Wie der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) tritt der neue steirische Landeshauptmann Christopher Drexler (ÖVP) für einen "Dialog" der Bundesländer mit Bundesregierung und Energiewirtschaft über eine Deckelung der Energiepreise als Maßnahme gegen die Teuerung ein. Ludwig hatte zuletzt einen Preisgipfel gefordert. Niemand müsse sich beim Abgehen von seiner Absage zu einem Preisdeckel genieren, denn dieser sei kein Dogma, sagt er. Ganz konkret drängt Drexler im Interview außerdem nicht nur auf eine Aufstockung der Zahl der Medizinstudienplätze allein um mindestens 50 bis 70 in Graz. Darüber wird er auch mit dem steirischen Wissenschaftsminister Martin Polaschek sprechen.

"Wiener Zeitung": Wie fühlt sich die neue Rolle als Landeshauptmann an?

Christopher Drexler: Nach einer guten Woche muss ich sagen: Sie fühlt sich gut an. Es bereitet mir sehr viel Freude, dass wir gleich direkt in ein paar Aktivitäten eingestiegen sind. Dies, obwohl ich weiß, dass es wahrscheinlich Zeitpunkte gegeben hätte, wo es einfacher und lockerer gewesen wäre, die Hauptverantwortung zu übernehmen.

Stichwort Teuerung: Sie haben selbst betont, dass Sie bezüglich Eingriffen in die Energiepreise skeptisch waren, Sie sind dann aber umgeschwenkt. Warum?

Ich glaube gar nicht, dass ich da weiß Gott wie umgeschwenkt bin. Ich glaube natürlich daran, dass wir grundsätzlich marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten folgen sollten. Die Marktwirtschaft hat uns Wohlstand beschert und wird das auch künftig tun. Aber es gibt Extremsituationen, wo man auch staatliche Eingriffe befürworten muss. Wir haben das schon in der Corona-Pandemie erlebt, wo wir vom Umsatz-Ersatz bis zu einer exzessiven Kurzarbeitsregelung ganz massive staatliche Interventionen gehabt haben, um einer ganz besonderen Situation gerecht zu werden. Das ist auch bei der Teuerung zu diskutieren.

Was bedeutet das konkret?

Die aktuelle Diskussion über Preisdeckelungen ist zu führen. Da gilt es aber zu definieren, wann geht das wie. Daher muss es hier Gespräche zwischen der Bundesregierung, den Bundesländern und der Energiewirtschaft geben.

Wird Bundeskanzler ÖVP-Bundesparteiobmann Karl Nehammer seine Absage, die er der SPÖ im Parlament erteilt hat, korrigieren müssen?

Wir sind in einer Zeit, wo wir nicht mit Dogmen regieren können. Ich habe ganz bewusst das Beispiel der Corona-Krise genannt. Kein Mensch hätte sich jemals vorstellen können, dass wir Gasthäusern 80 Prozent ihres Umsatzes ersetzen, es war aber notwendig. Daher braucht niemand auf Dogmen beharren. Es braucht sich niemand genieren, wenn man sich in der inhaltlichen Positionierung weiterentwickelt. Es braucht Dialog, Diskussion, pragmatischen Zugang auf die täglichen Herausforderungen.

Das ist also ein Preisgipfel, wie ihn auch der Wiener SPÖ-Bürgermeister gefordert hat?

Ja, der Dialog, das Gespräch ist wichtig. Ich brauche nicht gleich alles als Gipfel bezeichnen, aber Gesprächsrunden wären sehr sinnvoll.

Ganz anderes Thema: Sie haben beim Amtsantritt betont, die Problematik der fehlenden Ärzte in der Steiermark angehen zu wollen. Nämlich mit zwei Maßnahmen: mehr Medizinstudienplätze und verbesserten Rahmenbedingungen für Ärzte. Wie viele Studienplätze soll es für Medizin künftig geben? Derzeit sind es bundesweit 1.850.

Das habe ich schon jahrelang auch als Gesundheitslandesrat mit meinen Kolleginnen und Kollegen in anderen Bundesländern besprochen. Ich weiß um die Qualitätsansprüche der medizinischen Universitäten in Österreich. Das ist gut, aber wir müssen auch quantitativ das Angebot steigern. Wir haben bei der Medizinischen Universität Graz derzeit 350 Studienplätze pro Jahrgang. Ich glaube, dass man mit Fug und Recht fordern kann, diese um zumindest 50 bis 70 Studienplätze zu erhöhen. Das muss sich bitte auch mit den jetzigen Infrastruktur-Gegebenheiten ausgehen, es ist ja eine funkelnagelneue Infrastruktur am neuen Med-Campus in Graz. Das hielte ich für vertretbar.

