationaler Blick auf das Thema zeigt, dass der Mangel an Blutspenden kein österreichisches Problem ist. Viele Länder europaweit, darunter Deutschland, sind mit einer niedrigen Spendenbereitschaft konfrontiert. Aber auch in den USA, Kanada oder Australien werden die Blutkonserven immer weniger. Mediale Aufrufe des Roten Kreuzes oder der Gesundheitsbehörden sollen helfen, die Lage zu entschärfen.

Das war in den vergangenen Wochen in Österreich zu sehen: Die Bundesregierung appellierte an die Bevölkerung, häufiger Blut spenden zu gehen. Zusätzlich kommunizierten das Rote Kreuz sowie die niederösterreichische Ärztekammer mit Aussendungen den Blutkonservenmangel, woraufhin viel mediale Aufmerksamkeit folgte. Viele Menschen seien diesem Aufruf gefolgt, "in der Wiener Blutspendezentrale wurden seither vier Mal so viele Blutspenden abgenommen wie sonst", sagt der medizinische Leiter Jungbauer. Aber: "Insbesondere im August und September werden wir eine weitere, zweite große Tranche an Blutspenden brauchen, um über die immer sehr schwierige Sommersaison zu kommen."

Auf die Frage, wie in Zukunft die Versorgung mit Blutkonserven gedeckt werden kann, gibt es derzeit keine eindeutige Antwort. "Ich glaube, es braucht mehr gezielte Aktionen", sagt Schlögel von der Ärztekammer Niederösterreich. Es sei schon ein guter Anfang, wenn beispielsweise Firmen Blutspendeaktionen unterstützen würden oder junge Menschen im Rahmen des Erste-Hilfe-Kurses ihrer Führerscheinprüfung darauf hingewiesen werden. Aber eine langfristige Verbesserung des Problems scheint erst in Aussicht zu sein, wenn sich die Einstellung der Gesellschaft zum Thema ändert und sich die Anzahl der Erstspenderinnen und Erstspender signifikant erhöht.