Der Fall der der oberösterreichische Allgemeinmedizinerin Lisa-Maria Kellermayr hat wieder deutlich gemacht, wozu Hass und Bedrohungen führen können. Dem Suizid der Ärztin waren monatelange Beschimpfungen und auch Morddrohungen aus Kreisen radikaler Impf- und Maßnahmengegner per E-Mail vorausgegangen.

Hass im Netz ist kein neues Phänomen. Doch die Pandemie habe den Ton noch einmal verschärft, sagt Social-Media-Expertin Ingrid Brodnig. Hass im Netz trete wellenförmig auf, erklärt sie. "Wenn es Streit in der Gesellschaft gibt, wird die Aggression auch online sichtbar." Zwar geht sie davon aus, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Hass im Netz verbreite, doch schon einzelne Personen können große Schäden anrichten, wenn sie "den Diskurs vergiften" und andere beschimpfen oder bedrohen.

Wer Hass- oder Drohnachrichten erhält, soll diese in einem ersten Schritt mit aussagekräftigen Screenshots, die etwa auch die genaue Web-Adresse des Posts (URL) enthalten, dokumentieren, empfiehlt Brodnig. Sollte der Vorfall vor Gericht landen, sei es wichtig, dass auch der Kontext, in dem die Nachricht gepostet wurde, zu erkennen ist.

Um die eigene Sicherheit zu erhöhen, können auch Profileinstellungen bei Plattformen wie Facebook geändert werden, sodass beispielsweise der Arbeitsplatz nicht angezeigt wird "und es nicht so leicht erkennbar ist, wo Sie abgepasst werden können". In weiterer Folge rät sie Betroffenen, die Nachrichten bei der Beratungsstelle zu Hass im Netz des Vereins Zara (Zivilcourage und Antirassismusarbeit) zu melden.

Beratungsstelle kann rechtliche Einschätzung geben

Die Beratungsstelle kann eine rechtliche Einschätzung geben und ein weiteres Vorgehen in der Situation empfehlen. Auch psychosoziale Unterstützung bietet der Verein an.

Denn das Spektrum von Hass im Netz ist breit und reicht von Beleidigungen und Beschimpfungen über Mobbing bis hin zu Morddrohungen, wie sie Kellermayr erhalten hat. Eine einheitliche Definition eines Hasspostings gibt es jedenfalls nicht. "Es gibt einmal die Grenze, wo es rechtlich relevant ist, aber es gibt schon ganz viel davor", sagt Lukas Gottschammel von der Beratungsstelle Zara. "Es ist dann vielleicht rechtlich noch nicht greifbar, aber trotzdem belastend oder einschüchternd." Auch solche Nachrichten müssen ernstgenommen werden, betont Gottschammel, und man könne nach Wegen suchen, Betroffene in der Situation bestmöglich zu unterstützen.

Kommen die Nachrichten etwa über Facebook, können diese bei der jeweiligen Plattform gemeldet werden. Durch das neue Hass-im-Netz-Gesetz hat diese die Verpflichtung, das Posting zu überprüfen und, sollte es sich um Hassnachrichten im Sinne des Gesetzes handeln, innerhalb eines engen Zeitrahmens zu löschen. "Das Gesetz hat die Situation insofern verbessert, dass die Netzwerke in die Pflicht genommen werden, eine Stelle zur Überprüfung einzurichten. Früher war das viel komplizierter", erklärt Matthias Jax vom Projekt Safer Internet. Schwierig, die Nachrichten zu melden, werde es allerdings, wenn eine Person tausende Hassnachrichten erhält.

Brodnig rät auch dazu, Hassnachrichten öffentlich zu machen und mit anderen darüber zu sprechen. "Dem Betroffenen kann es guttun, wenn andere sagen, das ist nicht in Ordnung." Dass der Präsident der Ärztekammer Oberösterreich Kellermayr riet, sich nicht "bei jedem Thema auf Twitter exzessiv zu Wort zu melden" und auch die Polizei Kellermayr unterstellte, an die Öffentlichkeit zu drängen, sei laut Brodnig daher ein "Worts Case". "Wir brauchen Leute, die so etwas öffentlich machen und den gesellschaftlichen Diskurs darüber", sagt die Social-Media-Expertin.

Internet ist kein rechtsfreier Raum

Fällt ein Posting aber unter das Strafrecht, könne ein Täter vor allem dann von Gerichten und Behörden belangt werden, wenn bekannt ist, um wen es sich handelt. "Das Internet ist kein rechtsfreier Raum", betont Jax. Bei unbekannten Tätern sei es schwieriger, wobei es durchaus Fälle gebe, in denen der Täter ausgeforscht werden kann. Stark eingeschränkt seien die rechtlichen Möglichkeiten allerdings, wenn sich Täter und Tatort außerhalb von Österreich befinden. Bei Kellermayr war das der Fall.

Doch selbst, wenn es keine Möglichkeit gibt, den Täter zu belangen, können sich Betroffene Hilfe holen. "Man muss nicht alles aushalten", sagt Gottschammel. Wer etwa regelmäßig Hassnachrichten per Mail erhält, könne eine Vertrauenperson bitten, den E-Mail-Posteingang durchzusehen und solche Nachrichten zu löschen. Er betont auch die Wichtigkeit von psychologischer Unterstützung. "Sich Hilfe zu holen, ist ein Zeichen von Stärke", sagt der Berater.

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