Dieser Tage ereilte manch steirischen Elternteil ein Brief des Kindergartens mit dem Betreff "Frühwarnung: Kinderbetreuungsplätze ab Herbst nicht mehr sicher". "Wir schlagen Alarm!", heißt es von den Trägerorganisationen "Rettet das Kind", GiP, Wiki und der Diözese Graz-Seckau.

Der Fachkräftemangel habe "seinen traurigen Höchststand erreicht", das habe "folgenschwere Konsequenzen", heißt es in dem Brief, der der "Wiener Zeitung" vorliegt: eine Reduzierung von Öffnungszeiten, Halb- statt Ganztagesplätze, die Schließung von Gruppen. "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann nicht mehr sichergestellt werden!" Man bitte die Eltern um Verständnis: "Sollte ihr Standort von Schließungen bedroht sein, werden wir Sie jeweils um die Monatsmitte informieren."

"Die Personaldecke ist zum Zerreißen gespannt - und in vielen Regionen bereits überspannt", ließ auch die Diakonie vor kurzem wissen. Und Karin Samer, Betriebsratsvorsitzende für den pädagogischen Bereich der Wiener Kinderfreunde, sagt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Wir haben mittlerweile in allen Bundesländern Personalprobleme, in Salzburg, Vorarlberg, auch Wien sehen wir dem Herbst mit großer Sorge entgegen. Wir wissen im Moment schlicht noch nicht, ob wir alle Gruppen eröffnen können."

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Landesrat Amon reagiert verschnupft auf die Kritik

Konkret geht es den vier steirischen Trägerorganisationen um 130 Elementarpädagoginnen und 100 Kinderbetreuerinnen, die derzeit fehlen, sagt Peter Schwarz, Vorstand bei GiP, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Bei aktuell 7.408 Personen, die insgesamt in steirischen Kindergärten arbeiten, nimmt sich das nicht viel aus. "Bei uns fehlen aber zehn Prozent, das nenn ich schon dramatisch", sagt Schwarz trotzdem.

Der Personaldispens, also die Ausnahmeregelung mit der nicht nur Elementarpädagoginnen, (Männer sind mit einem Anteil von 3,2 Prozent aller Beschäftigten im Kindergarten mitgemeint), sondern auch andere mit einer pädagogischen Ausbildung wie etwa Lehrerinnen in der Kinderbetreuung Gruppen leiten dürfen, läuft bis zum Herbst aus. "Ihn zu verlängern ist das Allerwichtigste, sonst droht der Super-GAU", sagt Schwarz. Der droht allerdings nicht steiermarkweit, "es geht zu 85 Prozent um Grazer Stellen", räumt der GiP-Vorstand auf Nachfrage ein.

Im Büro des zuständigen steirischen Bildungslandesrats Werner Amon (ÖVP) hat man wenig Verständnis für den Brief: "Der ging an alle Eltern, nicht nur an jene, wo vielleicht wer fehlen könnte. Außerdem heißt es selbst da nicht, dass es so sein wird." - "In der Elementarpädagogik müssen wir rasch handeln, dennoch verwehre ich mich dagegen Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen vorschnell in Panik zu versetzen", lässt Amon selbst ausrichten. Die Gespräche über notwendige Maßnahmen laufen noch. "Wir werden niemanden zurücklassen und die Ergebnisse rechtzeitig vor dem Herbst präsentieren."

Weniger guter Personalschlüssel als 2011

Die Kindertagesheimstatistik zeigt zwar, dass es mit mehr 64.962 Personen österreichweit 2021/22 einen Anstieg beim Personal gegenüber dem Jahr davor gab, da waren es 62.994. Aber: Vor zehn Jahren, also 2011/12, standen den damals 267.044 Kindern 55.833 Beschäftigte gegenüber. Auf eine Person kamen also 4,8 Kinder. Heute müssen sich bei insgesamt 381.181 Kindern durchschnittlich 5,9 Kinder eine Pädagogin oder Assistentin teilen. Nimmt man nur die Fachkräfte, kommt sogar nur eine Pädagogin auf elf Kinder. "Dabei bräuchte es schon in Gruppen mit 20 Drei- bis Sechsjährigen laut Samer zwei Pädagoginnen und eine Assistentin in Vollzeit: "Gleichzeitig, nicht nacheinander - und bei den jüngeren bei weniger Kindern noch mehr Personal." Die Situation verschlechtert sich mit Pensionierungen: 13 Prozent des Kindergarten-Personals ist älter als 55 Jahre. In Niederösterreich sind es sogar 17 Prozent.

Aus der für Kindergarten zuständigen Abteilung in Niederösterreich heißt es trotzdem: "Das Land Niederösterreich hat derzeit keinen akuten Mangel an Pädagoginnen bzw. Pädagogen", man könne die "gesetzlich vorgeschriebene Anzahl" bereitstellen. Für das Betreuungspersonal seien die Gemeinden und Träger zuständig.

Eine Studie des KDZ- Zentrum für Verwaltungsforschung zeigt allerdings, dass die Gemeinden mittlerweile 18 Prozent für die Erhaltung von Schulen und Kindergärten ausgeben, um 52 Prozent mehr als gut zehn Jahre davor.

Aber nicht nur das, nur jede dritte Absolventin der fünfjährigen Ausbildung arbeitet danach als Pädagogin im Kindergarten, berichtet Schwarz aus der Steiermark. Betriebsrätin Samer wundert das nicht angesichts des engen Personalkorsetts: "Die Kolleginnen arbeiten immer in dem Zwiespalt, aus der Ausbildung zu wissen, was die Kinder brauchen, aber zu wenig Zeit für die als Förderung des einzelnen zu haben." Das belaste junge Berufseinsteigerinnen, die bald wieder aufhören.

Hoffnungen auf ältere Quereinsteigerinnen

Samers Hoffnung liegt auf Quereinsteigerinnen, die bereits älter sind und eine Kollegausbildung machen, "die treffen ihre Berufswahl bewusst, bleiben deshalb eher". Seit September 2021 gibt es für diese ein Fachkräftestipendium: Dabei erhält man während der dreijährigen Ausbildung an den Bildungsanstalten für Elementarpädagogik und an den neu geschaffenen Lehrgängen an Pädagogischen Hochschulen (PH) eine finanzielle Unterstützung in der Höhe des Arbeitslosengeldes. Knapp 150 hätten laut AMS insgesamt, 60 laut Ministerium an den PH damit gestartet.

In der Steiermark werde es ab Herbst 100 zusätzliche Kollegplätze für die Elementarpädagogik geben, versichert auch Landesrat Werner Amon. Das ist auch notwendig, denn: Der Anteil des Fachpersonals in steirischen Gruppen liegt mit 41 Prozent weit unter dem Österreichdurchschnitt - da sind es 55 Prozent.