Martin Polaschek (ÖVP) ist seit 6. Dezember Bildungs- und Wissenschaftsminister. Der ehemalige Rektor der Uni Graz folgte Heinz Faßmann nach, der Vizerektor in Wien war. Was beide noch eint: Als Unterrichtsminister standen und stehen beide in der Kritik durch die Corona-Regeln in den Schulen. Was den einen zu viel, ist den anderen zu wenig. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Minister über den anstehenden Herbst, den Lehrermangel und die Forderungen der Länder nach mehr Medizinstudienplätzen.

"Wiener Zeitung": Eine Woche vor Schulbeginn werden Sie über die Corona-Maßnahmen in den Schulen informieren: Ist das nicht sehr spät?

Martin Polaschek: Im Gegenteil. Durch den im Juli vorgestellten Variantenmanagementplan wissen alle, auf welche Szenarien wir uns für den Herbst einzustellen haben. Die Entscheidung, welches Szenario tatsächlich zum Tragen kommt, trifft man möglichst spät, wenn die Datenlage besser ist. Es wird aber kein Sonderregelwerk mehr für Schulen geben.

Worum geht es dann bei den Maßnahmen am 29. August?

Ob Masken getragen werden müssen und ob getestet werden muss. Wir prüfen auch, ob es sinnvoll ist, vermehrt mit CO2-Messgeräten zu arbeiten. Wenn es notwendig wird, wieder mit PCR zu testen, haben wir über die Bundesbeschaffungsgesellschaft (BBG) Ausschreibungen getätigt. Bei dem Vergabeverfahren laufen aber noch Einsprüche.

Sind da Fehler passiert, dass es nun zu Einsprüchen kommt?

Ich würde nicht in Zweifel stellen, dass die BBG ordentliche Ausschreibungen macht. Eine Vergabe ist aber zu einem gewissen Grad eine Ermessensentscheidung. Es kann immer sein, dass das Bundesverwaltungsgericht dann zu einer anderen Entscheidung kommt. Das ist bei Beschaffungsvorgängen nicht ungewöhnlich.

Kann es dadurch zu Problemen mit der Verfügbarkeit von Tests kommen?

Wir haben die Ausschreibungen früh in die Wege geleitet, um zu verhindern, dass es zu Verzögerungen kommt. Sollte kurzfristig Bedarf bestehen, stehen aber jederzeit Antigentests zu Verfügung.

Flächendeckende Schulschließungen wird es nicht mehr geben, aber die gab es bei Omikron auch nicht mehr. Allerdings hat die schiere Zahl der Erkrankungen die Schulen ziemlich geleert. Ist das im Herbst auch wieder das wahrscheinlichste Szenario?

Es ist schwer, darauf zu antworten. Woher soll man das wissen?

Aufgrund der Erfahrung der Vorjahre.

Aber es gibt keine Erfahrungen, aus denen man zukünftige Varianten vorhersehen kann.

Im November hatten wir bisher aber immer eine große Welle.

Wir haben aber keine Garantie, dass es heuer wieder so ist.

Keine Garantie, aber es ist doch ein plausibles Szenario - auf das man sich wie vorbereitet?

So lässt sich die Frage beantworten. Selbstverständlich haben wir uns auf alle Szenerien vorbereitet. Unser Ziel muss sein, dass möglichst viel Präsenzunterricht stattfindet und die Schulen ein möglichst sicherer Ort sind. Und das bedeutet, dass je nach Szenario entsprechend Masken getragen werden und getestet wird. Eine hohe Impfquote ist auch ein wichtiges Element, wir werden da entsprechend informieren.

Wie will man es administrativ bewältigen, wenn zum Beispiel ein Drittel des Personals ausfällt? Wie hat man das im Frühjahr bei Omikron gehandhabt?

Das hing davon ab, wo es die Ausfälle gab. Wenn Personal in Kernfächern mit vielen Stunden ausgefallen ist, konnte man das nur zum Teil supplieren. Man hat aber versucht, die Schulen offenzuhalten. Gerade bei kleinen Schulen am Land konnte man das nicht mehr immer auffangen. Das betrifft aber eine überschaubare Zeit, weil die Ausfälle fünf bis zehn Tage dauerten. Wir hatten sehr wenige Schulschließungen.

Im Jahr 2020 und 2021 gab es dagegen viele Schulschließungen. Was weiß das Ministerium über den Schaden, den diese Zeit bei Kindern und Jugendlichen hinterlassen hat, von der Bildung bis zur Gesundheit?

