Mähdrescher, noch größer als Dinosaurier. Traktoren mit Anhängern, die den ganzen Fahrstreifen brauchen. Einspurige Straßen zwischen Kukuruzfeldern, auf denen der Mais noch saftig grün mannshoch steht. Mitten in diesem bäuerlichen Alltag hat Oberösterreichs ÖVP zu ihrem "Sommer des Miteinanders" nach St. Georgen bei Obernberg am Inn lokale Funktionäre geladen. Das Miteinander erinnert ein bisschen an den vergangenen Sommer, als der damalige Bundeskanzler Sebastian Kurz die Pandemie schon verfrüht für beendet erklärt hatte. Sein Nachfolger als Regierungschef und ÖVP-Bundesparteiobmann, Karl Nehammer, ist der Stargast an diesem glühend-heißen Juliabend auf dem Irghof im tiefsten Innviertel. Von den gut 400 schwarzen Lokalpolitikern und Mitstreitern wird er mit höflichem Applaus begrüßt. Es ist nicht diese messianische Stimmung, mit der Kurz noch als fast überirdischer türkiser Heilsbringer von der Parteibasis empfangen wurde.

Der Besuch bei den Innviertler ÖVP-Funktionären ist der Start der Sommertour des ÖVP-Bundesparteiobmanns. Während die Volkspartei auf Bundesebene mit Kurz in Umfragen bisweilen über der 40-Prozentmarke lag, grundelt sie nun bei gut 20 Prozent abgeschlagen hinter der SPÖ. Mit der Sommeroffensive, bei der alles unterwegs ist, was Rang und Namen hat in der ÖVP, soll die seit 2017 wählerverwöhnte Volkspartei auf Vordermann gebracht werden, indem auf die Arbeit und Leistungen der Bundesregierung, in der der Milizoffizier Nehammer im Kanzleramt der Kommandant ist, hingewiesen wird. "100 Prozent Schutz für Österreich", gibt es an diesem Sommerabend nicht nur in Form von Sonnencreme-Tuben, sondern auch als Folder mit Nehammer-Konterfei. Darin werden nicht nur die ökosoziale Steuerreform und das "größte Pflegereformpaket der letzten Jahrzehnte" aufgelistet, sondern auch das "höchste Budget fürs Bundesheer". Dass die vollmundigen Ankündigungen von einer kräftigen Erhöhung des Heeresbudgets auf rund 6,5 Milliarden Euro längst nicht umgesetzt sind, fällt in der Broschüre und im Innviertel unter die Bierbänke.

Die Parteibasis ist sauer auf die Medien

Die schwarze Parteibasis hadert und schimpft vor allem "über die Medien", die nach deren Geschmack die Volkspartei in ein komplett verzerrtes Licht – Stichwort Korruptionsvorwürfe – rücken. "Es wird alles zerlegt, alles wird bombardiert", beklagt Josef Högl aus dem Bezirk Ried im Innkreis im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Er nehme aber an, dass es der ÖVP bald wieder besser gehen werde, "weil es keine andere Alternative gibt für Österreich", ergänzt der stämmige Mann mit Überzeugung.

Wer regiert, werde halt auch überproportional kritisiert, lautet der Befund von Andreas Redhammer, der ÖVP-Vizebürgermeister im wenige Kilometer entfernten St. Martin im Innkreis ist. FPÖ-Obmann Herbert Kickl und auch SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner hält er ganz und gar nicht für besser als den ÖVP-Bundesparteiobmann. Eines räumt der Vizeortschef freilich ein, was Nehammer betrifft: "Er ist zwar nicht der Showman wie der Kurz, aber die Inhalte stimmen." Außerdem sieht er als Vorteil, dass dieser eine humanistische Ausbildung habe.

"Er hat das Herz am rechten Fleck"

Im Zusammenhang mit den Medien, die für die ÖVP-Basis hier allgemein unten durch sind, bekommt vor allem der ORF und seine Informationssendungen sein Fett ab. "Ich schau nicht mehr ORF, da kann ich gleich in der Löwelstraße anrufen", speit Redhammer regelrecht aus und meint damit eine von der SPÖ-Bundesparteizentrale gesteuerte ORF-Berichterstattung. Gemeint ist damit, zuviel Platz für die Korruptionsvorwürfe gegen ÖVP-Politiker statt Darstellung der Regierungsarbeit während Coronakrise, Ukraine-Krieg und Rekordteuerung.