Das ist nicht die einzige Aktivität der Steiermark in Sachen Medizin.

Wir haben mit der Sigmund-Freud-Universität in Wien, einer privaten Universität, die auch ein Medizinstudium anbietet, eine Vereinbarung über Stipendien abgeschlossen. Dort werden wir Stipendien ausloben für Studierende, die sich im Gegenzug verpflichten, einen gewissen Zeitraum in der Steiermark tätig zu sein - entweder im niedergelassenen Bereich oder im Spitalsbereich.

Zu den öffentlichen Medizinischen Universitäten: Wissenschaftsminister Martin Polaschek ist ein Steirer. In seinen jüngsten Äußerungen in Interviews kommt für ihn eine solche Aufstockung der Medizinstudienplätze nicht in Frage.

Dennoch, es gibt mehrere Beschlüsse der Konferenz der Landesgesundheitsreferenten. Die Länder sind sich einig. Wir werden das mit dem Bund intensiv diskutieren. Es ist eine bizarre Situation. Wir erleben es in Graz, circa 3.000 junge Menschen kommen zu diesen Eingangstests für das Medizinstudium, am Ende werden circa 350 aufgenommen. Das heißt, wir erzeugen künstlich einen Mangel, weil es gibt offensichtlich ausreichend junge Menschen, die gern und emphatisch als Ärztinnen und Ärzte tätig wären. Ich verstehe, dass die Universitäten sagen, wir haben nur ein gewisses Ausmaß an Ressourcen. Aber ich glaube, dass wir da in Verhandlungen einen Schritt weiterkommen können.

Haben Sie da schon mit Minister Polaschek geredet?

Ich habe mit dem Wissenschaftsminister Polaschek schon viele Dinge besprochen und auch das schon im Hintergrund angesprochen. Weitergehende Gespräche werden folgen.

Was ist, wenn er bei seiner Haltung bleibt?

Politik besteht aus Gespräch und Verhandlungen. Verhandlungen führen regelmäßig zu einem Ergebnis. Nachdem ich Martin Polaschek seit fast 30 Jahren kenne, glaube ich, dass wir uns bei diesem Gespräch auch einigen werden.

Der zweite Bereich sind die verbesserten Rahmenbedingungen. Was soll da passieren?

Damit meine ich hauptsächlich den niedergelassenen Bereich, auch wenn ich weiß, dass wir im Spitalsbereich ebenfalls die eine oder andere Rahmenbedingung nachjustieren müssen. Im niedergelassen Bereich hoffe ich, dass die gesetzliche Sozialversicherung, konkret die österreichische Gesundheitskasse, endlich dorthin kommt, dass sie jetzt drei Jahre nach der Fusion langsam wieder ins Arbeiten kommt.

Ich war ein großer Befürworter der Fusion der neun Gebietskrankenkassen zur Gesundheitskasse und halte das auch heute noch für richtig. Ich sehe nur, dass ein bisschen der Reformelan zum Erliegen gekommen ist. Das mag damit zu tun haben, dass man in einer Fusion mit vielen, vielen Dingen beschäftigt ist. Dazu gehört aber auch, dass man sich mit dem wesentlichsten Vertragspartner, das sind nun einmal die Ärztinnen und Ärzte, sprich die Ärztekammer, über einen zukunftstauglichen Weg unterhält. Dazu gehört weiters, dass man zukunftsfähige Wege über das, was wir in der Steiermark Gesundheitszentren genannt haben, was auf nationaler Ebene mit Primärversorgungszentren einen Zungenbrechertitel bekommen hat, einschlägt und dass man hier wieder dynamisch wird.

Die Gesundheitskasse sagt aber, das kostet Geld, dabei hat sie ein Finanzloch von gut 100 Millionen Euro aufgetan. Wie soll die Kasse zu mehr Geld kommen?

Die seinerzeitige Zusammenführung der neun Gebietskrankenkassen muss am Ende schon auch zu Synergieeffekten führen. Irgendwann einmal muss auf diese Weise mehr Geld für die Versicherten und Patienten da sein. Das ist ein Gutteil der Antwort.