In einigen Bereichen liegen Daten vor, man sieht zum Beispiel eine Gewichtszunahme bei Kindern. Und man erkennt auch Lernrückstände. Deshalb hat es ein umfangreiches Nachhilfeprogramm gegeben. Schwieriger messbar sind psychische und soziale Verwerfungen, da sind die Lehrerinnen und Lehrer besonders gefordert. Nicht zuletzt deshalb wurde die Zahl der Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter erhöht. Im Frühling wurde außerdem ein Paket zur Resilienzstärkung von Schülerinnen und Schülern geschnürt. Wir werden aber weiter wachsam sein.

Gibt es dazu Begleitforschung und Evaluierungen in ihrem Haus?

Es gibt Studien der verschiedensten Art, etwa von der Donau-Uni Krems zur psychischen Gesundheit. Auch die Bildungsforschung ist sehr aktiv. Es wird aber nicht zentral vom Ministerium gesteuert.

Wie ist es im körperlichen Bereich, und was können Schulen mit ihren dichten Stundenplänen da überhaupt leisten?

Es gab schon einige Maßnahmen. Wir haben den Juni als "Monat des Schulsports" ausgerufen mit diversen Aktionen mit Sportvereinen. Wir haben auch mehrtägige Sportveranstaltungen gefördert und mit dem Sportminister ein Projekt initiiert, um mehr Bewegung in der Schule zu verankern. Die Forderung nach der täglichen Turnstunde gibt es zwar schon lange, ist aber in dieser Form nur schwer zu realisieren. Wir versuchen jetzt, Bewegung durch kurze Einheiten zu fördern und die Vereine mehr einzubinden. Dadurch wird nicht nur Bewegung, sondern werden durch das Vereinsleben auch soziale Kontakte gefördert.

Der Lehrermangel ist zuletzt akut geworden. Wie groß ist das Problem?

Dass aufgrund der Pensionierungen die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer zurückgeht, war klar. Das betrifft die Primarstufe und in der Sekundarstufe vor allem die Kernfächer Deutsch, Englisch und Mathematik. Es wurden schon Maßnahmen gesetzt, um Quereinsteiger vermehrt in die Schulen zu holen, ohne Lehramtsstudium, die natürlich nur ergänzend zum Stammpersonal unterrichten können. Wir brauchen aber generell ein neues Berufsbild und eine positive Erzählung über die Schule und den Beruf. Wir werden auch prüfen, ob beim Studienangebot Anpassungen notwendig sind. Wir warten da aber noch auf eine umfassende Evaluierung der gesamten Lehramtsausbildung, die im Herbst fertig wird.

Das sind aber langfristige Pläne. Selbst ihr Vorgänger Heinz Faßmann hat sich überrascht gezeigt, dass der Mangel jetzt gar so groß ist. Warum hat sich das verschärft?

Es ist deshalb viel stärker geworden, weil durch die Pandemie mehr Lehrerinnen und Lehrer früher in Pension gegangen sind und zugleich die Zahl derer, die nur in Teilzeit arbeiten wollen, deutlich gestiegen ist.

Das wird so bleiben, oder?

Es ist anzunehmen. Dieses Phänomen war nicht vorhersehbar und ist in Deutschland auch zu beobachten. Dort steht man vor derselben Herausforderung. Die Bildungsdirektionen haben Lehrer motiviert, doch nicht sofort in Pension zu gehen, und es wurden vermehrt Lehramtsstudenten eingesetzt. Aber das kann nur eine kurzfristige Lösung sein.

Der steirische Landeshauptmann Christopher Drexler sagte uns, dass er sich mit ihnen auf mehr Medizin-Studienplätze wird einigen können. Ist sein Optimismus berechtigt?

Wir werden die Zahl der Studienplätze ausbauen, aber nicht in dem Ausmaß. Aber es geht auch nicht um die Zahl der Absolventen, das sagt auch der Rechnungshof. Die Herausforderung besteht darin, dass künftig mehr Absolventen in medizinische Berufe gehen. Dafür braucht es Anreizmodelle.

Aus Salzburg sagt man mir, dass von rund 70 Absolventen jährlich nur etwa fünf an den Landesklinken bleiben. Das kann sich mit der Pensionierungswelle doch nicht ausgehen.

Die Republik investiert sehr viel Geld in die Ausbildung von Ärzten. Wenn die Medizin-Absolventen aber weiterhin mit demselben geringen Anteil in medizinische Berufe gehen, dann wird sehr viel Steuergeld dafür ausgegeben, dass wenig Output übrigbleibt. Es wäre sinnvoller, wenn man damit die Rahmenbedingungen verbessert.

Ich muss also mit Gesundheitsminister Rauch und den Spitalsträgern in den Ländern reden?

Man muss sich mehr Gedanken darüber machen, welche Maßnahmen man setzen kann, damit mehr Menschen Ärzte in Österreich werden wollen. Ich bin selbstverständlich für Gespräche offen, aber ein generelles Erhöhen der Plätze wird nicht zum gewünschten Erfolg führen.