Darf man vorstellen? Waldemar; seines Zeichens das Haustier von Maximilian und Susanne Mustermix sowie ihren beiden Kindern, dem 14-jährigen Moritz und Lea, 10. Das Finanzministerium lässt die Familie in Graz wohnen, Susanne erhält als Vollzeitangestellte 2.500 Euro brutto monatlich, Maximilian arbeiten in Teilzeit. Beide pendeln zu ihrem Arbeitsplatz, er könnte auch öffentliche Verkehrsmittel verwenden, erhält also das kleine Pendlerpauschale; sie braucht das Auto für ihren Arbeitsweg, erhält also das große.

Die Mustermix sind die prototypische Familie, anhand derer die Regierung ihre in drei Etappen angekündigten Maßnahmen, die von der Inflation entlasten sollen, vorrechnet. Insgesamt werde diese Familie heuer um 4.329 Euro entlastet. Mit dabei sind allerdings auch die bereits im Vorjahr beschlossenen, aber nun vorgezogenen steuerlichen Maßnahmen.

 

So launig die Geschichte beginnt - dem durchaus ansehnlichen Betrag stehen auch enorme Mehrausgaben dieser Familie gegenüber. Und diese sind bei einer Teuerungsrate im Juli von plus 9,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr laut Schnellschätzung der Statistik Austria gewaltig. Die Preistreiber bei der bereits bestätigten Juni-Inflation von 8,7 Prozent waren Treibstoffe, Nahrungsmittel und Haushaltsenergie.

Abfederung der Teuerung oder Hinterherhinken

Die Erzählung der Regierung und die der Oppositionsparteien SPÖ und FPÖ zur Entlastung von der Belastung gehen in eine komplett unterschiedliche Richtung. "Die steigenden Kosten bereiten vielen Menschen Sorgen, die wir sehr ernst nehmen", lässt Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) der "Wiener Zeitung" ausrichten: "Wir federn die Auswirkungen der Teuerung, so gut es geht, ab, aber globale Entwicklungen können wir nie zu 100 Prozent ausgleichen." Zu 18 Milliarden Euro ökosozialer Steuerreform kämen vier Milliarden Euro aus den Antiteuerungspaketen von Jänner und März dieses Jahres sowie weitere 28 Milliarden bis 2026 - wovon fünf bereits heuer wirksam werden sollen.


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SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner sieht das anders: Türkis-Grün hinke in Sachen Teuerung "nur hinterher": "Die Regierung prüft lediglich, was alles nicht geht." Man werde "nicht locker lassen" - und weiter Preisdeckel auf Energie, Sprit und ein Aussetzen der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel fordern. Auch FPÖ-Bundesparteiobmann Herbert Kickl ließ anlässlich der Preiserhöhungen von Wien Energie und EVN nicht nur wissen, dass das "modernes Raubrittertum in Reinkultur" sei. Es sei "nicht mehr zu akzeptieren ist, dass diese schwarz-grüne Regierung Preisdeckel für Energie, Treibstoffe und Grundnahrungsmittel ablehnt".

Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) schloss Preisdeckel allerdings wie die ÖVP erneut aus und versuchte zu erklären, warum: "Durch irgendeinen Preisdeckel würde Österreich nur einen Milliardenschaden erleiden." Österreichische Preisstützen würden nicht an der Grenze Halt machen, sondern auch in Nachbarländer abfließen, die "Wiener Zeitung" berichtete bereits darüber: "Wir würden also halb Europa mit unseren Steuermilliarden versorgen."

Energiekostenausgleich und Aussetzen von Nebenkosten

Die Steuermilliarden, die die Regierung in die Hand nimmt, werden aber offenbar nicht in dem Ausmaß wahrgenommen, wie die Teuerung. Dabei waren es im ersten Paket bereits 900 Millionen Euro, die das Aussetzen der Ökostrompauschale und des Ökostromförderbeitrags kostet.

Auf der Stromrechnung der einzelnen Haushalte allerdings macht das gerade 110 Euro weniger aus als im Vorjahr. Dazu hat die Familie Mustermix 150 Euro über den Energiegutschein erhalten, den sie sich bei ihrem Stromanbieter gutschreiben lassen konnte. Hierfür veranschlagte die Regierung insgesamt 600 Millionen Euro, die den österreichischen Haushalten "mehr zum Leben bleiben", hieß es in der Aussendung vom Jänner.

Allerdings muss die Familie seit der Strompreiserhöhung der Steiermark Energie seit 1. April monatlich bei einem Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden monatlich um knapp 21 Euro mehr Stromkosten bezahlen - macht 185 Euro bis zum Jahresende aus. So gesehen wäre das heuer noch ein "Gewinn".

