Die Verlobung ist aufgelöst. Eine Volksbefragung in St. Leonhard im Pitztal zur als "Gletscher-Ehe" titulierten Zusammenlegung der Skigebiete am Ötztaler und am Pitztaler Gletscher ging mit 50,3 Prozent gegen das Großprojekt aus. Ausschlaggebend waren in der 1.400-Einwohner-Gemeinde nur vier Stimmen. Die Pitztaler Gletscherbahn gab am selben Abend noch bekannt, das Projekt nun nicht mehr weiterverfolgen zu wollen. Die Zustimmung in den Gemeinden sei von Anfang an eine Grundvoraussetzung für die Umsetzung gewesen.

Zeit für touristische Großprojekte vorbei

Dass sich gerade die Bevölkerung einer Pitztaler Gemeinde gegen das Projekt ausspricht, ist für Oliver Fritz, Tourismusexperte beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), überraschend. Schließlich hätte die Zusammenlegung vor allem das Pitztal für Skiurlauber attraktiver machen sollen. Doch die Bevölkerung in Tourimusgebieten sei heute skeptischer gegenüber Großprojekten, sehe nun stärker die negativen Seiten von intensivem Tourismus, wie Fritz sagt. "Die Menschen sagen, es reicht. Diese Signale sind sehr laut zu hören." Zwar schließt er nicht aus, dass weiterhin "punktuell" touristische Großprojekte umgesetzt werden, doch "generell ist die Zeit dafür vorbei".

Elmar Haid, Bürgermeister der Gemeinde St. Leonhard, sieht das offenbar anders. Das Ergebnis sei zu knapp, um von einer Mehrheit zu sprechen, sagte er im Anschluss an die Volksabstimmung und verwies auf einen gültigen Gemeinderatsbeschluss zugunsten des Projekts. Im Gemeinderat werde man in rund zwei Wochen besprechen, wie es mit der Fusion weitergehen soll.

Vom Tisch ist das Thema mit der Volksbefragung jedenfalls für Franz Hörl, Seilbahnsprecher in der Wirtschaftskammer. Man müsse den Volksentscheid akzeptieren, sagte Hörl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Zwar ist das Ergebnis der Befragung rechtlich nicht bindend, doch mit dem Rückzieher der Pitztaler Gletscherbahn "ist das Thema erledigt".

Auch der Tiroler ÖVP-Chef Anton Mattle spricht von einem Ergebnis, das man akzeptieren müsse. Wenn es nicht einmal im Ort eine ganz klare Zustimmung zu diesem Projekt gebe, "sollte man nicht länger daran festhalten", befand Mattle.

Erfreut zeigten sich hingegen die Tiroler Grünen und forderten einen generellen Schutz von Gletscherflächen durch eine Änderung im Raumordnungsprogramm. Auch der WWF nannte die Entscheidung einen "Riesenerfolg für den Naturschutz". Gemeinsam mit dem Alpenverein und den Naturfreunden hatte sich die Umweltorganisation gegen das Projekt stark gemacht. Denn für den Zusammenschluss der beiden Skigebiete wären massive Eingriffe in die hochalpine Landschaft nötig gewesen. Drei Seilbahnen inklusive einem dreistöckigen Seilbahnzentrum, ein Tunnel, mehr als 60 Hektar zusätzliche Pistenflächen und Gastronomie für 1.600 Gäste sah der Plan vor.

Aufregung um vermeintliche Gipfelsprengung

Für Aufsehen sorgte auch die vermeintlich geplante Sprengung des Gipfels des Linken Fernerkogels. Die Projektwerber monierten die "bewusste Fehlinformation" durch die Projektgegner, tatsächlich war die Abtragung von rund 40 Höhenmetern Gestein auf einer Gratspitze angedacht.

Zuletzt herrschte bei den Vorbereitungen der bauintensiven "Eheschließung" jedenfalls Stillstand. 2020 war die Umweltverträglichkeitsprüfung verschoben worden, man müsse noch "notwendige Erhebungen vor Ort" durchführen. Die Gegner der Zusammenlegung sahen das Projekt bereits auf der Kippe. Im April dieses Jahres übergab eine Bürgerinitiative 168.000 Unterschriften einer Online-Petition gegen die Fusion an die Politik. Doch die Ötztaler standen bis zuletzt hinter dem Projekt und reagierten entsprechend enttäuscht auf das Ergebnis der Befragung. Jakob Falkner, Geschäftsführer der Söldener Bergbahnen nannte das Projekt gegenüber dem ORF Tirol eine "große Zukunftschance".