Mag schon sein, ich bin ein Träumer, aber mit diesen Träumen bin ich nicht alleine", zitiert Heinrich Staudinger gleich zu Beginn des Interviews John Lennons Song "Imagine". Es wird im Interview nicht das einzige Zitat bleiben. Es wird allerdings eine von nur wenigen Aussagen und Fragen sein, die den Waldviertler Schuhfabrikanten, der sich der Wahl zum Bundespräsidenten stellt, nicht extrem aufregt.

"Wiener Zeitung": Warum wollen Sie denn Bundespräsident werden?

Heinrich Staudinger: Antreten und Bundespräsident werden wollen sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Der erste Schritt, die 6.000 Unterschriften zu bekommen, das war schon kein Schas. Der zweite Schritt ist nun am Wahlzettel stehend Öffentlichkeit zu bekommen.

Also es geht Ihnen gar nicht ums Amt, Sie wollen Themen setzen?

Absolut. Ich bin zwar ein Träumer, aber kein solcher.

Worum geht es Ihnen also?

Sie haben sicher schon vom Welterschöpfungstag gehört. In Österreich war er heuer am 6. April. Das heißt, unser Lebensstil verbraucht vier Erden. Ich möchte also Stimme sein für Mutter Erde, unser Lebensstil ist nicht mit ihr kompatibel. Es geht um die Frage Change by design or desaster. Es gibt natürlich Millionen Menschen, die glauben, man kann eh nichts mehr machen. Ich glaube aber, dass wir in der Verantwortung sind, etwas machen zu müssen, zu forschen und zu gestalten, diesen Prozess zu beeinflussen.

Sie stellen sich aber für ein Amt zur Wahl, in dem man politisch nicht gestalten kann. Warum gründen Sie keine Partei und treten zum Beispiel bei der nächsten Wahl in Niederösterreich an?

Bei der Landtagswahl in Niederösterreich bekommt man in Vorarlberg ganz sicher keinen Platz mit einer Außenseiterstimme. Und es gelingt ja auch einigermaßen, durchzudringen. Ich will, dass die Zerstörung vom Klein- und Mittelgewerbe aufhört. Mitte des 19. Jahrhunderts waren Stanley und Livingston in Afrika, die haben damals von sagenhaften Wohlstand berichtet, das hat die Länder erst für Kolonialisten spannend gemacht.

Jetzt holen Sie aber ganz weit aus.

Nein, nein, Leopold II., König von Belgien hat sich dann den Kongo unter den Nagel gerissen und hat, um seine Kolonialmacht zu entfalten, die Regionalwirtschaft zerstört. Und das ist hier bei uns den Konzernen mithilfe der Regierung gelungen, mit katastrophalen Folgen. Ein Dorf mit 1.000 Einwohnern hat heute kein Wirtshaus mehr, keine Betriebe. Vor 50 Jahren war es noch möglich, von der Arbeit nach Hause zum Mittagessen zu gehen. Jetzt musst du 20, 30, 50 Kilometer in die Hacken fahren, die dich selber und die Umwelt zerstört. Du hast gar keine Alternative mehr im Dorf, weil die Zerstörung der Regionalwirtschaft in manchen Gegenden nahezu lückenlos ist. Deshalb muss man die Regionalwirtschaft wieder stärken.

Es gibt ja bereits Parteien, Sozialpartnerschaft, die sich für eine bessere Wirtschaft einsetzen wollen.

Fabian Scheitler hat es ja geschildert, seit 500 Jahren haben wir das Bündnis Militär, Wirtschaft und Herrschaft. Dieses Bündnis kommt nun an sein Ende, weil es sich ökologisch nicht mehr ausgeht. Das Bittere ist aber, dass die Regierungen die Konzerne unterstützen. Jeder vife Hauptschüler weiß heute schon, dass die Konzerne überhaupt keine Steuern zahlen.

Diesen Befund, dass Amazon, Google, Starbucks und Co. zu wenig Steuern in Österreich bezahlen, gibt es in Parteien, sogar der ÖVP.

Wunderbar, dann bin ich der Verstärker dieser Stimmen.

Warum aber docken Sie da nicht bei einer passenden Partei oder Gleichgesinnten an?

Ich finde, dass der Präsident eine Stimme des Gewissens ist. Ich bin mir sicher, dass es in der ÖVP welche gibt, die ein schlechtes Gewissen wegen des Kleingewerbes haben, in der SPÖ, weil sie Arbeiter verraten haben und Sklaverei zulassen, auch in der FPÖ gibt es Leute, die unter Freiheit was anderes verstehen, als grauslich zu Ausländern zu sein und bei den Grünen kenne ich viele, die sagen, wenn Ökologie so aussieht, brauchen wir uns nicht wundern, dass es schief geht. Da gibt es ja die schöne biblische Zeile: An den Früchten werdet ihr sie erkennen. Und die Früchte sind desaströs.

Andere Kandidaten haben bereits gesagt, sie würden als Bundespräsident die Regierung entlassen, Sie auch?

Nein. Entlassen ist ja nur der erste Schritt, dann gibt es Neuwahlen und eine neue parlamentarische Mehrheit. Wenn die dem Herrn Bundespräsidenten wieder nicht genehm ist, wählen wir dann solange, bis es das ist? Der Bundespräsident hat parlamentarische Mehrheiten zu achten. Mein Mittel wäre der Dialog. Es steht in allen Parteiprogrammen was von Nachhaltigkeit drinnen, also soll der Bundespräsident ihnen ins Gewissen reden und sagen: Setzt das endlich um!

In Österreich gibt es 50 Prozent Frauen, unter den Kandidaten sind es 100 Prozent Männer. Was haben Sie den Frauen anzubieten?

Das sieht nicht glücklich aus. Dass man Alleinerzieherinnen so hängen lasst, halte ich für einen skandalösen Missstand. Der Bundespräsident hätte die Möglichkeit, solche Stakeholder regelmäßig in die Hofburg zu holen und ihnen dann eine Stimme zu verleihen, bis sich etwas verbessert. Auch Biobauern würde ich einladen, Leute, die in der Arbeit für Arme tüchtig sind, mit Ideen für die Regionalwirtschaft. Ich habe 1980 mein erstes Geschäft aufgesperrt und Leute gefunden, die gesagt haben: Tu es, wir unterstützen dich. Damals ist die Textilindustrie zusammengebrochen, Hunderte haben ihren Arbeitsplatz verloren. Der damalige Sozialminister Alfred Dallinger hat selbstverwaltete Betriebe gefördert, mit ihm gab es einen Stimmungsmacher, hunderte Betriebe sind entstanden. Mit einem Bruchteil der Förderung, die General Motors erhalten hat. Heute ist das wieder schwieriger. Ich bin dem Herrn Bundeskanzler nicht böse, dass er keine Rezepte gegen die Krise hat. Aber er sollte Flächen freigeben, wo man experimentieren kann und alles, was dort erzeugt wird, ist steuerfrei.

Steuern finanzieren aber auch den Sozialstaat.

Die kann man sich ja von den Konzern-Ganoven holen, die jahrzehntelang keine bezahlt haben. That’s the problem. Das regt mich extrem auf.