Im Beispiel geht das Finanzministerium aber offenbar von einer Photovoltaik-Anlage der Familie auf ihrem Hausdach aus. Da sie von der Senkung der Elektrizitätsabgabe von vormals 1,5 auf 0,1 Cent laut Finanzministeriumsrechnung mit 37 Euro jährlich profitiert, dürfte man von einem jährlichen Überschuss von 4.000 Kilowattstunden ausgegangen sein, die aus der Anlage von Familie Mustermix ins Stromnetz jährlich eingespeist werden.

Es dürfte sich also um eine Anlage mit 8-Kilowatt-Peak handeln, die im Jahresdurchschnitt 8.000 Kilowattstunden Strom erzeugt, rechnet E-Control-Ökoenergie-Experte Harald Proidl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" vor. Idealtypisch wäre die Familie also Selbstversorger beim Strom. Allerdings ist der Verbrauch im Sommer mit mehr Tageslicht und Zeit außer Haus geringer als im Winter. 75 Prozent der Photovoltaik-Stromproduktion aber erfolgt in der Sommersaison, in der Wintersaison muss die Familie also Strom zukaufen, "sonst bleibt es am 24. Dezember nach dem Ausblasen der Christbaumkerzen finster", sagt Proidl

Sollte die Familie allerdings ihr Haus mit Gas beheizen, sind in der Steiermark bei einem Jahresverbrauch von 15.000 Kilowattstunden monatlich 58 Euro zusätzlich fällig - bis zum Jahresende summieren sich die zusätzlichen Gaskosten alleine in diesen vier Monaten auf 232 Euro.

Spritpreise und mehr Förderung des Pendelns

Bei Teuerungsraten von plus 64 Prozent bei Diesel und 55 Prozent bei Superbenzin im Juni gegenüber dem Vorjahr fällt manch Tankrechnung heuer dreistellig aus. In die Arbeit fährt man in Österreich mehrheitlich mit dem Auto, genau genommen werden 60 Prozent der Arbeitswege mit dem Auto zurückgelegt.

Kernstück des zweiten mit insgesamt 2,3 Milliarden dotierten Pakets war demzufolge die 50-prozentige Erhöhung des Pendlerpauschales und die Vervierfachung des Pendlereuros um insgesamt 400 Millionen Euro. Susanne Mustermix profitiert seit Mai Berechnungen der "Wiener Zeitung" zufolge mit 35 Euro im Monat davon, ihr Mann Maximilian erhält um 20,8 Euro monatlich mehr.

Für ihre 60 Kilometer Arbeitsweg, die sie rund 20 Mal im Monat zurücklegen, mussten sie für das Tanken ihrer Diesel-Pkw, die rund sechs Liter pro 100 Kilometer verbrauchen, allerdings mehr bezahlen: Im Mai machten die Mehrkosten bei einer Teuerung von 56 Prozent, die der ÖAMTC auf Basis der Medianwerte der E-Control berechnete, gegenüber dem selben Monat im Vorjahr laut Berechnung der "Wiener Zeitung" für Susanne und Maximilian jeweils 47 Euro aus. Im Juni kostete sie das Tanken für den Arbeitsweg jeweils um 58 Euro bei 67 Prozent Teuerung als im Juni 2021. Und im Juli waren es bei 64 Prozent Teuerung gegenüber dem Vorjahresmonat 57 Euro mehr Tankkosten pro Person.

Mehrkosten von 325 Euro standen also 167 Euro mehr Pendlerpauschale gegenüber. Wobei es das kleine Pendlerpauschale für jene Arbeitswege gibt, wo "die Benützung eines öffentlichen Verkehrsmittels möglich und zumutbar ist". Maximilian hätte also auch auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen und Tankkosten sparen können. Eine Jahreskarte war jedenfalls im Juni im österreichischen Durchschnitt um 34 Prozent günstiger als im Vorjahr.

Zwei Mal 180 Euro zusätzliche Familienbeihilfe sollten bei der Familie Mustermix bald ankommen, mit der Auszahlung wurde ja diese Woche begonnen. In die insgesamt 4.329 Euro Entlastung rechnet die Regierung auch den bis zu 500 Euro pro Kind höheren Familienbonus Plus ein, die gibt es allerdings erst Anfang nächsten Jahres 2023 mit dem Jahresausgleich, genauso wie 500 Euro Teuerungsabsetzbetrag und Maximilians Sozialversicherungsrückerstattung vulgo Negativsteuer.

Allerdings steigen neben Energie- und Spritkosten auch die Kosten für Lebensmittel stark an - im Juni waren sie um 11,3 Prozent teurer als im selben Monat im Vorjahr. Und aus der 50-prozentigen Teuerung bei Futtermittel, die sich in den Großhandelspreisen abzeichnet, dürfte die Familie Mustermix auch für Waldemar mehr ausgeben müssen als im Vorjahr.