Es kam wie der sprichwörtliche Blitz aus dem heiteren Himmel. Die Bregrenzer Festspiele werden am Mittwoch ohne einige politische Spitzenrepräsentanten auskommen müssen. Bundeskanzler Karl Nehammer ließ erst am Montagabend wissen, dass er nicht ins Ländle kommen werde, weil die Teuerung für ihn als Regierungschef vorgehe. Schon das Neujahreskonzert ließ er mit Verweis auf die "angespannte Corona-Situation" sausen, ein Besuch im Musikverein wäre ein "falsches Signal". Der für Kultur zuständige Vizekanzler Werner Kogler muss hingegen coronabedingt passen. Schon länger stand fest, dass Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner aufgrund seiner angekündigten, mehrwöchigen Absenz wegen seiner argen gesundheitlichen Probleme heuer nicht bei der Eröffnung an den Gestaden des Bodensees dabei sein wird, er wird durch Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink vertreten.

Für Spitzenpolitiker ist es wie der seit Peter Handke sprichwörtliche Ritt über den Bodensee, in Krisenzeiten bei Hochkultur-Veranstaltungen dabei zu sein. Das unterstreicht auch PR-Unternehmer Josef Kalina, der als ehemaliger SPÖ-Bundesgeschäftsführer weiß, wie heikel dieses Thema ist. "Es ist zweischneidig", analysiert er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Einerseits sei die Absage eine verständliche Reaktion, weil man damit verhindere, dass Menschen sagen, in Krisenzeiten passt das nicht. "Das ist sicher etwas, das sich manche Leute denken würden", meint Kalina. Andererseits gebe es schon auch Verständnis und Akeptanz dafür, dass der Bundeskanzler bei den Festspielen nicht urlaubt, sondern dass es sich gerade in Österreich um eine Repräsentanzverpflichtung handle. "Auch ich verstehe, dass man vorsichtig ist", räumt Kalina ein.

"Kultur hat einen hohen Stellenwert"

Allerdings gebe es immer irgendwelche krisenhaften Erscheinungen in Österreich und auf der Welt. Dann lande man schnell bei der Debatte: "Ab wann darf der Kanzler oder ein Minister zu einem Festival?". Nehammer wolle es mit seiner Absage inmitten der Krise durch die hohen Teuerungsrate befeuert durch den Krieg in der Ukraine, nicht so aussehen lassen, dass er feiere, während viele Menschen überlegen müssen, was sie sich künftig im Alltag noch leisten können. Dabei spielt zugleich auch der Stolz vieler Bürger auf die Kulturnation und die Bedeutung der Kultur mit: "In Österreich hat die Kultur einen extrem hohen Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung", weiß der PR-Profi.

Jedenfalls ist Bundespräsident Alexander Van der Bellen sowohl in Bregenz als auch in Salzburg bei der Eröffnung angesagt. Für das Staatsoberhaupt trifft sich das insofern gut, weil es längst im Vorwahlkampf ist, um am 9. Oktober seine Wiederwahl gleich im ersten Wahlgang zu schaffen. Da sind solche offiziellen Termine als Bundespräsident ein willkommener Anlass für Auftritte, die Van der Bellen gern absolviert.

Furcht vor negativen Bildern, die sich einprägen

Die Politikwissenschafterin Karin Praprotnik schätzt das Dilemma des Bundeskanzlers ähnlich wie Kalina ein. "Es ist dieses Spannungsfeld auf jeden Fall da" – zwischen bewusster Absage in Krisenzeiten und Affront gegenüber der sensiblen Kultur-Elite. Sie sei schon der Meinung, dass der Verzicht Nehammers mit dem Hinweis, er müsse sich jetzt um die Folgen der Teuerung kümmern, nachvollziehbar ist: "Es hat eine ganz starke Symbolwirkung, auch wie man sich in Krisenzeiten verhält".

Sie erinnert daran, welche negativen Folgen ein Auftritt in Deutschland für den damaligen CDU-Bundeswahl-Spitzenkandidaten Armin Laschet hatte. Allerdings war das bei ganz anderer Gelegenheit, als dieser vor einem Jahr bei der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz grinsend im TV und auf Fotos zu sehen war. "Das sind schon Bilder, die sich einprägen", unterstreicht Praprotnik. Solche negative Wirkung könnten unter Umständen auch Kanzler-Fotos am Rande der Festspieleröffnungen haben. Aber auch für sie handelt es sich um ein zweischneidiges Schwert. Denn auf der anderen Seite müsse gerade ein Bundeskanzler "darauf schauen, dass das die Menschen in der Kulturszene nicht als geringere Wertschätzung ansehen".

