"Die Grünen brauchen oft Jazz." Der Mann am Bass des Quartetts hatte einst den späteren grünen Klubobmann Andreas Wabl in der Steiermark als Lehrer in der Volksschule. Nun unterstützt er mit den "Jazz-Banditen" einen der Nachfolger an der Klubspitze, den nunmehrigen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen. Der Dienstag ist der erste Tag, an dem alle Kandidaten, darunter auch Van der Bellen, bundesweit bis Anfang September 6.000 Unterstützungserklärung für die Hofburg-Wahl am 9. Oktober sammeln können.

Für Van der Bellen ist es ein Heimspiel. Seine Unterschriftenkampagne beginnt Dienstagnachmittag auf der Mariahilferstraße in der grünen Bezirkshochburg Wien-Neubau. "Toi, toi, toi"-Rufe wechseln sich mit Selfie-Wünschen von Jugendlichen und begeisterten Migranten ab. "Danke für Ihren Einsatz für Migranten", schwärmt eine junge Frau. Eine Ukrainerin posiert mit der Familie für ein Foto mit Van der Bellen.

Die Signatur muss vor den Gemeindebehörden geleistet werden. Dem Staatsoberhaupt bleibt mit Partnerin Doris Schmidauer der Weg ins nahe Bezirksamt zur Unterschrift nicht erspart. Eine Oberösterreicherin aus Stadl-Paura auf Wien-Besuch ärgert sich über dieses Prozedere, "dass man da auf die Gemeinde rennen muss". Van der Bellen spaziert von dem Stand für seine Wiederwahl weiter in Richtung Mariahilferkirche. Ein Mann grummelt über die Fokussierung auf den Wiederbewerber. "Buh", ruft er und schüchtern auch "Pharmamarionette".

Gedankenspiele zur Regierung

Scharfe Töne hat es schon am Vormittag von den Freiheitlichen gegeben. Der härteste Widersacher Van der Bellens kommt nämlich aus den Reihen der FPÖ: Walter Rosenkranz, der zum Volksanwalt avancierte Ex-FPÖ-Klubobmann. Der Dritte Nationalratspräsident Norbert Hofer, der Van der Bellen bei der Wahl 2016 in eine Stichwahl zwang und dort unterlag, wollte sich einen Wahlkampf gegen den amtierenden Bundespräsidenten wegen der weitgehenden Aussichtslosigkeit nicht wieder antun. Bisher hat noch jeder Bundespräsident bei einem erneuten Antreten die Wiederwahl glatt geschafft.

Der freiheitliche Präsidentschaftskandidat kritisierte die Bundesregierung scharf. 
- © apa / Hans Klaus Techt

Der freiheitliche Präsidentschaftskandidat kritisierte die Bundesregierung scharf.

- © apa / Hans Klaus Techt

Mit dem Juristen aus Krems knüpft die FPÖ dort an, wo schon Hofer bei der Wahl 2016 beinahe erfolgreich gewesen wäre. Nur klingt das mit Herbert Kickl als FPÖ-Obmann im Hintergrund bei Rosenkranz noch eine Spur gepfefferter als seinerzeit bei Hofer. Der dachte zwar auch schon laut über die verfassungsmäßigen Rechte des Bundespräsidenten zur Entlassung einer Regierung nach. Der jetzige blaue Bewerber in spe wurde schon am Dienstag in einer Pressekonferenz ziemlich deutlich.

Aussagen verschärft

Im Falle einer Wahl von Rosenkranz für das höchste Amt im Staat gibt dieser der Bundesregierung wenig Schonfrist. Auf die Frage nach einer Entlassung der Regierung nach einem Amtsantritt als Bundespräsident im Jänner 2023, sagte Rosenkranz: "Die Wahrscheinlichkeit ist auf jeden Fall höher als 50 Prozent." Er verschärfte damit eigene Aussagen nach seiner Kür zum FPÖ-Hofburgkandidaten im Juli zu dem Thema.

Rosenkranz, der sich für den Wahlkampf nicht von der Funktion als Volksanwalt beurlauben lässt, war schon in der Vorwoche in der Steiermark und Kärnten unterwegs. Am Dienstag ging es nach dem Presseauftritt in Wien weiter nach Nieder- und Oberösterreich.

Zuvor ließ der FPÖ-Bewerber auf Nachfragen von Journalisten aufhorchen. Er verwies darauf, dass die amtierende Bundesregierung dem neugewählten Bundespräsidenten formal ihren Rücktritt anbiete. Rosenkranz betonte, "unter Umständen" könne ein solches Rücktrittsangebot auch angenommen werden. "Man kann eine Tradition durch eine andere auch ersetzen", meinte er.

Wenige Minuten zuvor hatte er noch erklärt, er werde keine "Schnellschüsse" abgeben. Vielmehr werde er das Gespräch mit der Bundesregierung suchen, insbesondere mit Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP). Eine andere Möglichkeit sei die Auflösung des Nationalrates. Denn wenn die Regierung nur entlassen werde, blieben die Mehrheiten im Nationalrat unverändert.

Zweiter Schwerpunkt war ganz im Sinne Kickls scharfe Kritik von Rosenkranz an der Regierung. "Stoppkostenlawine.at" prangte sichtbar vor ihm auf dem Tisch und signalisierte die Stoßrichtung. Protest gegen die türkis-grüne Regierung soll im Hofburgwahlkampf Wasser auf die Mühlen des blauen Kandidaten sein. Schelten wegen unzureichender Antworten auf die Teuerung und hohe Energiepreise, ein Tadel wegen der Russland-Sanktionen, eingebettet in die Breitseiten gegen die EU und den "Zentralismus in Brüssel": Die FPÖ, die sich in den vergangenen Jahren mit ihrer Kreml-Nähe Aufmerksamkeit und Misstrauen en masse eingehandelt hatte, gibt sich angriffslustig. "Wir wollen vermitteln, statt sanktionieren", erklärte der FPÖ-Kandidat.

Zur geheimen Anzeige gegen die Wiener FPÖ und zu den innerparteilichen Turbulenzen rund um den FPÖ-Chef Herbert Kickl befragt, sagte Rosenkranz: "Er sitzt fest im Sattel." Und außerdem werde das seinen Hofburgwahlkampf nicht beeinflussen.

Bierpartei mit Wasserflaschen

Ein anderer konnte es schon kaum mehr erwarten. Dominik Wlazny, besser als Marco Pogo und Gründer der "Bierpartei" bekannt, war wie später Van der Bellen auf der Mariahilferstraße unterwegs, um nach Unterschriften zu keilen. Er bot Passanten Wasserflaschen an, um die "Gegner zu verwirren".

Der Neue will wenig überraschend "Politik neu denken". Die Ereignisse der letzten Jahre hätten diesen für ihn "rebellischen Ansatz" in ihm reifen lassen: "Leute brauchen in Zeiten von Krisen mehr Zuversicht und Vertrauen", so Wlazny. Auch in Linz, Graz und Innsbruck werden sich Freiwillige auf Werbeständen der Bierpartei in den nächsten Wochen um Unterschriften für ihn bemühen.

Ebenfalls um Unterstützungserklärungen ringen Gerald Grosz, früherer Pressesprecher von Ex-Vizekanzler Herbert Haupt, und MfG-Funktionär Michael Brunner. Sie versuchen, die für ihre Bewerbung nötigen 6.000 Unterschriften zu sammeln. Bis 2. September um 17 Uhr haben alle Kandidaten für die Hofburgwahl dafür Zeit.

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde um 17:30 aktualisiert.