Händeschütteln in Krisenzeiten: Kanzler Nehammer will seinen Parteifreunden Mut machen. 
- © Karl Ettinger

Händeschütteln in Krisenzeiten: Kanzler Nehammer will seinen Parteifreunden Mut machen.

- © Karl Ettinger

Während Nehammer mit Familienministerin Susanne Raab und ÖVP-Klubobmann August Wöginger, der als Innviertler irgendwie der Hausherr ist, an seiner Seite nach den kurzen Reden mehr als eine Stunde lang für Händeschütteln und gemeinsame Fotos für die ÖVP-Funktionäre und lokalen Repräsentanten zur Verfügung steht, flicht ihm Andrea Schachinger aus Kirchdorf am Inn verbal einen Blumenstrauß: "Er hat das Herz am rechten Fleck. Jede Rede ist bei ihm emotional. Das geht eini bei de Leit."

Hemdsärmelig gibt sich der Bundeskanzler, nur im weißen Hemd ohne Sakko und Krawatte, an diesem gewitterschwülen Montag mit Abendtemperaturen noch immer über der 30-Grad-Marke. Hier ist er für die Parteibasis der Mister 100 Prozent, mit denen er im Mai in Graz auch zum ÖVP-Bundesparteiobmann gekürt worden ist. "Er gibt 100 Prozent für die Republik", heißt es bei seiner Begrüßung im Irghof. Die Eröffnung der Salzburger Festspiele am Dienstagvormittag hat Nehammer sausen lassen, weil in Krisenzeiten für ihn die Arbeit vorgehe. Für den Abstecher für die Partei in den Ort nahe Bayern hat er sich allerdings Zeit genommen. Von hier wären es nur gut 80 Kilometer oder eineinhalb Stunden im Auto in die Festspielstadt. Sogar den Urlaub in der ersten Augustwoche lässt der fleißige Regierungschef ausfallen, hat er Österreichs größter Tageszeitung verraten. "Herr Bundeskanzler, eine Fahrt ins Innviertel ist wie ein Urlaub", lautet der Trost für ihn beim ÖVP-Sommerfest.

Dem Abwärtstrend mit Marketing entgegenwirken

Nehammer ist weder Kurz noch Tom Cruise. Seine aktuell als Mission impossible anmutende Aufgabe lautet, den Abwärtstrend der ÖVP nach den lichten Höhen der kurzen Kurz-Jahre zu stoppen und auch die Funktionäre wieder aufzurichten. Inflation, Teuerung, Energiekrise, das seien "alles große und ganz schwierige Aufgaben", drechselt der ÖVP-Obmann auf der kleinen Bühne im Irghof, auf der er mit dem Mikrofon in der Hand steht.

"Tausend-Sassa", so heißt hier das Bier, das dem durstigen Parteivolk als Erfrischung dient. Ein Tausendsassa ist Nehammer keiner, er will nur "den Menschen durch die Krise helfen". Da sei keine Zeit für Parteischarmützel, donnert der ÖVP-Obmann in Richtung Opposition. Prophylaktisch hat er aus Wien eine Mutinjektion mitgebracht: "Das braucht viel Kampfgeist in den nächsten Wochen." Zugleich versucht er die – vielleicht an ihm Zweifelnden – zu beruhigen: "Wir werden es wieder so schaffen wie durch die Pandemie." Manche Kritiker am Vorgehen der Bundesregierung während der Coronakrise seit März 2020 werden das freilich als gefährliche Drohung einstufen.

Stelzer will "Leute nicht länger einsperren"

Bodenständiger formuliert der Innviertler Wöginger, worum es nun gehe, nachdem 1.500 Euro auf den Konten der Österreicher als Familien-, Energie- und Anti-Teuerungsbonus landen: "Jetzt geht’s darum, dass wir das auch vermarkten." Das Folgende klingt wie eine Durchhalteparole für die Zeit bis zur nächsten Nationalratswahl, die turnusmäßig 2024 ansteht: "Wir spielen die zweite Halbzeit fertig."

Für den Gastgeber, Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer, ist die Pandemie neben den politischen Gegnern und den Medien, über die die Basis schimpft, weiter ein fordernder Gegner: "Wir können sie nicht niederringen. Darum müssen wir einen Umgang damit finden." Für ihn bedeutet das das Aus für die Quarantäne: "Wir werden die Leute nicht länger einsperren." Das geht bei der schwarzen Basis im Irghof genauso gut runter wie das "Tausend-Sassa"-Bier und der den Gekommenen nach den kurzen Reden servierte bodenständige Wurstsalat.