Die Bregenzer Festspiele, noch mehr wohl aber jene in Salzburg, werden in der breiten Öffentlichkeit als Hochkultur-Veranstaltungen wahrgenommen. Nicht zuletzt auch wegen entsprechender Kartenpreise. Dies obwohl etwa die Aufführung der "Madame Butterfly" auf der Seebühne am Bodensee auch als Spektakel für breitere Massen gilt und der "Jedermann" auf dem Salzburger Domplatz auch wegen des jährlichen medialen Getöses um die Hauptdarsteller, etwa der Buhlschaft, nicht nur von Kunst-Connaisseurs verfolgt wird.

Sommertheater-Serie in Niederösterreich

In Niederöstereich hat Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner demgegenüber einen Vorteil. Der Reigen der Sommertheater-Aufführungen verteilt sich über das ganze Bundesland. Weitra im Waldviertel und Gutenstein in den Voralpen wirken nicht nur volksnäher, sondern ziehen auch mehr den kulturellen Otto-Normalverbraucher an. Für Touristik und Gastronomie sind die Spielstätten der blau-gelben sommerlichen Theaterfestivals, egal ob in Berndorf südlich von Wien oder in Staatz mit "Sister Act" im nördlichen Weinviertel nicht zu unterschätzen. Das Bedauern der coronabedingt von Absagen mitbetroffenen Wirte in der Region war nicht nur gespielt. Schließlich nützen gar nicht so wenige regelmäßige Wiener Theaterbesucher die Sommerferien für einen Abstecher in die niederösterreichische Provinz samt Speis und Trank. Allen voran die Festspiele in Reichenau und die Südbahngegend bemühen sich, dieses Potential an Interessierten in der Bundeshauptstadt zu nützen und zur wochenendlichen Landpartie zu animieren.

Für die Landeshauptfrau hat die Aufsplitterung auf Premien mitunter im Tagestakt einen Vorteil. Mikl-Leitner, die ohnehin überproportional häufig in den vielgesehenen ORF-"Seitenblicken" auftaucht, weil man es sich im ORF aus Eigeninteresse nicht mit der mächtigen Landeshauptfrau verderben will, war zuletzt fast Dauergast in dem ORF-Sendungsformat zur Hauptabend-Sendezeit. Hermann Leopoldis Schlager "Schen is so a Ringelspül. Des is a Hetz und kostet net vül" wirkt im Nachhinein wie vor Jahrzehnten vorhergesehen für diese stakkatoartige Abfolge von Seitenblicken auf das niederösterreichische Kulturgeschehen mit der Landeschefin im Fokus.

Theaterszene im Umkreis der Politik

Umgekehrt gilt es als offenes Geheimnis, dass Theater-Prinzipale und manche Schauspieler gern ihre Honneurs im Dunstkreis von Spitzenpolitikern machen, wenn damit ein bisschen oder ein bisschen mehr finanzielle Hilfe für das eine oder andere Festival herausspringen kann. Eine Win-Win-Situation würden das Ökonomen wohl nennen.

Der langjährige ORF-Moderator Alfons Haider ging dafür sogar soweit, Mitte August des Vorjahres bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung "100 Jahre Burgenland" auf Burgschlaining einen jungen Musiker-Kollegen abzukanzeln. Dieser hatte es gewagt, den Feier-Abend mit dem Hinweis, dass sich das Land mit Landeshauptmann Hans Peter Doskozil an der Spitze bei der Gage knausrig zeige, zu stören. Die Zurechtweisung erfolgte ausgerechnet durch Alfons Haider, der als neuer Intendant der Festspiele in Mörbisch in der Gunst des Landeshauptmanns stehen muss. Doskozil selbst nahm die Störung der festlichen Atmosphäre wesentlich gelassener. Haider gab es erst nach Tagen zerknirscht.

In Oberösterreich hat Landeshauptmann Thomas Stelzer als Kulturreferent die Tradition der Landesausstellungen umgekrempelt. Im Schloss Starhemberg in der kleinen Bezirksstadt Eferding läuft daher seit Anfang Juli die "Communale" als eine Art abgespeckte Landesschau, was auch nicht bei allen im Land gut ankam.

Drexler sucht neues Kultur-Leitbild

Der steirische Landeshauptmann Christopher Drexler hat sich bei seinem Aufstieg an die Landesspitze ab 4. Juli ganz bewusst die Kulturagenden beihalten. Nicht, weil er sich damit ein Kultur-Federl an den Steirerhut stecken wolle, wie er glaubhaft versichert. Dem Nachfolger Hermann Schützenhöfers waren schon davor etwa die Grazer Schauspielszene und deren Führung ein echtes Anliegen. Dabei soll es aber nicht bleiben. Er wolle bei einem neuen Leitbild für die steirische Kultur bis 2030 gerade auch als Landeshauptmann treibend dabei sein. Ob das bei der nächsten Landtagswahl, in die er 2024 erstmals als ÖVP-Spitzenkandidat gehen muss, viele zusätzliche Stimmen bringt, muss und wird sich erst weisen.