Die enorme Teuerung ist für breite Bevölkerungsschichten spürbar. Die 17 Prozent der Haushalte, also jeder sechste in Österreich, die armuts- oder ausgrenzungsgefährdet sind, "trifft die Inflation mit voller Wucht", sagt Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich. Bei den Haushalten mit drei oder mehr Kindern ist es jeder dritte Haushalt, bei den Ein-Eltern-Haushalten ist es sogar jeder zweite. Da die Preise für Waren des alltäglichen Bedarfs aber noch stärker steigen als jene im Durchschnitt, wird "das Begleichen von Grundbedürfnissen für Menschen zu einer unüberwindbaren Herausforderung", sagt Parr.

Aus der "Soforthilfe zur Wohnraumveränderung für armutsgefährdete Kinder und Jugendliche" weiß Volkshilfe-Bundesgeschäftsführer Erich Fenninger, dass sieben von zehn Familien mit den Möbelhaus-Gutscheinen Betten für ihre Kinder kauften. "Die Kinder hatten davor also kein Bett, sondern nur eine Matratze oder es war kaputt. Man stelle sich das in einem Land wie Österreich vor."

In die Mama-Baby-Zentren der Diakonie kommen immer mehr Mütter, die nicht stillen und sich die 100 Euro Kosten für Startmilch nicht leisten können, erzählt Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich. Mitarbeiterinnen von Kindertherapiezentren berichten, dass sich Eltern die Fahrtkosten zur Therapie ihrer Kinder nicht leisten können, die Beschäftigten in der Quartiersarbeit von Problemen zunehmend mehr Menschen, ihre Mietkosten zu stemmen. Und: "Die Familienhilfe berichtet von Menschen, denen immer früher das Geld für Lebensmittel fehlt."

Die drei Vertreterinnen von Sozialeinrichtungen fordern von Bundes- und Landesregierungen jetzt im Sommer die Grundlagen für weitere zielgerichtete Hilfen für von Armut betroffene Familien zu sorgen, "damit diese im Herbst und Winter zeitgerecht ankommen", sagt Parr, denn: "Kein Kind soll im Winter frieren müssen".

Enorme Preissteigerungen bei Lebensmitteln

In nüchternen Zahlen liest sich das so: Laut Schnellschätzung der Statistik Austria lag die Inflation im Juni im Vergleich zum Vorjahr bei 8,7 Prozent. Bei einer Mai-Inflation von 7,7 Prozent stieg das Preisniveau des Miniwarenkorbs, der einen wöchentlichen Einkauf abbildet, und neben Nahrungsmitteln und Dienstleistungen auch Treibstoffe enthält, im Vergleich zum Mai des Vorjahres um 15,4 Prozent.

Für einen Kilo Brot musste man um 8,6 Prozent mehr berappen, für Fleisch um 11,3 Prozent, für Gemüse um 12,5 Prozent, Öle und Fette kosteten um 21,4 Prozent mehr als im Jahr davor - Butter sogar 30,6 Prozent.

Dabei macht sich die durchschnittliche Bevölkerung Sorgen wegen der Teuerung. Drei Viertel der für den  APA/ATV-"Österreich-Trend" Befragten sehen die Teuerung als Problem. 45 Prozent der Befragten machen sich Sorgen, dass sie sich im Winter das Heizen nicht mehr leisten können. 

Weniger Chancen für Kinder in Armut

Schon vor der aktuellen Teuerungskrise hatten die rund 370.000 Kinder, die unter dem "Damoklesschwert Armut" (O-Ton Parr) leben mussten, mit einem Teufelskreis aus einem vererbtem geringeren Bildungsstatus und damit weniger guter Ausbildung der Kinder, schlechterem Wohnraum und in Folge auch schlechterer Gesundheit und damit wieder mehr Fehlzeiten in der Schule zu kämpfen. "Schon vor der Teuerung lebten von Armut betroffene Kinder viel häufiger in Wohnungen an den Hauptverkehrsadern, mit mehr Lärm, mehr Schadstoffen, die feucht oder schimmelig sind", sagt Moser.

Diese Kinder leiden überproportional oft an Asthma, sie verunfallen öfter, sie haben mehr Fehlzeiten. Ihre Eltern gingen seltener zum Arzt mit ihnen, "weil es auch um die Frage geht: ‚Kann ich mir Pflegefreistellung leisten?‘". Eltern können sich nur eine weniger gute ärztliche Versorgung leisten. Zwar bräuchten Kinder aus von Armut betroffenen Haushalten häufiger Psychotherapie, die Eltern aber können sie ihnen, weil kostengünstige Angebote seit Jahren fehlen, nicht ermöglichen.

"Zielgerichtete" Unterstützung statt teurer Gießkanne

 

Volkshilfe, Diakonie und Caritas fordern folglich kurzfristig einen zielgerichteten Antiteuerungszuschlag für Familien, die von Armut betroffen sind: "Wir brauchen ein Ende der Gießkanne, es geht darum, dass Haushalte, die es brauchen, damit über den Winter kommen", sagt Parr. Fenninger kann sich auch das Wifo-Modell einer günstigen Energie-Grundbedarfssicherung vorstellen.

Die Bundesregierung solle einen Abschaltestopp für Strom und Gas gesetzlich verankern. Außerdem sei ein Anheben der Sozialleistungen auf ein armutsfestes Niveau notwendig. Aktuell liegt die Armutsgefährdungsschwelle für Alleinerziehende mit einem Kind bei 1.783 Euro im Monat, als monatliche Sozialhilfe aber gibt es für diese Familie aber zwölf Mal im Jahr nur 1.212,47 Euro. Da sich die Sozialhilfe genauso wie die Mindestpension, die allerdings 14-Mal pro Jahr ausbezahlt wird, am Ausgleichszulagenrichtsatz orientiert, ist dieser für Moser, "der wesentliche Hebel".

Die geplante jährliche Wertanpassung der Sozialleistungen ist zwar "sehr erfreulich", sagt Parr.
Aber auch hier fehlten zwei wesentliche Punkte: der Ausgleich für die Vergangenheit, "die Familienbeihilfe ist heute 30 Prozent weniger wert", sagt Moser. Und für Notstandshilfe und Arbeitslosengeld sieht die Regierung keine Valorisierung vor, die "Wiener Zeitung" berichtete auch über diese fehlenden Punkte bereits.